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Abdelwahab Meddeb: "Freiheit ist ein Naturrecht"

Der in Tunis geborene französische Schriftsteller Abdelwahab Meddeb hat den Wandel in seiner Heimat aufmerksam verfolgt. Im Gespräch mit der DW zieht der profilierte muslimische Islamkritiker eine gemischte Bilanz.

Abdelwahab Meddeb aus Tunesien (Foto: DPA)

Der Schriftsteller Abdelwahab Meddeb

DW: Wie viel demokratischen Fortschritt sehen Sie in Tunesien seit Beginn der Proteste vor einem Jahr?

Abdelwahab Meddeb: Sehr viel, denn das Land war erstarrt durch ein System, das Freiheit auf vielen Gebieten erlaubte, nur nicht in der Politik. Die Lage war unerträglich. Jetzt genießt das Land die Freiheit in vollen Zügen. Seit zehn Monaten herrscht eine totale Freiheit, Debatten- und Meinungsfreiheit. Trotzdem hätte ich mir eine objektive und tiefergehende Debatte während des Wahlkampfes über eine Frage gewünscht, die für Tunesien und die Region wichtig ist, nämlich die Rolle des Islam in dem neuen staatlichen Konstrukt. Wie kann der Islam in diesem Jahrhundert ankommen, sich zurechtfinden, ohne Angst haben zu müssen, sich untreu zu werden. Diese Frage wurde in den letzten Monaten in Tunesien angesprochen, aber nur sehr fragmentarisch.

Ein Bild des Gemüsehändlers Mohamed Bouazizi (Foto: dpa)

Mohamed Bouazizi: Sein verzweifelter Selbstmord setzte den Protest in Gang

Aus den Wahlen zur verfassungsgebenden Versammlung ist die islamistische Ennahdha-Partei als stärkste Kraft hervorgegangen. In Ihrem Buch "Der Frühling von Tunis" haben Sie davor gewarnt, Islamisten könnten in Tunesien an Einfluss gewinnen. Wie bewerten Sie die aktuelle Entwicklung?

Ich habe diese Warnung geäußert, weil ich gleich nach dem Sturz des Diktators Ben Ali und meiner Ankunft in Tunis, feststellen musste, dass bei allen Debatten immer ein Repräsentant der Islamisten anwesend war. Er trug islamische Thesen vor, die eher moderat wirkten. Die Partei hat immer wieder beteuert, dass sie ihre extremen Vorstellungen doch gar nicht durchsetzen wolle, dass sie für andere Meinungen offen sei, dass sie sogar bereit wären, mit Atheisten zu diskutieren. Im Vergleich zu den modernen Strömungen in der tunesischen Politik schienen mir die Ennahda von Anfang an sehr gut organisiert. Ich hatte befürchtet, dass ihr ihre partisanenhafte Struktur und ihre Beherrschung politischer Techniken zugute kommen würden, was sich bei den Wahlen auch bestätigt hat. Ennahda hat gezeigt, dass sie die beste Struktur besitzt.

Im Gespräch mit Jugendlichen, die die Revolution mittels Internet angefangen haben, habe ich darüber hinaus festgestellt, dass diese den Gang durch die üblichen Strukturen in der Politik ablehnen und diesen misstrauen. Sie sind gegen Parteien und Gewerkschaften und glauben, Politik anders machen zu können.

Demonstranten in Tunis, Januar 2011 (Foto: dpa)

Demonstranten in Tunis, Januar 2011

Wie kommt es, dass Ennahda so gut organisiert ist?

Ich weiß nicht, aber diese Partei war lange Jahre verboten und wurde verfolgt. Sie ist diszipliniert, verfügt auch über unglaubliche finanzielle Mittel. Für sie war die Frage der Parteienfinanzierung für die Wahlen überhaupt kein Thema. Sie hatte es nicht nötig, weil sie über viel Geld aus dem Ausland verfügt. Das Problem ist, dass wir keinen Beleg dafür haben, woher das Geld stammt. Ennahda ist die einzige Partei, die im Wahlkampf Helfer mit Festanstellung hatte, Beschäftigte mit Gehältern, die für tunesische Verhältnisse große Summen Geld ausgaben, um politische Aktionen durchzuführen, um die Bürger auf Ihre Seite zu ziehen und zwar durch soziale Hilfe.

Sehen Sie einen Unterschied in dem vom Westen propagierten Demokratieverständnis und in den Beweggründen für die Proteste in Tunesien, dem dortigen Ruf nach mehr Demokratie?

