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Europa

Aberglaube in Europa

Freitag der 13. soll Unglück bringen. Jeder kennt abergläubische Vorstellungen und Rituale. Aber wie viele Menschen in der modernen Gesellschaft fürchten sich vor einer schwarzen Katze oder einem zerbrochenen Spiegel?

Schwarze Katze am Fenster (Foto: DW)

Auch 300 Jahre nach dem Zeitalter der Aufklärung halten sich unvernünftige Vorstellungen und Rituale hartnäckig: Freitag der 13. soll Unglück bringen, man soll nicht unter einer Leiter durchlaufen und wer eine Sternschnuppe sieht, soll sich etwas wünschen.

"Technologisch stehen wir im 21. Jahrhundert, aber unsere Weltanschauungen werden zum großen Teil noch von Jahrtausendealten Mythen und Legenden geprägt", so der Philosoph Michael Schmidt-Salomon. "Im Grunde verhalten wir uns wie Fünfjährige, denen die Verantwortung über einen Jumbojet übertragen wurde."

Ein lukratives Geschäft

Schmidt-Salomon arbeitet für die Giordano Bruno Stiftung, die sich einem wissenschaftlich-humanistischen Weltbild verschrieben hat. Er betont, dass einerseits zwar die Aufklärung den Menschen Meinungs- und Glaubensfreiheit gebracht hat, andererseits diese Freiheit auch Raum für Beliebigkeit lasse: In der Postmoderne floriere das Geschäft mit Esoterik, Horoskopen und Wahrsagerei, denn zur Freiheit gehöre "eben auch das Recht zur Unvernunft".

Auf ihren Besen reitend vertreiben zwei Hexen in der Nacht zum 1. Mai 1998 am Walpurgisfeuer in Elbingerode symbolisch den Winter (Foto: AP)

Sind postmoderne Hexen noch von Teufel besessen?

Der Experte für Abergaube setzt aber klare Grenzen: "Wo der unsinnige Glaube gemeingefährliche Folgen hat, weil die Interessen anderer verletzt werden, müssen wir Einhalt gebieten und als Gesellschaft auch deutlich die Schranken der Toleranz setzen." So seien abergläubische Vorstellungen nicht immer nur harmlose Marotten, sondern können auch die Gesundheit und das Leben von Menschen bedrohen.

Exorzismus und Hexenverfolgung

"Es ist ja nicht so, als würden die Menschen, die hier in Europa leben, alle freiheitlich, mehr oder weniger vernünftig denken. Es gibt hier in Europa auch Fundamentalisten, die missionieren und in Ländern, in denen es keinen Widerspruch gegen solche abergläubischen Vorstellungen gibt, großen Schaden anrichten" - zum Beispiel durch Hexenverfolgungen und Teufelsaustreibungen.

Breu, Joerg, der Ältere um 1475/76. Teufelsaustreibung durch den Heiligen Bernhard. Gemälde vom Altar des Heiligen Bernhard im Stift Zwettl (Foto: picture alliance/akg)

Teufelsaustreibungen gibt es auch noch im 21. Jahrhundert

Zwar seien diese vor allem außerhalb Europas verbreitet, wie zum Beispiel in Westafrika, wo bereits Tausende von Kindern in jüngster Zeit abergläubischen Verfolgungen zum Opfer gefallen sind. Gefördert würden diese aber auch von evangelikalen Missionaren aus Europa. Teufelsaustreibungen sind nämlich auch in Europa nicht selten. So wurden Fälle aus Russland und Rumänien bekannt, und im polnischen Swinemünde hatte ein Exorzist sogar angekündigt, ein Zentrum für Teufelsaustreibungen zu eröffnen.

Bernd Harder, ein Forscher der Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften (GWUP) warnt, dass auch in Westeuropa diese Praktiken oft unterschätzt würden: "Man muß gar nicht nach Rumänien oder Russland gehen, um Teufelsaustreibungen zu erleben. Es gibt jeden Tag etwa ein halbes Dutzend hier in Deutschland, von Exorzisten, die so im Halblegalen an den Rändern der großen Kirchen operieren." Dies sei sogar Bischöfen bekannt, werde aber oft ignoriert.

Sowjetisches Propagandaplakat, gezeigt in der Ausstellung 'Schamanen Sibiriens' in Stuttgart im Mai 2009. Es ruft dazu auf 'Arbeiter zu wählen, und nicht Kulaken und Schamanen' (Foto: Russisches Ethnographisches Museum)

Schon die Sowjets warnten vor Schamanismus

In den letzten Jahren habe es sogar Fälle gegeben in denen "irgendwelche durchgeknallten Teufelsaustreiber dann das Opfer umgebracht haben, entweder durch Gewalttätigkeiten oder weil eine sinnvolle medizinische Behandlung unterlassen worden" sei, berichtet Harder.

Wunderheilerei oder Naturheilkunde?

