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Wirtschaft

Absturz des Billigfliegers

Joachim Hunold, Chef der zweitgrößten deutschen Airline, wirft das Handtuch. Nachfolger soll der frühere Bahnchef Mehdorn werden. Die Krise bei Air Berlin ist symptomatisch für die Branche der Billigflieger.

Joachim Hunold, Vorstandsvorsitzender der Fluggesellschaft Air Berlin (Foto: AP)

Air-Berlin-Chef Joachim Hunold tritt zurück

Mal eben zum Fußball nach Helsinki? Frühstück in London und abends mit der Liebsten in die Scala nach Mailand? Alles kein Problem und seit einigen Jahren auch für den Durchschnittsverdiener durchaus erschwinglich - dank der sogenannten Billigflieger. Kampfpreise von 29 Euro fürs Ticket machen es möglich. Dafür muss der Jet-Setter zwar deutliche Abstriche beim Komfort machen, aber der Preis ist halt ein gutes Argument.

Damit könnte es bald vorbei sein. Die Billigflieger müssen immer knapper kalkulieren, weil die Preise für den Treibstoff steigen und seit Jahresbeginn noch die Ticketsteuer hinzugekommen ist. Sie wird bei jedem Flug erhoben, der von einem deutschen Flughafen abhebt und reicht von 8 bis 45 Euro. Dazu kommt, dass es für innerdeutsche Flüge demnächst Konkurrenz geben wird, die auch die billigsten Flugpreise noch unterbieten wird: Fernbusverbindungen zwischen den Großstädten. Sollte auch noch der CO2-Emissionshandel, wie es die EU beabsichtigt, auf den Flugverkehr ausgeweitet werden, würde das Fliegen sogar noch teurer werden.

Aktie unter Druck

Besonders schlimm hat es den deutschen Billigflieger Air Berlin getroffen. Die Aktie des Unternehmens ist in den vergangenen Wochen stark unter Druck geraten. Für den Luftfahrt-Analysten des Bankhauses Metzler, Jürgen Pieper, ist das die logische Konsequenz der Geschäftsentwicklung von Air Berlin. Seit dem Börsengang habe die Fluglinie nie ihre Unternehmensziele erreicht und die Gewinnerwartungen stets unterboten. Die Kursentwicklung sei ein Beleg dafür, sagte er im Gespräch mit DW-WORLD.DE, "dass Air Berlin nicht wirklich gut durch die Zeiten gesteuert wird".

Air-Berlin-Maschine (Foto: AP)

Air Berlin liegt buchstäblich am Boden

Gerade Air Berlin habe, so Pieper, unter der Ticketsteuer gelitten. Viele Passagiere aus grenznahen Gebieten seien in das benachbarte Ausland ausgewichen und hätten, etwa von Maastricht aus, andere Billigangebote gebucht. Das niederländische Masstricht ist von den großen Städten Nordrhein-Westfalens aus gut zu erreichen. Das Bundesland ist mit rund 17 Millionen Einwohnern ein wichtiger Markt für deutsche Fluglinien.

Hunold geht - Mehdorn kommt

Ex-Bahnchef Hartmut Mehdorn (Foto: AP)

Hartmut Mehdorn soll's nun richten

Am Donnerstag (18.08.2011) hat der Vorstandschef und Gründer von Air Berlin, Joachim Hunold, seinen Rückzug von der Geschäftsleitung zum 1. September angekündigt. Dem Aktienkurs tat diese Mitteilung zwar kurzfristig gut, aber die Gesellschaft wird dem scheidenden Chef zufolge auch in diesem Jahr keine Gewinne einfliegen. Nachfolger von Hunold soll zumindest vorübergehend Hartmut Mehdorn werden. Branchenkenner Pieper vermutet, der ehemalige Chef der Deutschen Bahn werde "als Übergangskandidat für ein, zwei Jahre" das Unternehmen führen und dabei "Kosten senken und Air Berlin auf harte Zeiten einstellen".

Air Berlin wird also sparen müssen und dünnt bereits das Streckennetz aus. Zunächst soll die Konzentration den Drehkreuzen Berlin, Düsseldorf, Wien und Palma de Mallorca gelten.

Schwierige Zeiten

Auch andere Billiganbieter im Luftverkehr leiden unter den harten Zeiten, so ist beispielsweise auch die Lufthansa-Tochter Germanwings in die roten Zahlen gerutscht. Dass es auch anders geht, zeigt die "Mutter der Sparfliegerei", die irische Ryanair. Das Unternehmen hat im ersten Quartal 2011 seinen Umsatz deutlich steigern können - trotz steigender Kerosinpreise und Einschränkungen des Luftverkehrs durch den Vulkanausbruch auf Island. Um allerdings das Gewinnziel für 2011 zu erreichen, werden die Iren ihr Winterflugangebot zusammenstreichen und die Ticketpreise um bis zu zwölf Prozent anheben, hieß es aus Dublin.

Mit Gebühren versuchen die Billigflieger schon seit einiger Zeit, die gestiegenen Betriebskosten so an die Passagiere weiterzugeben, dass sie es nicht sofort merken. Der Trick: Bevor die Ticketpreise erhöht werden, werden dem Passagier allerlei Nebenkosten in Rechnung gestellt. Inzwischen muss für jedes Gepäckstück extra bezahlt werden und der Imbiss an Bord geht auch nicht mehr "aufs Haus". Immer wieder werden auch bizarr anmutende Posten erfunden, die nur so lange nicht umgesetzt werden, wie die Passagiere laut protestieren. Dazu gehört die Einrichtung von Stehplätzen im Flieger (denn das würde die Sicherheit gefährden) oder die Einführung von Toilettengebühren - noch ist es dazu nicht gekommen.

Das Ende der Billigfliegerei

Ein Flugzeug fliegt am hell leuchtenden Vollmond vorbei (Foto: dpa)

Müssen die Airlines erst für die Abgase bezahlen, könnte es bald mehr Platz am Himmel geben

Eine weitere ernste Bedrohung für die Branche der Billigflieger sind die Pläne der EU, den Flugverkehr in den Emissionshandel einzubeziehen. Sollten die Unternehmen an den Kosten ihres CO2-Ausstoßes beteiligt werden, würde dies das Fliegen deutlich teurer machen. Im Gespräch mit DW-WOLRD.DE weist Luftfahrtanalyst Jürgen Pieper aber auf die andere Seite der Medaille hin: "Der Emissionshandel muss kein Nachteil sein." Eine solche Belastung könnte für jene ein Gutes haben, deren Flotte modern und abgasarm ist. Sie müssten dann weniger bezahlen als die Konkurrenz mit veralteten Maschinen und hätten so einen "relativen Wettbewerbsvorteil".

Schaut man auf die überbordende Fantasie der Airlines, für weniger Service mehr Geld zu verlangen, die gleichzeitige Ausdünnung der Flugpläne und bedenkt die Preisentwicklung bei den Flugtickets, dann sieht die Zukunft der Billigfliegerei nicht rosig aus. Der Passagier muss sich mit dem Gedanken anfreunden, dass die Zeit der billigen Flugreisen bald vorüber sein könnte.

Autor: Dirk Kaufmann
Redaktion: Zhang Danhong

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