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Nahost

Abdel-Samad: "Ich erwarte mehr Druck auf Kairo"

Der deutsch-ägyptische Autor Hamed Abdel-Samad wird seit einem islamkritischen Vortrag in Kairo von Islamisten mit dem Tode bedroht. Im Chat-Interview mit der Deutschen Welle fordert er mehr Unterstützung aus Berlin.

DW: Nach Ihrem Vortrag über Islamismus und Faschismus in Kairo haben Assem Abdel Maged, ein führendes Mitglied der radikalen ägyptischen Gruppe Al-Gamaa Al-Islamija, und der Salafist Mahmud Schaaban Sie in einer Sendung des TV-Senders Al-Hafes zum "Ungläubigen" erklärt. Mehrere Internetseiten riefen zu Ihrer Ermordung auf. Aufgrund der Drohungen sind Sie in Ägypten untergetaucht. Sind Sie in Sicherheit?

Hamed Abdel-Samad: Ja, ich bin an einem sicheren Ort.

Wie gehen Sie mit den Drohungen persönlich um? Fürchten Sie um Ihr Leben?

Ich versuche, keine Gedanken von Angst zuzulassen. Ich mache mir nur Sorgen um meine Familie, die wegen des Wirbels um meine Aussagen nun viel Ärger und Belästigung ausgesetzt ist.

Sie haben in Ihrem Vortrag Islamismus und Faschismus in einen Zusammenhang gebracht. Besteht hier nicht die Gefahr, religiöse Gefühle zu verletzen?

Warum sollten religiöse Gefühle durch eine historisch-politische Analyse verletzt werden! Warum warten einige religiöse Muslime immer drauf, beleidigt zu werden? Alles, was ich getan habe, war die Übertragung eines modernes Begriffs wie Faschismus auf die Entstehung des Islam: eine Bewegung, die die Einheit eines Volkes beschwor, die Prinzipien der moralischen Überlegenheit und des unbedingten Gehorsams als Kern ihrer Ideologie sah, und das Ziel der Weltherrschaft ins Auge fasste. Ich habe aber in meinem Vortrag auch gesagt, dass es natürlich unfair ist, Begriffe und politische Konzepte des 20. Jahrhunderts auf eine Religion zu übertragen, die im 7. Jahrhundert entstanden ist. Aber wenn wir die Zeitdifferenz achten wollen, dann müssen wir als Gegenleistung erkennen, dass es auch unfair ist, Konzepte und Regeln für das Leben der muslimischen Gemeinde im 7. Jahrhundert in der heutigen Zeit für allgemeingültig zu halten und diesen politische Autorität zu verleihen. Mein Ziel war also, den Gedanken durchzusetzen: Wir sollten den Propheten und den Koran nicht mit den Kriterien des 21. Jahrhunderts beurteilen, aber der Prophet und der Koran können auch nicht unser Leben im 21. Jahrhundert bestimmen. Was ist daran beleidigend?

Sehen Sie denn auch bei anderen Religionen eine Art „religiösen Faschismus“?

Unterstützung für Mursi: Ägyptens Präsident Mohammed Mursi (Foto: imago)

Innenpolitisch unter Druck: Präsident Mursi

Natürlich! Auch das Judentum und das Christentum verfügen über dieses faschistoide Potential. Schließlich baut der Islam ja auf den Traditionen dieser beiden Religionen auf. Es sind gerade diese drei abrahamitischen Religionen, die im Laufe ihrer Geschichte für viel Elend und Intoleranz und Kriege verantwortlich waren. Weil jede von ihnen glaubt, im Besitz der absoluten Wahrheit zu sein. Absolutismus ist eine Voraussetzung des Faschismus.

Der Menschenrechtsbeauftragte der Bundesregierung hat die Mordaufrufe gegen Sie verurteilt, das Auswärtige Amt hat einen Vertreter der ägyptischen Botschaft einbestellt. Sind Sie zufrieden mit den bisherigen offiziellen deutschen Reaktionen?

