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Politik & Gesellschaft

Abwehr der Computerkrieger

Folge der vernetzten Welt: Es wächst die Abhängigkeit von funktionierender Informationstechnologie. Deshalb soll der Cyberraum in Deutschland durch das neue Cyber-Abwehrzentrum besser geschützt werden.

Freund oder Feind - Im Cyberraum nicht immer klar erkennbar (Photo: Salzgeber)

Freund oder Feind - Im Cyberraum nicht immer klar erkennbar

Ruhig ist es am südlichen Rand von Bonn. Das Vogelgezwitscher in den Alleebäumen wird nur gelegentlich von vorüber fahrenden Autos übertönt. Hundertjährige Villen säumen die Strassen. Wie ein Fremdkörper ragt aus dieser Idylle ein nüchterner Zweckbau aus den 1970er Jahren heraus - umgeben von hohen Zäunen, Sicherheitsschleusen und Kameras. Das Gebäude gehört dem Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik, kurz BSI.

Irgendwo in diesem Betongebirge sitzen ab dem 1. April die zehn Beamten des neu gegründeten Cyberabwehrzentrums an ihren Rechnern. Das Zentrum ist Kern der im Februar vorgestellten Cyber-Sicherheitsstrategie der deutschen Bundesregierung. Neben Mitarbeitern des BSI sind auch Beamte des Verfassungsschutzes sowie des Katastrophenschutzes im Abwehrzentrum vertreten. Ihr Auftrag: Attacken erkennen, bewerten und Gegenstrategien entwickeln.

Von diesen Attacken gibt es mehr als genug. Sie waren Thema auch auf der 47. Münchner Sicherheitskonferenz Anfang Februar. Dort erklärte Kanzlerin Angela Merkel, Cyberkrieg sei ebenso gefährlich wie ein konventioneller Krieg. Und Thomas de Maiziere, damals noch deutscher Innenminister und für die Cyber-Sicherheit zuständig, schilderte das Ausmaß der Bedrohung: "Wir haben alle zwei Sekunden einen Angriff auf das Internet in Deutschland. Wir haben vier bis fünfmal am Tag Angriffe auf das deutsche Regierungsnetz, bei denen unsere Behörden sicher davon ausgehen, dass sie von ausländischen Nachrichtendiensten stammen".

Cyber-Sicherheitsstrategie für Deutschland

Abgeschirmt: Die Arbeitsplätze der Cyber-Abwehr-Spezialisten im Bonner Süden. (Foto: DW/ Matthias von Hein)

Abgeschirmt: Die Arbeitsplätze der Cyber-Abwehr-Spezialisten im Bonner Süden.

Die Bedrohung aus dem Cyberspace ist inzwischen in der Öffentlichkeit und bei den Politikern angekommen, auch international: Im vergangenen Jahr nahm das US Cyber-Command seine Arbeit auf. Die NATO zählt in ihrer im November verabschiedeten neuen Strategie Cyberangriffe zu den drei größten Bedrohungen der Gegenwart - neben Terrorismus und Massenvernichtungswaffen. Und die Sabotage der iranischen Urananreicherung durch den Stuxnet-Wurm hat aller Welt demonstriert, dass hochentwickelte Virenprogramme wie digitale Marschflugkörper in die Infrastruktur eines Gegners einschlagen können. Mit der Cybersicherheitsstrategie beginnt die deutsche Regierung, sich dieser Bedrohung zu stellen.

Der Stuttgarter Technikphilosoph Sandro Gaycken sieht eine neue Qualität der Hackerangriffe. Schließlich unterhielten inzwischen Regierungen ganze Hackertruppen: "Die sind natürlich sehr viel besser ausgestattet, sehr viel mächtiger als diese kleinen Durchschnittshacker." Wie richtig der Stuttgarter Technikphilosoph mit seiner Einschätzung liegt, zeigte sich erst am Dienstag (29.03.2011) in Australien.

Computer von australischer Ministerpräsidentin gehackt

Können weltweit zuschlagen: Hacker - auch aus dem Iran (Photo: DW/Behnam Bavandpour)

Können weltweit zuschlagen: Hacker - auch aus dem Iran

Dort wurde bekannt, dass der Computer von Premierministerin Julia Gillard gehackt worden ist - ebenso wie die Rechner von zehn Ministern ihrer Regierung. Mindestens einen Monat lang soll der Email-Verkehr der australischen Regierungsspitze mitgelesen worden sein. Und in der vergangenen Woche meldete auch die EU-Kommission in Brüssel einen schwerwiegenden Cyber-Angriff.

Als Reaktion wurde der Zugriff auf das Email-Netzwerk sowie das Intranet der Kommission von außen gesperrt. Sämtliche Mitarbeiter wurden angewiesen, ihre Passwörter ändern. Der Angriff geschah im Vorfeld eines Gipfeltreffens, auf dem über so wichtige Fragen entschieden wurde wie die zukünftige Struktur der EU, den Euro-Rettungsschirm und den Krieg in Libyen.

Milliardenschaden in der Wirtschaft durch Cyberspionage

Als Teil der Cybersicherheitsstrategie der deutschen Bundesregierung nahm am Dienstag auch die Task Force "IT-Sicherheit in der Wirtschaft" ihre Arbeit auf. Noch immer richten sich die meisten Cyber-Angriffe nämlich gegen wirtschaftliche Ziele. Wirtschaftsminister Rainer Brüderle sorgt sich dabei nicht allein um die Betriebsgeheimnisse der großen Firmen. Sorge bereiten ihm vor allem die kleinen und mittleren Unternehmen. Viele von denen haben nach Ansicht Brüderles die Gefahr aus dem Netz noch nicht richtig erkannt. Den Schaden durch Wirtschaftsspionage per Cyberangriff schätzt Brüderle bei einer hohen Dunkelziffer auf einen "zweistelligen Milliardenbetrag".

Wachstumsbranche Cyber-Sicherheit: Das BSI sucht Personal. (Photo: DW/Matthias von Hein)

Wachstumsbranche Cyber-Sicherheit: Das BSI sucht Personal.

An den Start geht am 1. April auch der neu gegründete "Nationale Cyber-Sicherheitsrat". Darin sind das Bundeskanzleramt, mehrere Ministerien sowie die Bundesländer vertreten. Dieser Sicherheitsrat unter Leitung der IT-Beauftragten der Bundesregierung, Cornelia Rogall-Grothe, soll die Zusammenarbeit zwischen Staat und Wirtschaft im Bereich der Cyber-Sicherheit stärken und strukturelle Krisenursachen identifizieren sowie diese nach Möglichkeit beseitigen. Mit Informationen und Empfehlungen gefüttert wird das Gremium vom neuen Cyber-Abwehrzentrum. Dessen Auftrag hört sich martialischer an, als es der idyllische Süden von Bonn vermuten lässt.

Autor: Matthias von Hein

Redaktion: Hartmut Lüning