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Politik

Aachener Vorschusslorbeeren

Verdient hat er ihn auf jeden Fall: den Karlspreis. Der überzeugte Europäer Valery Giscard d'Estaing. Doch wofür bekommt er 2003 den Karlspreis nun eigentlich zugesprochen?

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Etwa für seine Arbeit als Präsident des europäischen Verfassungskonvents? Das wäre kein Preis, sondern ein Vorschuss auf eine Leistung, die er noch vollenden muss. Das wäre bestenfalls eine Abschlagszahlung der Aachener Juroren. Denn die europäische Verfassung gibt es noch nicht, sie entsteht - unter der genauso zielstrebigen wie ehrgeizigen Ägide Giscards. Wie sie aussehen wird, welche Durchsetzungskraft und welchen politischen Charme sie ausstrahlen wird - das steht alles noch im europäischen Sternenkranz.

Also: der Lorbeer des Karlspreis wäre verfrüht. Wofür also dann? Für seine ebenso politisch unkorrekten wie vielleicht falschen Bemerkungen, daß die Türkei nicht zur EU gehöre? Das aber wäre dann geradezu eine Aachener Ohrfeige für die europäischen Staats- und Regierungschefs, die ja für einen Beitritt der Türkei zur EU sind - wenn auch erst in weiter Zukunft und nach grundlegenden Reformen des Landes am Bosporus.

Gefühlte Nebenrolle

Aber: haben sich die Aachener Laudatoren an den Gründer des abendländischen, des christlichen Europa erinnert als sie Giscard auszeichneten? Wohl kaum. Schließlich spielt das christliche Abendland in einem radikal säkularisierten Europa nur eine philosophische, eine bestenfalls gefühlte Nebenrolle. Wie auch anders? Wer geht im christlichen Abendland noch zur Kirche - außer Weihnachten vielleicht mit den Kindern. Die Kirche ist längst zur Serviceagentur im Alltag heruntergekommen: sie wird in Anspruch genommen zu Taufen, Hochzeiten und Beerdigungen. Also ist das christlich begründete Nein zur Türkei auch wenig überzeugend.

Warum also hat Valery Giscard d'Estaing den Karlspreis bekommen? Weil niemand sonst da war? Das könnte ein Grund sein. Vielleicht auch, weil man dem ehrgeizigen Franzosen ein paar Vorschusslorbeeren mit auf den Weg geben wollte - der jetzt erst richtig steinig und steil wird. Denn bis auf ein paar - durchaus bemerkenswerte und beachtliche Vorüberlegungen - stehen ja noch nicht einmal die Konturen einer europäischen Verfassung.

Kleines Land ganz groß

Genauer: noch gibt es nicht den geringsten Hinweis, in welche Richtung der Kongress sich bewegen wird: soll Europa, soll die europäische Union mehr Staatenbund oder mehr Bundesstaat sein? Die Antwort steht aus. Also: ist Valery Giscard d'Estaing ein würdiger Preisträger? Sicher, doch ein Jahr zu früh.

Wer also hätte ihn jetzt verdient? Fogh Andres Rasmussen, der konservative, der brillante dänische Ministerpräsident, der den Aachenern vielleicht zu jung war. Aber: Rasmussen hat den historischen Erweiterungsgipfel von Kopenhagen glanzvoll und souverän geführt. Er hat in den sechs Monaten als Dänemark die EU führte, gezeigt, dass auch ein kleines Land diplomatische Meisterleistungen erbringen kann. Er hat ganz en passant das große Frankreich düpiert, das in Nizza an seinen eigenen Vorgaben scheiterte. Und er hat mit Brillanz, mit kühler Rationalität, mit einer ungewöhnlichen Verhandlungsoffenheit den Erfolg ermöglicht. Rasmussen war ein großartiger Ratspräsident. Der Erfolg von Kopenhagen war sein Erfolg. Damit haben nicht viele gerechnet.

Die Aachener Karlspreisjuroren wohl auch nicht. Schade.