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Politik

Abschied von Rossija und der Sowjet-Ära

Das Moskauer Hotel Rossija war einst Symbol sowjetischer Ungastlichkeit und Ausdruck architektonischer Geschmacklosigkeit. Zuletzt bot es zumindest günstige Übernachtungen. Nun nehmen die Moskauer Abschied von Rossija.

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Stephan Hille

Nun also ist es soweit: Zum Jahresende gingen im legendären Hotel Rossija direkt neben dem Kreml die Lichter aus. Die legendäre Bettenburg mit 3170 Zimmern soll abgerissen werden. Damit verliert das Zentrum Moskaus einen seiner charakteristischen Bauten. Als schön konnte dieser gigantische Kasten, der wie ein riesiger Schuhkarton aus Marmor und Glas zwischen dem Roten Platz und dem Moskwa-Fluss liegt, nie gelten. Und doch hatten sich bei einer Umfrage 70 Prozent der Befragten gegen den Abriss von Europas größtem Hotel ausgesprochen. Jahrzehntelang prägte der atemberaubend hässliche Monsterbau mit einer Kapazität von über 5000 Betten die Moskauer Silhouette. Die Moskauer Behörden und allen voran der Bürgermeister Juri Luschkow begründeten den bereits vor zwei Jahren gefällten Abriss-Beschluss damit, dass die Herberge technisch veraltet sei und nicht dem Bild einer modernen urbanen europäischen Hauptstadt entspreche.

Irrungen und Wirrungen

Das Argument hat durchaus etwas für sich. Denn der Bettenbunker galt eher als Servicewüste. Die einzige Annehmlichkeit war die unschlagbare Nähe zum Zentrum und die Möglichkeit, zum sensationell günstigen Preis von 70 Euro pro Nacht mit Blick auf den Kreml zu wohnen. Seit der Eröffnung 1968 haben schätzungsweise zehn Millionen Gäste hier übernachtet. Wie viele Touristen sich aber in dem Labyrinth von acht Kilometer langen Korridoren verirrt haben, weiß niemand. Viele Reisebüros empfahlen den ausländischen Touristen, ein Zimmer ohne Frühstück zu nehmen, da man den Speisesaal ohnehin nicht finden würde.

Das "Rossija" passt tatsächlich nicht in das heutige Moskau, wo ein Luxushotel nach dem anderen eröffnet - freilich mit stolzen Zimmer-Preisen. Seitdem die letzten großen sowjetischen Hotels wie das "Intourist" und das "Moskwa" komplett abgerissen worden sind, ist es praktisch unmöglich, in Moskau ein erschwingliches Hotelzimmer zu finden. Mit dem Abriss des "Rossija" geht nun jene sowjetische Epoche zu Ende, in der es darauf ankam, Touristen wie Gepäck in einem Schließfach zu verwahren, nicht aber ihnen Komfort oder Behaglichkeit zu gewähren. In der Monster-Herberge gab es weder VIP-Lounges noch einen höflichen Service. Die Paradeauffahrt an der Nordseite musste schon vor Jahren wegen Baufälligkeit gesperrt werden.

Massage gefällig?

Dafür aber konnte man im "Rossija" noch jenen Charme (der keiner war) aus der untergegangenen Epoche der Sowjetzeit erahnen. Im Hauptfoyer drängelten sich Neuankömmlinge wie auf einem orientalischen Basar. Dazwischen lungerten zwielichtige Taxi-Fahrer, die darauf hofften, ahnungslose Gäste aus dem Westen übers Ohr zu hauen. Ein Lächeln von den Rezeptionistinnen oder Kellnerinnen zu bekommen, war ebenso unwahrscheinlich wie sechs Richtige im Lotto. Allenfalls von den vielen Prostituierten, die überraschend schnell wussten, auf welchen Zimmern alleinstehende Männer abgestiegen waren, konnte ein gewisser dienstleistungsorientierter Charme erwartet werden. Wer gewisse Dienstleistungen aber nicht in Anspruch nehmen wollte, war gut beraten, die Telefonleitung auf dem Zimmer zu kappen, wollte er mitten in der Nacht nicht durch Anrufe wie "Do you want to dance?" oder "Do you want a massage?" aus den Federn geholt werden.

Gebaut wurde das "Rossija" in den sechziger Jahren, um den Tausenden von Delegierten, die zu den Parteitagen aus allen Ecken der Sowjetunion anreisten, ein Übernachtungsquartier zu bieten. Häufig mussten sich wegen Platzmangels sogar einander wildfremde Sowjetbürger ein Doppelzimmer teilen. Nun wird bald die Abrissbirne dem Hotelgiganten den Garaus machen. Damals musste für den Bau ein ganzes Altstadtviertel weichen. Nun muss das "Rossija" einem neuen Luxus-Hotel-Komplex im Stil eines Palastes des historischen Moskauer Viertels Kitai-Gorod Platz machen.