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Kultur

Abschiebung als Bühnenstoff

Ein Kölner Theater widmet sich einem komplexen Thema: "Deportation Cast" handelt von Abschiebungen aus Deutschland. Das Stück will über Asylrechte aufklären und auf die Schicksale Betroffener aufmerksam machen.

Auf der Bühne herrscht betretenes Schweigen. Die junge Elvira, gespielt von Mirka Flögl, ist traurig, wütend und frustriert zugleich. Bis vor ein paar Wochen ging sie noch in Deutschland zur Schule. Dort, wo sie auch aufgewachsen ist. Jetzt wohnt sie auf einer Müllkippe im Kosovo. Sie vermisst ihren Freund Bruno, in den sie sich frisch verliebt hatte. Elviras Familie flüchtete einst vor dem Kosovo-Krieg und kam nach Deutschland. Nach vielen Jahren wurden sie nun wieder ausgewiesen. Zurück im Kosovo werden sie als Roma von der Gesellschaft ausgegrenzt. Elvira will nichts mit diesem Land zu tun haben, das ihr zu schaffen macht und in dem sie sich sprachlich nicht verständigen kann.

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Diskriminierung im Kosovo

Das Drama "Deportation Cast" von Björn Bicker thematisiert die Abschiebungen aus Deutschland. 2012 erhielt Bicker für dieses Werk den Deutschen Jugendliteraturpreis, einen der wichtigsten deutschen Staatspreise für dramatische Literatur für Kinder und Jugendliche. Die Jury begründete: Mit subjektiven Blickwinkeln zeige das Stück auf, wo die Gesellschaft an ihre Grenzen stößt. Der Zuschauer erfahre von den Leerstellen und Defiziten eines Systems im Umgang mit Menschen.

Tragische Schicksale

Ein Mann redet mit einer Frau. Hinter ihnen schwenkt eine Frau die deutsche Fahne. (c)MEYER_ORIGINALS

Die Figuren haben schwere Schicksale nach der Abschiebung aus Deutschland

 Seit der Uraufführung in Hannover wird das Stück in verschiedenen Städten Deutschlands aufgeführt, darunter Köln, wo Regisseur Gerhard Roiß "Deportation Cast" auf die Bühne des Theaters im Bauturm bringt. Die Zuschauer sitzen in diesem überschaubaren Theater dicht am Geschehen. Das Stück soll ihnen auch so nahe wie möglich gehen. "Ich habe gemerkt, dass das Thema einfach viel größere Dimensionen hat, als man es in der Öffentlichkeit mitbekommt. Deshalb wollte ich dieses Theaterstück unbedingt inszenieren, um auf die persönlichen Schicksale aufmerksam zu machen", erklärt Roiß.

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Aus der Heimat herausgerissen

Da ist zum einen Elvira, die sich in ihrer "Heimat", dem Kosovo, fremd und ausgegrenzt fühlt. Ihr kleiner Bruder Egzon ist seit seiner Kindheit verstummt, da er durch den Krieg traumatisiert wurde. Die Eltern der beiden sind depressiv und gebrandmarkt von der Vertreibung, der Flucht und der Abschiebung zurück in das problematische Heimatland.

Abschiebung tausender Menschen

Eine junge Frau sitzt oben ohne, mit dem Rücken zu uns gewandt. Im Hintergrund hängt eine Leuchttafel mit der Aufschrift Hommag (c)MEYER_ORIGINALS

Elvira verarmt im Kosovo und driftet in die Prostitution

"Deportation Cast" soll auf der einen Seite die Komplexität der Abschiebungsverfahren vorführen, doch vor allem will das Stück einen emotionalen Zugang schaffen. Nachdem tausende Roma in den 1990er Jahren vor den Bürgerkriegen im ehemaligen Jugoslawien flohen, gewährte Deutschland einigen von ihnen Zuflucht. Mittlerweile leben die Flüchtlinge teilweise seit 20 Jahren in Deutschland, haben Kinder, die hier geboren, aufgewachsen und integriert sind. Dann folgte eine Abschiebungswelle. Nach Angaben des Kölner Flüchtlingsrats e.V. wurden 2012 rund 7000 Abschiebungen von der Bundesregierung gezählt - 444 davon in den Kosovo. Möglich macht es das 2010 geschlossene "Rückübernahmeabkommen" zwischen der Bundesregierung und der Republik Kosovo. Den Roma, die aufgrund des Kosovo-Kriegs eine Duldung in Deutschland bekommen haben, fehlte nun der Aufenthaltsgrund.

Für die einzelnen Betroffenen hat das tragische Folgen. Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge stuft die Lage vor Ort zwar als sicher ein. Menschenrechts- und Flüchtlingsorganisationen aber protestieren: Die gesellschaftliche Ausgrenzung der Roma im Kosovo mache das Leben dieser Menschen so gut wie unmöglich. Die Einheimischen grenzten sie aus, es gebe kaum Hoffnung auf einen Job.

Recherchen auf dem Asylamt

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Kampf mit den Behörden

 "Das Stück stellt aus den Schicksalen der Figuren größere Zusammenhänge des Systems her, wirft Fragen des Asylrechts auf, stellt sie zur Diskussion", sagt Roiß, der sich durch intensive Recherchen auf das Stück vorbereitete. "Ich bin auch auf die Asylämter gegangen, um Atmosphären einzuholen und die Lage der Menschen nachvollziehen zu können." Roiß stand auch laufend in Kontakt mit Iris Biesewinkel des Vereins Rom e.V. Sie berät Roma und Sinti, denen eine Abschiebung droht. Sie kennt die tragischen Einzelschicksale nur zu gut. "Den Behörden muss klar werden, was eine Abschiebung für voll integrierte Kinder und Jugendliche in Deutschland bedeutet. So rausgerissen und verpflanzt zu werden in ein fremdes Land."

Ein Mann gestikuliert wild und schreit. Hinter ihm spielt eine Frau Ziehharmonika. (c)MEYER_ORIGINALS

Theatraler Aufschrei gegen das Asylrecht: "Deportation Cast"

Roiß sieht in dem Theaterstück eine gute Chance, auf die Abgeschobenen aufmerksam zu machen: "Diese Menschen haben keine Stimme, und wenn wir ihnen keine geben, dann haben sie keine Chance." Zusätzlich zur Theateraufführung wird es eine Podiumsdiskussion geben, bei der Vertreter der Auslandsbehörden, Asylrechtsanwälte und Hilfsvereine wie Rom e.V. die Problemstellen der Asylpolitik diskutieren.

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