Das war eine minimalistische diplomatische Reaktion. Ich finde die Bundesregierung sollte in Ägypten politisch anders auftreten als bislang. Zurückhaltung ist nicht mehr angebracht. Ich erwarte mehr Druck auf Kairo, damit die ägyptische Regierung sich nicht nur von diesem Mordaufruf distanziert, sondern auch juristische Schritte gegen Herrn Abdel-Maged unternimmt, wie gegen alle, die diesen Mordaufruf gemacht oder vorbereitet haben. Ägypten braucht die finanzielle Unterstützung Deutschlands und der Europäischen Union in seiner jetzigen Übergangsphase. Es kann nicht sein, dass das Land in den Genuss von Entwicklungshilfe kommt, ohne die Mindeststandards der Rechtstaatlichkeit zu erfüllen. Es muss ein noch deutlicheres Signal aus Berlin kommen.

Wie sind denn die Reaktionen in Ägypten? Erfahren Sie nur Drohungen, Ablehnung und Kritik - oder auch Solidarität und Unterstützung?

Natürlich kommt auch Solidarität von Seiten der ägyptischen und arabischen Schriftsteller und Journalisten - auch von Menschen, die mit mir nicht einer Meinung sind, aber dennoch mein Recht auf Redefreiheit unterstützen. Mehrere unabhängige ägyptische Zeitungen haben über den Fall berichtet. Eine Überraschung war, dass die größte ägyptische Tageszeitung Al-Ahram, die als Regierungsblatt gilt, meine Position unterstützt hat. Auch aus Deutschland bekomme ich aus muslimischen Kreisen viel Unterstützung. Der Liberal-Islamische Bund hat sich von den Mordaufrufen deutlich distanziert. Aus den konservativen Verbänden habe ich bislang jedoch keine Reaktion wahrgenommen. Vermutlich werden sie irgendwann sagen: 'Diese Fundamentalisten repräsentieren nicht den Islam.' Ich würde Ihnen entgegnen: Warum erzählen Sie mir das? Gehen Sie hin und sagen sie Sie es den Fundamentalisten!

Unterstützung für Mursi: Demonstration der Muslimbrüder (Foto: MAHMUD HAMS/AFP/GettyImages)

Demonstration der Muslimbrüder

Sie haben in einem früheren Interview von Instrumentalisierung gesprochen. Was sagt die Kampagne gegen Sie über Ägyptens politische Gegenwart und Zukunft aus?

Die wirtschaftliche Lage in Ägypten ist miserabel. Es mangelt überall an Brot und Benzin. Präsident Mohammed Mursi steht unter dem Druck der Opposition. Bei einer Unterschriftenaktion, die seine Amtsenthebung fordert, kamen binnen eines Monats 13 Millionen Unterschriften zusammen. Für den 30. Juni ist ein 'Marsch der Millionen' vor Mursis Palast geplant. Die Muslimbrüder versuchen nun, meine islamkritischen Ansichten als Meinung der gesamten Opposition darzustellen, um sie als Islamhasser zu diffamieren und mehr Unterstützung zu bekommen. Hier liegt die die Bedeutung von Abdel-Maged, der den Mordaufruf lanciert hat. Er ist ein wichtiger Verbündeter von Präsident Mursi und Leiter seiner Unterstützungskampagne. Am Ende Aufrufs bat er alle gläubigen Ägypter, am 30. Juni nach Kairo zu kommen, um den Präsidenten gegen solche Ungläubigen wie mich zu verteidigen.

Die Fragen stellten Emad M. Ghanim und Rainer Sollich.

Der deutsch-ägyptische Autor Hamed Abdel-Samad ist Sohn eines Imams und lebt seit seinem 23. Lebensjahr in Deutschland. Er ist Mitglied der Deutschen Islamkonferenz und bekannt unter anderem durch Bücher wie "Der Untergang der islamischen Welt" und seine Mitwirkung in der TV-Serie "Entweder Broder - Die Deutschland-Safari" an der Seite von Henryk M. Broder.

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