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Deutschland

Abschied mit Pauken und Trompeten

Blanke Helme und Militärmusik vor Schloss Bellevue: Zum Abschied für Ex-Bundespräsident Wulff in Berlin soll die Bundeswehr aufmarschieren. Kritiker halten das Ganze für peinlich. Manche bleiben der Zeremonie fern.

Pünktlich um 18.55 Uhr soll sich Bundespräsident a.D. Christian Wulff zu einem Podest im Park seines einstigen Amtssitzes Schloss Bellevue begeben. Fünf Minuten später werden über 300 Soldatinnen und Soldaten der Bundeswehr, ausgerüstet mit Gewehren, Fackeln oder Musikinstrumenten, zu den Klängen des Yorckschen Marsches aufmarschieren und ein Offizier wird melden: "Herr Bundespräsident a. D., Ehrenformation zur Serenade und zum Großen Zapfenstreich angetreten." Das sieht der Ablaufplan für Christian Wulffs militärische "Farewell-Party" am Donnerstagabend in Berlin vor. Später soll das Stabsmusikkorps der Bundeswehr eine Serenade für den zurückgetretenen Präsidenten spielen, darunter den Judy-Garland-Klassiker "Somewhere over the rainbow" und Beethovens "Ode an die Freude". Zum Abschluss geht der eigentliche Zapfenstreich über die Bühne, mit Marschmusik, "Helm ab zum Gebet" und Nationalhymne, alles live im Ersten Deutschen Fernsehen.

Vom Mittelalterritual zur "üblichen Staatspraxis"

Die Ursprünge des Rituals reichen bis ins späte Mittelalter zurück, als in den Kneipen ein Offizier auf den Zapfen der Fässer schlug, um das Ausschank-Ende und den Abmarsch der Soldaten in die Unterkünfte zu signalisieren.

Bundespraesident Christian Wulff unterhaelt sich in Masar-i-Scharif in Afghanistan waehrend eines gemeinsamen Grillabends mit deutschen Soldaten (Foto: dapd)

Wulff mit Bundeswehrsoldaten in Afghanistan

Für Wulff folgt die endgültige Rückkehr in sein mit einem umstrittenen Privatkredit finanziertes Eigenheim in Großburgwedel bei Hannover. Dass der Ex-Präsident und seine Frau dort bald zur Ruhe kommen, ist zu bezweifeln, denn die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen des Verdachts der Vorteilsnahme während seiner Amtszeit als niedersächsischer Ministerpräsident. Der Unmut über seinen Ehrensold von jährlich rund 200.000 Euro wird ihn ebenso verfolgen wie der Streit darum, ob man den erst 52-jährigen Ex-Präsidenten nach nur 20 Monaten Amtszeit wie üblich mit Dienstwagen samt Chauffeur, Sekretärin und Büro ausstatten sollte, und zwar bis zum Lebensende. Letzteres ist eine Entscheidung des Haushaltsausschusses des Parlaments, wo sich wegen der enormen Kosten bereits energischer Widerstand regt.

Nicht weniger umstritten ist die Ehrung Wulffs durch einen Großen Zapfenstreich. Als ihm Verteidigungsminister Thomas de Maizière das höchste militärische Zeremoniell der Bundeswehr zum Abschied offerierte, verwies er auf "übliche Staatspraxis" und darauf, dass "im Vordergrund das Amt" stehe.

Nur Heinemann wollte lieber Boot fahren

Tatsächlich ist die pompöse Verabschiedung durch die Bundeswehr in Deutschland seit Jahrzehnten ein übliches Ritual für Bundespräsidenten, Kanzler und Verteidigungsminister. Der Sozialdemokrat und Pazifist Gustav Heinemann tanzte 1974 als Einziger aus der Reihe, und lud seine Gäste zur Bootsfahrt auf dem Rhein statt zur Marschmusik.

Der SPD-Politiker und Bundespräsident Gustav Heinemann mit erhobener linker Hand

Gustav Heinemann: Kein Zapfenstreich

Besonders imposant geriet dagegen der Große Zapfenstreich im Jahr 1998 für den "Kanzler der Einheit", Helmut Kohl, der vor fast 15.000 Zuschauern am Kaiserdom in Speyer seinen "Übergang in die Geschichte" zelebrierte, wie ein Augenzeuge bemerkte. Gerhard Schröder traten 2005  beim Großen Zapfenstreich zu seinen Ehren in seiner Heimatstadt Hannover die Tränen in die Augen, als die Bundeswehr für ihn Sinatras "My way" intonierte.

Selbst für Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg, unrühmlich bekannt wegen seiner in großen Teilen als Plagiat entlarvten Doktorarbeit, spielte im März vergangenen Jahres zum Abgang die Bundeswehr auf, unter anderem "Smoke on the water" von Deep Purple.

Ein Lied zu viel auf der Wunschliste

Unter dem beleuchteten Dom zu Speyer steht auf dem Festplatz die Ehrenformation der Bundeswehr mit brennenden Fackeln

Große Inszenierung für Helmut Kohl vor dem Dom zu Speyer

Christian Wulffs musikalische Wunschliste besteht aus vier Titeln, einer mehr als die üblichen drei, womit der Kurzzeit-Präsident den Medien erneut eine Vorlage für Häme lieferte: Wulff könne selbst dabei nicht genug kriegen. Doch auch ernsthafte Kritik gibt es, SPD-Chef Sigmar Gabriel spricht von einer großen Peinlichkeit: "Da wird einer, der im Amt gescheitert ist, so verabschiedet, als habe er Großes für Deutschland geleistet." Der als Kanzlerin-Vertrauter geltende Unionspolitiker Peter Altmaier sieht es anders: Wulff habe immerhin mit seinem Rücktritt dem Land eine monatelange, quälende Debatte erspart und verdiene dafür Respekt.

Zum Zapfenstreich am Donnerstag habe es eine Reihe von Absagen gegeben, heißt es in Berlin. Auch die eingeladenen Alt-Präsidenten Scheel, von Weizsäcker, Herzog und Köhler würden nicht kommen. Dagegen gilt die Teilnahme von Bundeskanzlerin Angela Merkel und Bundestagspräsident Norbert Lammert als sicher.

Autor: Bernd Gräßler
Redaktion: Peter Stützle

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