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Deutschland

Abdullah Uwe Wagishauser: "Muslime in Deutschland haben Rechte und Pflichten"

Die muslimische Ahmadiyya-Gemeinschaft in Hessen bekommt den gleichen Rechtsstatus wie die großen christlichen Kirchen. Damit ist eine große Verantwortung verbunden, sagt ihr Vorsitzender Abdullah Uwe Wagishauser.

DW: Herr Wagishauser, für welche Inhalte steht Ihre Ahmadiyya Muslim-Gemeinschaft (AMJ)?

Abdullah Uwe Wagishauser: Wir stehen für den friedfertigen Islam, für den Islam, der heute genauso wie vor 1400 Jahren kompatibel ist mit den Gesetzen des jeweiligen Landes, in dem man lebt.

Ist es der Höhepunkt Ihrer Amtszeit, dass ihre Religionsgemeinschaft jetzt als Körperschaft anerkannt ist?

Oh nein, das kann man nicht sagen. Die Höhepunkte spielen sich im spirituellen Bereich ab. Wir haben viele andere Meilensteine erlangt, die wesentlich wichtiger waren. Ich glaube, das ist eine logische Folge der vielen vorhergehenden Dinge, die wir erreicht haben, wie zum Beispiel die ersten Moscheen, die von der Gemeinde gebaut worden sind oder das erste Imam-Institut, das in Deutschland errichtet wurde. Diese Anerkennung ist eher ein kleiner Stein der Entwicklung.

Die AMJ hat diesen Status vor allem deshalb bekommen, weil in ausgewählten hessischen Grundschulen zum neuen Schuljahr erstmals islamischer Religionsunterricht angeboten wird. Dazu benötigt das Bundesland entsprechende Partner. Hat das den Prozess der Anerkennung beschleunigt?

Auf jeden Fall. Wir haben viele Dinge nicht mehr neu anregen müssen, etwa die Gutachten, die es gab – also einmal das religionswissenschaftliche Gutachten und einmal das staatskirchenrechtliche Gutachten – das war erledigt. Darauf konnten wir dann natürlich aufbauen.

Großveranstaltung der Ahmadiyya Muslim Jamaat (AMJ) in Deutschland (deutsch: Ahmadiyya Muslim-Gemeinschaft) Die AMJ hat seit 2013 den Status der Körperschaft des öffentlichen Rechts, ist also eine Religionsgemeinschaft im Sinne des Grundgesetzes Foto: AMJ

Großveranstaltung der AMJ

Gab es auch Widerstände oder Proteste oder lief die Anerkennung reibungslos?

Diese Anerkennung ist ja ein reiner Verwaltungsakt. Da wird im deutschen Recht die Öffentlichkeit nicht gefragt, was sie davon hält. Da gab es keine Widerstände und keine rechtlichen Nachfragen. Das lief verhältnismäßig zügig und wir waren erfreut, wie schnell das Ganze zur Anerkennung führte. Wir haben in der Landesregierung in Hessen, im Kultusministerium immer sehr verständnisvolle und offene Persönlichkeiten getroffen und nie Schwierigkeiten gehabt. Kommunikativ lief das sehr ordentlich - harmonisch, würde ich fast schon sagen.

Welche Rechte hat die AMJ mit dieser Anerkennung?

Das bedeutet, dass wir jetzt Stiftungen einrichten und unser Imam-Institut dadurch legalisieren und in ein staatliches Institut umwandeln können, das ja im Moment nur eine Akademie ist. Wir hätten die Möglichkeit – und das ist auch etwas, dass wir anstreben – einen islamischen Friedhof einzurichten. Wir haben die Möglichkeit – ich glaube aber, dass man uns das nicht in den Schoß legen wird – in Rundfunkräten einen Sitz zu bekommen. Man könnte Sendezeiten beantragen. Es gibt die Möglichkeit bei der Aufstellung von Bauleitplänen auf die Belange der Muslime hinzuweisen, was für uns in Hessen bei den Moscheebauten von Wichtigkeit wäre. Das sind einige der Rechte. Viele müssen wir auch erst erfragen, das ist ein Gebiet, für das es keine ausführliche Rechtssprechung gibt.

