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Kultur

About a President

Enthüllungen haben Konjunktur. Von Popsängern bis Fußballer-Ehefrauen presst jeder sein Seelenleben zwischen zwei Buchdeckel. Nun erscheinen auch die Memoiren von Bill Clinton.

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Victory für den Schriftsteller Clinton

Gut gebräunt mit Perlweißlächeln und grau melierten Haaren sprühte er nur so vor Selbstbewusstsein. "Ich habe keine Ahnung, ob dies ein großartiges Buch ist, aber es ist eine ziemlich gute Geschichte", sagte ein gut gelaunter Mittfünfziger vor der versammelten Liga der amerikanischen Verleger. Sein Name: Clinton, Bill Clinton.

Ex-Präsident schlägt Zauberlehrling

Der 42. Präsident der Vereingten Staaten hat sich ohne Ghostwriter die Erfahrungen von der Seele geschrieben. "My Life - Mein Leben" heißt seine Lebensbeichte. Sie wird am 22. Juni in den USA erscheinen, in einer Erstauflage von 1,5 Millionen Exemplaren. Schon jetzt führt das Buch die Vorbestellungslisten beim Online-Buchhändler Amazon an. Ein publizistischer Superlativ, der höchstens mit J. K. Rowlings "Harry Potter"-Bänden zu vergleichen ist. Doch während die Abenteuer des englischen Zauberlehrlings erst Monate später in den fremdsprachigen Übersetzungen vorlagen, wird es mit Bills Erfahrungen schneller gehen. Das Buch wurde im Laufe seiner Entstehung gleichsam ins Französische simultan übersetzt; auch die deutsche Ausgabe wird schon Anfang Juli in den Buchläden liegen.

Um die Verkaufszahlen zu steigern, wird schon im Vorfeld kräftig die Werbetrommel gerührt. Eine Hörbuch-Ausgabe ist in Arbeit. Die Lesereise wird pünktlich zur Buch-Veröffentlichung starten. Ein medienwirksames Fernsehinterview mit Amerikas Talk-Queen Oprah Winfrey ist auch schon vereinbart.

Explosive Bekenntnisse

Trotz dieses riesigen Medienrummels wird der Inhalt des Buches wie ein Staatsgeheimnis gehütet. "Es sind strengste Sicherheitsvorkehrungen getroffen worden. Alle, die vorab das Buch in Auszügen lesen durften - Anwälte, Buchhändler, Lekotoren, mussten mehrseitige Vertraulichkeitsvereinbarungen unterschreiben. So viel Aufwand würde man nicht betreiben, wenn das, was drin steht, nicht explosiv wäre", sagt Claus Carlsberg, der deutsche PR-Zuständige. Und was drin steht, ist seit Monaten Anlass für Spekulationen. Von College-Anekdoten und Familieneinblicken ist die Rede - aber auch von Geständnissen aus dem politischen Nähkästchen. Anstelle von Analysen und Kommentaren wird eine filmreife Beschreibung aus dem Leben des Expräsidenten erwartet: Schilderung des Haushaltsstreits mit den Republikanern, der 1995 zur zeitweiligen Stillegung der Regierung führte, Ehekrach mit Hillary und natürlich die Geschehnisse im Oval Office.

Teure Schreibblockaden

Das Schreiben der mehr als 900 Seiten habe eine "therapeutische Wirkung" auf ihn gehabt, so Bill Clinton. Besonders schwer fiel dem Demokraten nach eigenen Angaben das Kapitel über den Sonderermittler Kenneth Starr und dessen Umgang mit der Lewinsky-Affäre. Er habe sich dabei so schlecht gefühlt, dass er eine vierstündige Schreibblockade hatte, so der Ex-Präsident. Will man amerikanischen Zeitungen Glauben schenken, ist diese Schaffenskrise nicht die erste gewesen. Zwei Jahre lang ließ Bill Clinton seinen Verlag (Knopf Publishing) zittern. Zwischen Schreibwut und Inspirationsarmut wurde das Erscheinungsdatum immer wieder nach hinten verschoben. 10 Millionen Dollar soll der Ex-Präsident als Vorschuss und Motivationsquelle erhalten haben.

Weitaus mehr als die schreibende Gattin im letzten Jahr. Hillary Rodham Clintons Memoiren waren 2003 der Sensationserfolg auf dem internationalen Buchmarkt gewesen. "Ihr Buch hat sicherlich in gewisser Weise den Weg für Bills Autobiografie geebnet. Aber Bill Clintons Buch wird weitaus erfolgreicher werden. Immerhin war er der Präsident und nur er kann Einblicke in die Politik aus erster Hand liefern", prophezeit Claus Carlsberg.

Lufthoheit in den Medien

Das diese medienwirksamen Einblicke womöglich die kommenden Präsidentschaftswahlen beeinflussen könnten, bestreitet Claus Carlsberg - ganz im Gegensatz zu vielen Demokraten in den USA. Sie fürchten Bill Clinton als den besten Wahlkämpfer der Gegenseite. Zwar setzt sich Clinton öffentlich für John Kerry ein und sammelt Spenden für seinen Wahlkampf. Er stellt ihn dabei aber stets als den Blasseren in den Schatten. Der charismatische Ex-Präsident überstrahlt den etwas steifen Präsidentschaftsanwärter. Ein Grund, warum viele Parteifreunde Clinton dazu drängten, seine bunte Lebensgeschichte noch vor dem Herbst 2004 zu veröffentlichen. Denn wäre "Mein Leben" später erschienen, hätte John Kerry endgültig die "Lufthoheit in den Medien" an Clinton verloren. Und damit wahrscheinlich die Wahl gegen George W. Bush.

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