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Politik

Abgase zu Dachstraßen

Moskau atmet auf: Über allen Firsten ist Ruh, aus wenigen Auspuffen zieht noch ein Rauch. Die Moskauer können aufatmen, frei nach Goethe, einmal im Jahr: Neujahrsferien im Land und die Hauptstadt liegt still und leer.

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Früher gab es in Moskau zwei Rushhours: morgens von sieben bis zehn und abends von fünf bis neun. Berufspendler, wie in jeder Metropole. Heute gibt es nur noch eine und sie dauert den ganzen Tag: von morgens früh bis oft spät in die Nacht: Dauerstau in Moskau. Wer von einem der etwa 30 Kilometer außerhalb der Stadt gelegenen Flughäfen ins Zentrum will, quält sich oft bis zu zwei Stunden in stinkenden Blechlawinen. "Koschmar!", ein Alptraum, seufzen die Russen.

Einziger Hoffnungsschimmer: Noch ist die Moskauer Rushhour eine Wanderdüne. Sie taucht nach unerfindlichen, höheren Gesetzen mal hier, mal dort auf. Einige Fahrer halten Donnerstag für den schlimmsten Tag, andere fürchten am Dienstag die ärgsten Verstopfungen. Nur Freitags und Montags läuft es einigermaßen. Da sind viele schon auf der Datscha, dem heiß geliebten Wochenendhäuschen, oder noch nicht wieder zurück in der Stadt.

Infarkt absehbar

Doch Russlands Wirtschaft boomt und seine Hauptstadt wächst weiter. Und immer mehr Moskowiter leisten sich neben den eigenen vier Wänden und dem Dach überm Kopf nun auch eigenen vier Räder unterm Gesäß. Schon jetzt ist der totale Infarkt absehbar. Die 13-Millionen-Metropole hat zu wenig Straßen und zu viele Autos. Rund sechs Millionen derzeit, vermuten Verkehrsplaner. Tendenz steigend. Und während in anderen europäischen Städten das Straßennetz im Schnitt etwa 20 Prozent der Stadtfläche verschlingt, damit die Räder rollen, sind es in Moskau gerade einmal sieben. Doch gebaut wird kaum. Die Stadt ist voll. Und leer des Kämmerers Säckl.

Die Ideen des Herrn Luschkow

Unkonventionelle Ideen sind also gefragt. Es schlägt die Stunde des Juri Luschkow, des stets findigen Moskauer Bürgermeisters. Die Fantasie des rundlichen, kleinen Mannes schießt hoch hinaus. - Über den Wolken des hauptstädtischen Smogs setzt nur der Himmel die Grenzen! Und so hatte Luschkow vor ein paar Jahren Hubschraubertaxis im Sinn. Sie würden Geschäftsleute und andere wichtige Personen gegen entsprechende Bezahlung, versteht sich, aller Verkehrssorgen entheben. Umgerechnet etwa 20 Euro sollten die Billets kosten, mehr als zehn Landeplätze im Stadtgebiet entstehen und private Investoren sollten das Projekt finanzieren. Selbst die Streitkräfte gaben grünes Licht, denn der Himmel über Moskau war eigentlich militärisches Sperrgebiet. Doch geschehen ist bisher nichts.

Nun kam Luschkow kurz vor Jahresschluss mit einer neuen Finte: Dachstraßen statt Dachterrassen! Auf Flachdächern vier- bis fünfstöckiger Bürogebäude, in etwa 15 Metern Höhe sollen dreispurige Straßen den Innenstadtverkehr entflechten. Das hat die Welt noch nicht gesehen! Das Konzept habe der umtriebige Bürgermeister aus Deutschland mitgebracht, und man prüfe derzeit Realisierungsmöglichkeiten für den Süden der Stadt, so Chefingenieur Juri Korotkow von der Moskauer Stadtbauplanung. Doch der Oberverkehrsbauer bleibt skeptisch. Das Projekt könne die Stadt lediglich punktuell entlasten. Vielleicht hilft noch etwas ganz anderes. Vor zwei Jahren beschloss die Duma: mehr Feiertage fürs Volk! Zwischen Neujahr und dem russischen Weihnachten in der zweiten Januarwoche haben seither alle Russen frei. "Ljudi guljajut, ljudi otdychajut", die Leute gehen spazieren", sie "ruhen sich aus", wie das hier heißt.

Wodkaselige Dornröschenstarre

Bis Mitte des Monats liegt das Land in der Dornröschenstarre, im wodkaseligen Festtagsrausch. Nur, wer noch Geschenke umtauschen oder für ausländische Unternehmen arbeiten muss, wagt sich auf menschenleere, erholsam ruhige Straßen. Ab und an surren Oberleitungsbusse vorbei, nur selten rauschen Autos vorüber, und prächtige Lichterketten und mächtige Tannenbäume tauchen die sonst pulsierende Metropole in funkelnd- feierliche Stimmung. Die Hauptstadt im Express-Winterschlaf - so schön kann Moskau sein!