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Kultur

Abdel-Samad: "Urteile in Ägypten falsch!"

Der islamkritische Autor Hamed Abdel-Samad kritisiert die 683 Todesurteile gegen Islamisten in Ägypten. Das Land produziere so neue Märtyrer, warnte der in Berlin lebende Politologe im DW-Interview.

DW: Herr Abdel-Samad, der Prozess in Ägypten war kurz, aber war er auch fair?

Hamed Abdel-Samad: Nein, ein rechtsstaatlicher Prozess, an dessen Ende 683 Menschen zum Tode verurteilt werden, braucht eigentlich Jahre, um fair zu sein. Man muss alle Angeklagten ausführlich hören, Verteidigungsplädoyers, alle Zeugen - das ist in diesem Prozess nicht geschehen. Es ist eindeutig ein politischer Prozess. Kein Richter in Ägypten würde es auf sich nehmen, an einem Tag fast 700 Menschen zum Tode zu verurteilen, wenn das nicht von der Politik gewollt wäre.

Die ganze Welt kritisiert diesen Richterspruch. Grundlegende Standards für internationales Recht sehen anders aus, oder?

Natürlich. Man muss, damit die Menschen das Vertrauen in die Justiz nicht verlieren, auch politischen Gegnern die Möglichkeit geben, sich zu verteidigen.

Ägypten Gerichtsurteil 28.04.2014 Minya

Entsetzte Ägypter nach dem Massen-Todesurteil vom 28. April 2014

Ein politischer Prozess, sagen Sie. Wer unterdrückt hier wen?

Die neue Regierung, die natürlich vom Militär gelenkt ist, ist teilweise überfordert. Sie sieht, dass das Land politisch gespalten ist. Sie sieht, dass die Gewalt zunimmt und dass die Sicherheitslage immer schlechter wird. Das führt dazu, dass die Touristen und die Investoren dem Land den Rücken kehren, dass Ägypten wirtschaftlich ausblutet. Man versucht es nach der alten Methode des Militärs: einen Schlussstrich ziehen, jene, die Ärger verursachen, hart bestrafen, damit man Nachahmer einschüchtert. Diese Logik funktioniert nicht, denn die Muslimbrüder brauchen genau solche Märtyrer, Märtyrerlegenden, um a) ihre Opferrolle zu zementieren und b) für den nächsten Kampf neue Rekruten zu mobilisieren. Sie sagen: 'Schaut her, wir sind die Opfer, wir brauchen Unterstützung. Hier kämpft David gegen Goliath, Gut gegen Böse.' - Das ist eine Verdrehung der Tatsachen. Es ist ein Machtkampf!

Wie wirkt denn so ein Urteil auf die Menschen in der arabischen Welt?

Es gibt in Ägypten eine starke Spaltung. Es gibt Leute, die diesen Urteilen zujubeln. Die sind sauer auf die Muslimbrüder, sehen, dass die Muslimbrüder die Hauptverantwortung für die politische Entwicklung haben, denn die hatten es ja in der Hand, als sie an der Macht waren. Und sie konnten eigentlich die Ziele der Revolution erreichen, wenn sie mit anderen Parteien kooperiert hätten. Aber sie haben es verbockt. Deshalb gibt es viele, die mit Schadenfreude auf solche Urteile blicken.

Es gibt viele, die das genau so richtig finden. Das ist der richtige Umgang, mit Terroristen kann man nicht verhandeln. Man muss sie alle ausrotten.

Und es gibt auch viele vernünftige Menschen, die zwar gegen die Muslimbrüder sind, aber die Gefahr sehen, dass wenn der Staat damit anfängt, seine politischen Gegner in Massenprozessen abzufertigen, dann wird das irgendwann auch die anderen politischen Parteien und Bewegungen treffen, die nicht d'accord sind mit dem neuen Machthaber.

Buchcover Der islamische Faschismus eine Analyse

"Der islamische Faschismus" - das jüngste Buch des Islamkritikers Hamed Abdel-Samad

Parallel mit diesem Urteil wird auch die 6. April-Bewegung verboten, die ja ein Bestandteil der Revolution war. Aber: Sie auch so zu kriminalisieren, ist der Beginn einer neuen Stoßrichtung der ägyptischen Politik – wer nicht mit uns ist, ist gegen uns. Wir erleben einen Wechsel vom Islamismus zum Nationalismus. Das ist eine gefährliche Entwicklung!

Jetzt stehen in Ägypten die Präsidentschaftswahlen an. Wird der ehemalige Armeegeneral Abdel Fattah al-Sisi gewinnen?

Ja, und zwar ohne jegliche Manipulation. Denn er ist sehr populär. Nach drei Jahren Dauerrevolution – zwei Diktaturen gestürzt – schauen die einfachen Leute, und das ist die Mehrheit der Ägypter, auf die Ereignisse und sagen: Wir können uns weder von der Freiheit noch von der Scharia ernähren. Wir brauchen Sicherheit. Wir brauchen Brot. Wir brauchen Arbeit. Und deshalb brauchen wir einen starken Mann, der weiß, wo es lang geht, der diesen Laden wieder in Ordnung bringen kann.

Der deutsch-ägyptische Politikwissenschaftler und Autor Hamed Abdel-Samad lebt seit 2009 in Deutschland. 2014 veröffentlichte er die islamkritische Streitschrift "Der islamische Faschismus". Wegen seiner Thesen haben ägyptische Geistliche eine Fathwa gegen ihn ausgesprochen. Seither lebt er unter Polizeischutz.

Das Interview führte Stefan Dege

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