Russland plant zum Schutz der Opfer abergläubischer Rituale sogar ein Gesetz gegen Scharlatanerie. Die Behörden schätzen nämlich, dass dort jedes Jahr etwa 500 Menschen sterben, weil sie zu Wunderheilern wie Schamanen gehen. Auch die Homöopathie gehöre in den Bereich des Aberglaubens und könne durchaus gefährliche Folgen haben, so Harder, insbesondere wenn Eltern schwerkranken Kindern notwendige medizinische Therapien vorenthalten.

Eine Hand hält eine Flasche mit homöopathischen Mitteln (Foto: DW-TV)

Homöopathische Mittel - Aberglaube in der Medizin?

Die Homöopathie widerspreche "sämtlichen naturwissenschaftlichen Erkenntnissen der letzten 200 Jahre" und sei "eine lupenreine magische Therapie, die auf irgendwelchen geistartigen magischen Kräften beruhen soll, von denen niemand genau weiß, was das sein soll", so der Wissenschaftler. Verblüffenderweise wisse "eigentlich jeder, dass das barer und blanker Unsinn ist - auch die Leute, die sich damit beschäftigen", meint Harder.

Schwarze Magie im Wahlkampf

Aber auch die Politik ist vom Aberglauben nicht frei. So gibt es immer wieder Meldungen, nach denen Politiker Wahrsager oder Horoskope hinzuziehen, um Entscheidungen zu treffen. Im rumänischen Präsidentschaftswahlkampf 2009 soll schwarze Magie die Wahlen entschieden haben. Das Wahlkampfteam des Siegers Traian Basescu habe gegen den Rivalen Mircea Geoana einen Fluch genutzt - die so genannte "violette Flamme", so einige Berater des unterlegenen Geoana.

"Beim letzten Fernsehduell hatte Basescu eine violette Krawatte an, und einige seiner Parteikollegen violette Hemden oder violette Pullover", erinnert sich der DW-Rumänienexperte Robert Schwartz. Nach der Debatte warfen einige sozialdemokratische Funktionäre die Idee auf, dass Parapsychologie eine Rolle gespielt haben könnte.

So sei Geoana während des Auftritts verunsichert gewesen. "Er kam ins Stottern, hat sich verhaspelt und die Wahlen knapp verloren", so Schwartz. Ein rumänischer Esoteriker hatte die "violette Flamme" als Form der Mediation erfunden, bestritt nach der Debatte jedoch, dass diese als Fluch gegen politische Gegner genutzt werden könne.

Sunny als Zombie (links) und Carsten als Werwolf (rechts) posieren 28.09.2001 in Warner Bros. Movie World in Bottrop-Kirchhellen. Die beiden wurden unter 100 Bewerbern beim 'Monstercasting' für das Halloween Fest 2001 im Hollywood Park ausgesucht, um im Oktober jeden Freitag und Samstag ihr gruseliges Können zu zeigen. (Foto: dpa)

Nicht alle Werwölfe müssen ein Leben am Rande der Gesellschaft fristen

Am Rande der Gesellschaft

Bei weniger Privilegierten führt der Aberglaube häufig auch zu sozialer Ausgrenzung, wie ein anderes Beispiel aus Rumänien zeigt. "Der Mann haust am Rande eines Dorfes, wird von allen Dorfbewohnern als Werwolf betrachtet und auch akzeptiert", so Schwartz. "Und jedes Mal wenn irgendein Huhn verschwindet, aus einem Hof, oder ein Schaf gerissen wird von irgendeinem wilden Viech, schiebt man ihm das in die Schuhe. Aber man respektiert ihn und sagt: 'Ja, der hat sich wieder ein Opfer geholt – solange er die Menschen in Ruhe lässt, ist ja alles O.K.'."

Ein 'Cyber-Vamp', entworfen von einem Designstudenten bei der Präsentation von Halloween Kostümen. (Foto: AP)

Auch ein Berufsbild in der Moderne - Vampir

Immerhin gebe es zum Glück auch Mittel, sich vor solchen Wesen aus der anderen Welt zu schützen, ohne zur Gewalt greifen zu müssen, so Schwartz: "Ein rotes Bändchen am Handgelenk eines Kindes bewahrt vor dem bösen Blick oder dreimal draufspucken auf das Kind, soll den bösen Blick abwehren, indem man dem Kind Liebe schenkt. Also es gibt bewährte Mittel dagegen - nicht nur den Knoblauch gegen den Vampir."

Wenn man in diesem Sinne den Aberglauben als solchen erkennt und auf eine postmoderne Weise abergläubische Rituale pflegt, sei das auch überhaupt kein Problem, meint der Philosoph Schmidt-Salomon. Denn es könne nicht im Interesse der Aufklärung liegen, "eine Vernunftsdiktatur aufbauen" zu wollen. "Denn es ist nicht vernünftig, immer vernünftig zu sein. Manchmal ist es auch vernünftig, unvernünftig zu sein - wenn man die entsprechenden Grenzen beachtet."

Autor: Fabian Schmidt
Redaktion: Bernd Riegert

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