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Asien

Abfangen der Rakete "keine echte Option"

Nordkoreas jüngste Raketen-Provokation in Richtung Japan hat die erwartete Empörung hervorgerufen. Japans Militär entschied sich aber, keinen Abfangversuch zu machen – aus gutem Grund, wie Experten meinen.

Bei der nordkoreanischen Rakete soll es sich um die nuklear bestückbare ballistische Mittelstreckenrakete Hwasong-12 gehandelt haben. Sie wurde in der Nähe von Pjöngjang um 5 Uhr 57 Ortszeit gestartet und überflog Nord-Japan in einer geschätzten Höhe von rund 550 Kilometern, bevor sie anscheinend in drei Teile auseinanderbrach und knapp 1200 Kilometer östlich von Hokkaido in den Pazifik stürzte.

Die Rakete wurden schon Sekunden nach dem Start entdeckt. Höchstwahrscheinlich von einem der vier amerikanischen Frühwarn-Satelliten, die mit Infrarot-Technologie ausgestattet sind und sich in geostationären Positionen über dem Äquator befinden. Daraufhin wurde das japanische öffentliche Alarmsystem J-Alert  aktiviert und gab Warnungen an die Bevölkerung in Nord-Japan über Mobiltelefone, Radio und Fernsehen heraus.

Patriot-Raketen und Verteidigungsminister Itsunori Onodera in Tokio 10.04.13 (Reuters)

Verteidigungsminister Onodera: Es bestand keine unmittelbare Gefahr für Japan

"Weniger als zwei Minuten über Japan"

Japans Militär (Selbstverteidigungskräfte, SDF) verfolgten den Flug der Rakete, aber machten keinen Versuch, sie abzufangen. Laut Verteidigungsminister Itsunori Onodera wurde diese Entscheidung getroffen, weil die Rakete nicht auf ein Ziel in Japan gerichtet war und deshalb nicht Gefahr bestand, dass sie auf japanischem Territorium niedergehen würde. Sie habe sich lediglich für einen Zeitraum von weniger als zwei Minuten über Japans Festland befunden. 

Ihr Flug wurde anscheinend von den Systemen von drei Aegis-Zerstörern der japanischen Marine verfolgt, die mit SM-3- (Standard Missile) Abfangraketen ausgerüstet sind und ständig im Japanischen Meer patrouillieren. Eine zweite Verteidigungslinie besteht in den bodengestützten Patriot-Raketen (PAC-3), die am Chitose-Luftstützpunkt in Hokkaido stationiert sind.

USS John S. McCain (picture-alliance/dpa/J. Vazquez/US NAVY)

Experte: Schiffgestützte Raketenabwehr hätte nur bei optimalen Bedingungen funktioniert

"Sehr hoch und sehr schnell"

"Als sich das Flugobjekt über Japan befand, war es sehr hoch und sehr schnell", sagt Rüstungsexperte Lance Gatling von Nexial Research Inc. aus Tokio gegenüber der DW. "Als die Rakete über Hokkaido in einer Höhe von 550 Kilometern flog, befand sie sich am äußersten Rand des Abfangsegments der SM-3. Der entsprechende Aegis-Zerstörer hätte in genau der richtigen Position im Japanischen Meer sein müssen, um die Rakete abfangen zu können." Die Wahrscheinlichkeit eines erfolgreichen Abfangmanövers wäre laut Gatling "sehr niedrig" gewesen.  Ein versuchter Abschuss der nordkoreanischen Rakete  hätte außerdem beträchtliche Risiken beinhaltet. "Hätte Japan die Rakete abgefangen, wäre eine Menge Weltraumschrott angefallen, der beispielsweise unsere Missionen zur Internationalen Raumstation hätte gefährden können." 

Auch wäre Nordkorea durch einen Abschuss schwer provoziert gewesen. Denn ob Japan im Recht gewesen wäre, ein Fluggerät eines anderen Staates zu zerstören, wenn es sich Weltraum und nicht im Luftraum eines anderen Staates befindet, sei nicht klar. "Es ist gewiss unfreundlich, eine Rakete über ein anderes Land hinweg abzuschießen, aber es nicht illegal", erklärt Gatling.

Japan Shinzo Abe PK nach den Wahlen (Reuters/T. Hanai)

Fehlschlag bei der Raketenabwehr wäre für Abe schwerer Rückschlag

Risiken eines fehlgeschlagenen Abfangversuchs

Das größte Risiko in einem versuchten Abschuss der nordkoreanischen Rakete sieht Gatling aber in einem möglichen Versagen der japanischen Abwehrsysteme. "Die Folgen eines fehlgeschlagenen Versuchs, die Rakete abzuschießen, wären schwerwiegend gewesen. In dieses Abwehrsystem hat Japan viel Geld gesteckt. Hätte es beim ersten Test versagt, wäre das bei den Wählern nicht so gut angekommen. Bei den Nordkoreanern hätte es das Gefühl verstärkt, dass ihre Raketen unverwundbar seien."

Stephen Nagy, Dozent für internationale Beziehungen an der International Christian University in Tokio, sieht ebenfalls die Aussichten für ein erfolgreiches Abfangmanöver, hätte man es denn unternommen, sehr skeptisch. "In der Zeit, die nötig gewesen wäre, um die nötigen Informationen zu sammeln, den Kurs der Rakete und ihr Ziel zu bestimmen und eine Entscheidung des nationalen Sicherheitsrates zu erhalten, wäre die Rakete bereits eingeschlagen."

UN-Sicherheitsrat verhängt schärfere Nordkorea-Sanktionen (Picture-alliance/dpa/M. Altaffer/AP)

Stetig verschärfter Druck auf Nordkorea als einziges Mittel

Was tun?

Die Frage ist nun, wie bereitet sich die Regierung von Shinzo Abe auf den Start einer nordkoreanischen Rakete in Richtung Japan vor?  Kim Jong Un hat bereits weitere solche Tests mit Raketen, die im Pazifik landen sollen, angekündigt. Stephen Nagy zufolge erwägt die japanische Regierung, die Armee in die Lage für Präventivschläge im Ausland zu versetzen, falls es eine unmittelbare Bedrohung Japans vorliege. Der Experte verweist darauf, dass ein solcher Angriff auf Nordkorea den massiven Artilleriebeschuss Seouls zur Folge hätte, mit bis zu einer Million Toten innerhalb einer Minute.

Die wahrscheinlichste Reaktion sei daher, dass Japan gemeinsam mit den USA, Südkorea und möglicherweise auch China den Druck auf Pjöngjang erhöht, indem sie seine Finanzquellen austrocknen und die Lieferung der für den Bau dieser Raketen notwendigen Technologie und Teile abschneiden.

 

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