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Europa

Abschied vom Verbrechen

Serbien lebt noch immer im Ausnahmezustand – obwohl der Mord an Ministerpräsident Djindjic Wochen zurückliegt. Richtig wohl ist keinem dabei, doch die Bevölkerung versteht die Kontrollen. Und hofft auf Gerechtigkeit.

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Beängstigend oder bloß gründlich?

Mittlerweile sind im Zusammenhang mit dem Mord an Zoran Djindjic fast 2000 Personen festgenommen worden – doch weniger Polizei-Aktionen gibt es deshalb nicht. Denn die großen Drahtzieher der Tat sind weiter auf der Flucht. Vor allem einen wollen die Beamten zu fassen bekommen: den Hauptverdächtigen Milorad Lukovic, genannt "Legija". Er war seinerzeit Befehlshaber der Einheit für Sondereinsätze, die auch unter dem Namen "Rote Barette" bekannt war. Diese Einheit erledigte während des Regimes von Slobodan Milosevic die Schmutzarbeit: von Einbrüchen bis hin zu politisch motivierten Morden.

Angst spornt an

Dass die Polizei bislang sowohl einfache Verbrecher als auch einflussreiche Persönlichkeiten aus der Justiz, der Polizei und sogar der Armee verhaftet hat, sorgt bei der Bevölkerung für Erleichterung. Allerdings sei die kollektive Angst noch nicht ganz gewichen, sagt Bora Kuzmanovic, Professor für Sozial-Psychologie in Belgrad. "Es gibt immer noch Furcht vor der Rache der übrigen Kriminellen; Furcht, dass ihre Vereinigungen fortbestehen könnten und sie sich nicht vor Recht und Gesetz verantworten müssen." Diese Angst könne allerdings auch positive Effekte mit sich bringen: "Die Motivation könnte sich noch steigern, so dass im Kampf gegen das organisierte Verbrechen größere Erfolge erzielt werden als anfänglich angenommen."

Vertrauen wächst allmählich

Die Menschen auf der Straße begrüßen einhellig die Polizei-Aktionen. Doch die schlechten Erinnerungen an die Zeit des Milosevic-Regimes wirken noch nach. "Von Vertrauens-Gewinn kann man wohl nicht sprechen", meint ein Lastwagenfahrer. "Es ist eher so, dass ich den Ekel vor der Polizei verliere."

Durch die Verhängung des Ausnahmezustandes fühlt er sich nicht negativ berührt: "Wir können uns frei bewegen. Es werden nur Besitzer von Luxus-Autos angehalten. Das befürworten aber die einfachen Leute." Es gebe auch keine Repressalien der Polizei gegen die normale Bevölkerung. Statt Angst fühlen also viele Menschen Erleichterung.

Verständnis mischt sich mit Skepsis

Dennoch hat sich das Stadtbild in Belgrad verändert: Viele Tische in Restaurants und Cafés bleiben leer. "Sicher fühle ich mich nicht wohl und unbefangen", sagt ein Gast. Im Prinzip störe ihn der Ausnahmezustand aber nicht: "Ich verstehe den Zweck." Unangenehm findet er die Straßenkontrollen als Nicht-Krimineller allerdings doch irgendwie.

Sein Tischnachbar betrachtet die Behörden deutlich skeptischer. "All diese Menschen, die heute bei der Polizei arbeiten, haben dort auch schon zu Milosevics Zeiten gearbeitet", sagt er. "Sie haben der einfachen Bevölkerung alles mögliche angetan. Die Polizei müsste von einigen Leuten gesäubert werden."

Glaube an die Gerechtigkeit kehrt zurück

Der Name Milosevic löst bei vielen noch immer heftige Reaktionen aus, weil sein Regime eng mit der Mafia verflochten war. Doch gerade die Abrechnung mit dem organisierten Verbrechen könne auch eine große Chance sein, erklärt der Psychologe Kuzmanovic.

Besonders die Jugend habe mehr als zehn Jahre lang kriminelle Vorbilder gehabt. Das sei nun vorbei: "Die Bevölkerung erlebt den derzeitigen Zustand als eine moralische Katharsis und als ein Zeichen dafür, dass endlich wieder Gerechtigkeit einkehrt. Jetzt können sie ihren Kindern, ihren Nachbarn und sich selbst sagen, dass doch das Gute siegt und dass es sich nicht lohnt, Verbrecher zu sein."

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