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Nahost

Abschied von der Vergangenheit

Nach dem Sturz Assads müssen die Syrer ein neues Staatsverständnis entwickeln. Grundlagen dafür sollten die Teilnehmer des Workshops "The Day After" legen. Doch der Blick zurück ist schmerzhaft und voller Parallelen.

Noch hält sich Präsident Baschar al-Assad an der Macht, doch die Planspiele für ein Syrien ohne ihn haben längst begonnen. "The Day After: Supporting a Democratic Transition in Syria" nennt sich eine Arbeitsgruppe von Oppositionellen, die in Berlin unter dem Dach der "Stiftung Wissenschaft und Politik" Vorschläge für eine demokratische Ordnung des Landes nach dem Sturz des Präsidenten ausgearbeitet haben. Beschäftigt haben sie sich auch mit der Frage, wie Syrien seine jüngste Geschichte aufarbeiten kann - eine Vergangenheit, deren gewalttätigste Phase zwar in die letzten anderthalb Jahre fällt, die aber historisch viel weiter zurückreicht.

"Eine zutiefst verwundete Gesellschaft"

Die syrische Anthropologin Afra Jalabi. (Foto: privat)

Anthropologin Afra Jalabi: "Syrien ist zutiefst verwundet"

Mit den Auswirkungen der letzten Jahrzehnte, erklärt die Anthropologin und Publizistin Afra Jalabi, müssten sich die Syrer noch lange beschäftigen - zu repressiv sei die Herrschaft von Hafez und seinem Sohn Baschar al-Assad gewesen, als dass man die Zeit einfach abschütteln könne. Ganz zentral, erklärt sie, komme es darauf an, dass ihre Landsleute die repressive Politik des Regimes angemessen verarbeiteten und zu möglichst normalen Zuständen zurückfänden. Das stelle sie aber vor erhebliche Herausforderungen. "Denn Syrien ist eine zutiefst verwundete Gesellschaft."

Foto einer weinenden Syrerin, deren Haus von der syrischen Armee verwüstet wurde, 5.8. 2012. (Foto: AP)

Schrecken des Krieges

Diese Wunden haben vielfältige Ursachen, die eng mit der Gewaltherrschaft von Vater und Sohn Assad verbunden seien. Was diese Herrschaft bedeutet habe, könne man sich außerhalb Syriens nur schwer vorstellen, erklärt Jalabi. "Man trifft in dem Land kaum jemanden, der nicht Verwandte hat, die getötet wurden oder Zeit im Gefängnis verbrachten. Ironischerweise gilt das auch für Angehörige des Regimes selbst." Sie selbst kenne in ihrem näheren Umfeld einen Mann, der 31 Jahre im Gefängnis verbracht habe, und zwar ohne formale Anklage. Gerüchten zufolge - das Regime selbst habe sich nie offiziell geäußert - verdächtigten ihn die Behörden, Kontakte zur Opposition im Untergrund zu haben. Diese Anschuldigungen habe der Mann stets bestritten. Dennoch blieb er über Jahrzehnte in Haft. "Als er ins Gefängnis ging, war sein Sohn ein Jahr alt. Als er raus kam, war dieser Sohn 32." Es gebe viele unbescholtene Syrer mit ähnlichen Schicksalen, erklärt Jalabi. Ebenso gebe es auch viele Verschwundene. "Wahrscheinlich sind sie tot. Aber eindeutig wissen wir es nicht."

Keine Gesetzesherrschaft unter Assad

Darum werde es zunächst vor allem darauf ankommen, das Vertrauen der Menschen in den Staat wieder herzustellen, erklärt der Aktivist und Menschenrechtler Rami Nakhla, der auch zur Arbeitsgruppe gehört. Die Syrer hätten nicht nur unter der Gewalt des Regimes zu leiden gehabt - ebenso hätten sie erfahren müssen, dass vor dem Gesetz längst nicht alle gleich waren. "In Syrien unter Assad wusste jedermann, dass es keine Gesetzesherrschaft gab. Wenn man gut vernetzt war, wenn man Macht und Geld hatte, dann stand man nicht unter dem Gesetz." Darum, erklärt er, bemühten sich die in Berlin zusammengetroffenen Oppositionellen, als durchgängiges Prinzip nun die Herrschaft des Gesetzes zu begründen, die keine Ausnahmen kenne. "Ob arm oder reich, bekannt oder unbekannt: Das Gesetz soll für alle Syrer als Staatsbürger dasselbe sein."

Aufarbeitung der Vergangenheit

Ein Massengrab mit Opfern des Massakers von Daraya, 26.8.2012. (Foto: AP)

Folgen der Diktatur: Tote des Massakers von Daraya

Damit die Syrer auf Distanz zu den 40 Jahren Diktatur und Willkürherrschaft gehen können, empfiehlt die Arbeitsgruppe, möglichst umgehend eine Historiker-Kommission einzuberufen. Diese soll nicht nur die Gewalt während der Revolutionszeit, sondern auch die der vorhergehenden Jahre und Jahrzehnte aufarbeiten. Natürlich, räumt Afra Jalabi ein, hätten die Syrer seit Ausbruch der Revolution ein bislang unbekanntes Maß von Repression und Brutalität erlebt. Dennoch sei es nötig, sich nicht nur mit dieser Zeit zu beschäftigen. Denn die jüngere Geschichte kenne viele Ereignisse politischer Gewalt - so etwa das Massaker von Hama aus dem Jahr 1982, bei dem das Regime Tausende aufständischer Muslimbrüder tötete. Ebenso müsse man über die bis zu 80.000 Personen sprechen, die in den 1980er Jahren verschwanden, als Assad mit aller Gewalt gegen die verbliebenen Aufständischen vorgegangen sei. "Damals praktizierte Assad Kollektivstrafen gegen die Bevölkerung. Darunter litten auch viele Unschuldige."

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