Es gibt eine Revolution, wenn ein Volk sich gegen die Verfassung seines Lands erhebt, so wie von Tocqueville beschrieben. Genau so ist es in Tunesien passiert. Deswegen hat auch die tunesische Revolution eine sofortige Auswirkung in anderen arabischen Ländern gefunden, trotz der Unterschiede zwischen diesen Ländern. Die Leute haben das Naturrecht erkannt: Das Verlangen nach Freiheit, Würde und Gleichheit, da wo sie fehlten. Drei Prinzipien, die mehr moralisch als materiell sind. Man hat oft die sozialen Gründe als Ursache für die Revolution in Tunesien genannt. Sie sind zwar wichtig, aber nur nachrangig einzuordnen. Es war keine Revolte für Brot, sondern eine moralische Revolution. Dazu kommt, dass die Jugend überall gleich ist. Der Unterschied besteht darin, dass die demokratische Kultur in Europa zwei Jahrhunderte alt ist und tiefe Wurzeln hat. In Tunesien ist man noch in einem Lernprozess.

Ein Soldat winkt den Demonstranten zu (Foto: AP)

Solidariät mit den Demonstranten

Tunesien hat den Impuls für Protestbewegungen in der gesamten Region gegeben – in wiefern ist das Land ein Beispiel für andere Staaten?

Durchaus, obwohl jedes Land anders ist und seine Besonderheit hat. Sogar bei Nachbarländern wie Libyen und Tunesien, gibt es große Ähnlichkeiten aber auch radikale Unterschiede. Die Staatstradition in Tunesien ist viel älter als in Libyen. Auch die territoriale Einheit Tunesiens, verbunden mit einer politischen Institution, existiert seit der Antike. Diese Eigenschaften teilen wir mit Ägypten. In Libyen dagegen ist die Konkurrenz zwischen Stamm und Staat noch präsent. Das bedeutet nicht, dass die Geschehnisse in Tunesien nicht von der arabischen Welt ganz genau beobachtet werden. Der Erfolg der Islamisten wurde überall in der arabischen Welt zur Kenntnis genommen. Dabei muss man feststellen, dass die Islamisten in Tunesien viel fortschrittlicher sind als die Muslimbrüderschaft in Ägypten. Sie sind auf einem historischen Weg, den Islamismus zu ändern und ihn auf einen demokratischen Kurs zu bringen, damit daraus ein "demokratischer Islamismus" werden kann.

Die Wahrscheinlichkeit, dass die Ennahda Regierungsverantwortung übernehmen wird, ist groß – wie sieht das Tunesien der Zukunft aus?

Man sollte die Sache in die richtigen Proportionen rücken. 41 Prozent der Sitze sind immer noch keine absolute Mehrheit, aber es gibt der Partei eine gewaltige demokratische Legitimation. Ich bin dafür, dass Ennahda allein gelassen wird. Wir sollten ihr bei der Machtausübung die Aufgabe nicht erleichtern, damit sie mit der Realität konfrontiert wird. Die Säkularen organisieren sich zurzeit sehr stark, beobachten die Entwicklung der Ennahda genau und beleben die demokratische Debatte weiter. Sie bleiben wachsam.

Die tunesische Flagge weht über einem Demonstranten (Foto: AP)

Für ein pluralistisches Tunesien

Von den 49 Frauen, die in der verfassungsgebenden Versammlung sitzen, gehören 42 der Partei Ennahda an. Haben die säkularen Frauen die Möglichkeit, ihre Sicht der Dinge durchzusetzen?

Der Schock der säkularen Parteien über den für sie katastrophalen Wahlausgang, war sehr groß. Die Wahlanalyse ergab inzwischen, dass die islamistische Ennahda die Mehrheit der Stimmen vor allem in den dicht besiedelten Armenvierteln der Städte geholt hat. Die säkular orientierten Parteien haben sich nicht genügend in den ärmeren Stadtteilen engagiert. Sie wollen aber aus diesen Fehlern lernen und sich zukünftig stärker bei den sozial schwachen Bevölkerungsgruppen profilieren. Es gibt viele Gegenpole zur Ennahda, wie etwa die Menschenrechtsliga, die in allen Dörfern Tunesiens präsent ist. Sie hat eine unglaubliche Arbeit in den letzten Monaten geleistet, ebenso die Frauenunion. Sie machen mobil, denn auch Frauen mit Kopftüchern möchten das Erreichte bewahren und wollen nichts von Polygamie und Verstoßenwerden wissen.

Abdelwahab Meddeb ist tunesisch-französischer Autor und muslimischer Islamkritiker. Er ist einer der profiliertesten Vertreter der französischen Schriftsteller arabischer Herkunft. Der 1946 in Tunis geborene Lyriker und Essayist lebt heute in Paris und ist Herausgeber der interkulturellen Zeitschrift »Dédale«.

Das Interview führte Lina Hoffmann
Redaktion: Daniel Scheschkewitz