Könnten Sie denn auch eine Mitgliedssteuer ähnlich der Kirchensteuer erheben?

Das könnte man machen, aber wir haben ein sehr gutes Spendensystem, was auch sehr kommunikativ ist. Im Moment sehen wir da keinen Bedarf.

Das zu den Rechten. Welche Pflichten sind mit diesem Status verbunden?

Man hat natürlich die Pflicht, sich als Teil des Staates zu verhalten. Wir haben ja vorher einen Vereinsstatus gehabt und waren Sport- und Kulturvereinen gleichgestellt. Jetzt sind wir christlichen und jüdischen Religionsgemeinschaften gleichgestellt. Das hebt uns somit ja auf Augenhöhe mit diesen Gemeinschaften. Daraus resultieren Pflichten etwa im Wohltätigkeitsbereich, zum Beispiel die Alterspflege von Muslimen, aber auch Sterbebegleitung, Seelsorge in Gefängnissen oder bei der Bundeswehr.

Moschee der Ahmadiyya Muslim Jamaat (AMJ) in Rodgau (deutsch: Ahmadiyya Muslim-Gemeinschaft) Die AMJ hat seit 2013 den Status der Körperschaft des öffentlichen Rechts, ist also eine Religionsgemeinschaft im Sinne des Grundgesetzes. Foto: AMJ

Moschee der AMJ in Rodgau

Welche Chancen eröffnen sich für die Zukunft mit dem Status des öffentlichen Rechts für Ihre Religionsgemeinschaft?

Eine Wunschvorstellung von uns wäre, dass durch diesen Status die ganze Diskussion anders befeuert werden könnte, ob der Islam zu Deutschland gehört oder nicht. Dass das einfach eine Selbstverständlichkeit ist und sich noch weiter entwickelt und dass man dann einfach die Muslime als einen festen Bestandteil dieser Gesellschaft sieht, die Rechte und Pflichten haben, die sie bekommen und die sie zu erfüllen haben. Dass es also zu einer Normalität wird, dass Muslime in dieser Gesellschaft mit gestalten, positiv gestalten.

Ihre Glaubensgemeinschaft schreibt, dass dieser Status eine "neue Stufe der Integration des Islam" in Deutschland markiert. Formal mag das stimmen, aber stimmt es auch mit Blick auf die Akzeptanz durch die nicht-islamischen Bevölkerung?

Ich meine, da hat sich schon sehr viel getan. Es gibt kein Land, das in der Intensität integrative Maßnahmen eingeleitet hat wie Deutschland. Wir haben fast in jeder Stadt, auch in Kleinstädten Runde Tische, Räte der Religionen, interkulturelle Aktivitäten. Also, ich habe den Vergleich in Europa und kenne auch die Situation ein wenig in den USA und Kanada. Was in den letzten Jahren hier geschaffen worden ist, ist vorbildlich. Da muss man auch einfach mal sagen, dass da die Politik und die islamischen Gemeinschaften unheimlich viel gemacht haben - nicht zu vergessen die christlichen Gemeinschaften. Ohne deren Hilfe wäre das nicht so schnell vorangegangen.

Abdullah Uwe Wagishauser ist seit 1984 Vorsitzender der Ahmadiyya Muslim Jamaat (AMJ). Die AMJ gilt als eine gemäßigte muslimische Reformbewegung. Sie ist nach eigenen Angaben in Deutschland seit den 1950er Jahren aktiv. Inzwischen gehören ihr mehr als 35 000 Mitglieder in rund 225 Gemeinden an. Die AMJ baute Ende der 1950er Jahre die ersten Moscheen mit Minarett und Kuppel in Deutschland. Heute besitzt sie 39 dieser Gotteshäuser.

Das Gespräch führte DW-Redakteur Klaus Krämer