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Kultur

Abstieg in die Hölle

Willkür, Sadismus, Folter und die Sehnsucht nach Liebe – Werner Schroeters neuer Film "Diese Nacht" erzählt von den Schrecken eines Bürgerkriegs. Spannend, fesselnd und opulent.

Filmplakat zu Diese Nacht von Werner Schroeter

Santa Maria, eine fiktive Hafenstadt, versinkt im Chaos. Noch leuchten ihre Fassaden majestätisch in der tiefblauen Nacht. Doch eine Cholera-Epidemie ist ausgebrochen und nach dem Sturz der Regierung herrscht Anarchie. Rivalisierende Gruppen kämpfen um die Macht, eine brutale Geheimpolizei wütet. Jedermann ist verdächtig, jeder kann jeden schuldig sprechen.

Keine Frage, Werner Schroeters Kinoproduktion "Diese Nacht" ist sein düsterster Film, eine Parabel über Profitgier und Selbstzerstörung. Nicht zufällig hat der schwer an Krebs erkrankte 64-jährige Regisseur seinem Film ein Shakespear-Zitat vorangestellt: "Von allen Wundern, die ich je gehört, scheint mir das größte, dass sich die Menschen fürchten; da sie doch sehen, der Tod, das Schicksal aller, kommt, wann er kommen soll."

Angst, Hilflosigkeit und der Gedanke an Flucht

Szene aus dem Film Diese Nacht

Filmheld Ossorio (Pascal Greggory) und seine Freundin Irene (Amira Casar)

Angst, so meint Schroeter, sei schließlich das furchtbarste Machtausübungsmittel. "Mit Angst können sie Menschen zu Tode regieren", sagt er. "Es ist der Grundtenor jeder Diktatur und jedes absoluten Systems."

Im Mittelpunkt seines Films, der auf dem Roman des uruguayischen Schriftstellers Juan Carlos Onetti basiert, steht der Arzt Luis Ossorio Vingale. Er ist der Held einer gescheiterten Widerstandsbewegung, der auf der Suche nach seinen einstigen Freunden und seiner Geliebten zurück nach Santa Maria kommt.

Doch nicht nur die Situation in der belagerten Stadt hat sich verändert, auch seine Freunde sind anders geworden. Während eine hemmungslose Miliz Santa Maria terrorisiert, versucht jeder nur noch seine eigene Haut zu retten. Auch Ossorio versucht schließlich zu flüchten. Dafür bleibt ihm nur eine Nacht.

"Diese Nacht" ist große Oper

Werner Schroeter

Trotz aller Gewalt - Werner Schroeter glaubt an das Prinzip Hoffnung

Schroeters Film ist das Protokoll eines Abstiegs in die Hölle. Die alte Macht ist abgesetzt, die neue hat noch keine Wirkung, im Übergang lösen sich alle Regeln auf. "Diese Nacht" ist große Oper, ein mulitmediales Gesamtkunstwerk im imposanten nächtlichen Dekors, mit ästhetisierten radikalen Gewaltszenen und viel klassischer Musik – ein Rausch der Farben und Gefühle. Die Musik sei dabei keineswegs nur Untermalung, betont Schroeter. "Sie ist hier sehr kritisch eingesetzt", sagt er. "Les Préludes" von Liszt stehe für die Gewalt des Terrorregimes, Beethovens Violinkonzert für die Opfer. Die Musik umgebe sie "wie eine Schutzhülle".

Am Ende nimmt ein riesiges Schiff, auf das die Bewohner von Santa Maria flüchten wollten, ohne einen einzigen Passagier an Bord Kurs in die Freiheit. Es ist ein Abschied von der Utopie des Humanismus, könnte man meinen. Ganz so pessimistisch will der 64-jährige Regisseur allerdings nicht verstanden wissen. Denn letztlich glaubt Schroeter an die Vitalität der Liebe und das Prinzip Hoffnung. "Die Hoffnung stirbt zuletzt", betont er. "Die Utopie muss erhalten bleiben, denn der Gedanke an Veränderung ist eine natürliche Notwendigkeit des Menschen."

Autorin: Kirstin Liese

Redaktion: Sabine Damaschke