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Europa

90.000 Einwohner, 200.000 Flüchtlinge

Wie kann das gutgehen? Die Einwohner von Lesbos zeigen, wie das geht: Mit griechischer Gelassenheit, Geschäftssinn und einem manchmal erschreckendem Pragmatismus lokaler Behörden. Aus Mytilini Udo Bauer.

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Verzweifelte Szenen auf Lesbos (02.11.2015)

Mytilini ist die größte Stadt auf Lesbos. Ein hübscher Ort mit einem riesigen Hafenbecken. Von hier fahren täglich mehrere große Fähren Richtung Piräus und Kavala in der Nähe der Grenze zu Mazedonien.

Und nur deshalb sind Tausende Flüchtlinge hier - sie wollen weg. Manchmal müssen sie hier tagelang warten, bis sie einen Platz auf einer Fähre bekommen. Deshalb schlagen viele ihre kleinen Zelte auf den Bürgersteigen auf und in den Parks der Stadt. Viele liegen auch in den Hauseingängen, auf Parkbänken oder einfach nur auf den Hafenpiers.

Das Stadtbild von Mytilini ist geprägt von arabischen, somalischen und afghanischen Gesichtern. Die griechischen Einwohner ficht das nicht an. Im Gegenteil - sie machen glänzende Geschäfte mit den Fremden.

Jeder verdient an den Flüchtlingen

Die Restaurants, Imbissbuden, Minimärkte, Kaffee- und Teestuben sind voll. Taxis sind dauernd unterwegs, genau wie ungezählte mobile Getränke- und Obstverkäufer. Und natürlich machen die Fährgesellschaften Rekordumsätze. Normalerweise ist im November die Hochsaison längst vorbei, jetzt ist jedes Schiff bis auf den letzten Platz ausgebucht. Einfache Fahrt: 60 Euro - Mal 700 bis 1500 Passagiere.

Die griechischen Behörden haben darüber hinaus noch zusätzliche Fähren gechartert, die nur Flüchtlinge transportieren. So verhindern sie, dass es unter den Flüchtlingen, die alle wegwollen, zu Streitereien oder Protesten kommt.

Wertvolle Motoren

Die Nordküste von Lesbos ist ein orangefarbener Streifen. Tausende von Rettungswesten liegen an den Stränden, soweit das Auge reicht. Nach der Überfahrt aus der Türkei haben sie für die Flüchtlinge ihren Zweck erfüllt. Genau wie die vielen Schlauchboote, die die freiwilligen Helfer an den Stränden gleich nach Ankunft plattstechen, damit sie nicht wieder hinaus auf das Meer treiben.

Die Helfer kommen aus England, Holland, Spanien und Deutschland. Auch ein paar Griechen tummeln sich an den Stränden. Aber sie beschränken sich darauf, die wertvollen Metallteile der Boote zu "bergen". Manche sind auch schon gleich nach Tagesanbruch unterwegs und transportieren die Außenbordmotoren der Flüchtlingsboote ab, die in der Nacht angekommen sind. Ein paar Tausend Euro pro Stück sind die wert.

Flüchtlinge werden registriert, um sie loszuwerden

Auch der sogenannte Hotspot in Moria, eine Kaserne außerhalb von Mytileni, ist zu einem Musterbeispiel griechischer Abfertigungskultur geworden. Mittlerweile haben es griechische Polizisten und Frontexbeamte geschafft, mehr als 5000 Flüchtlinge pro Tag zu registrieren. Allerdings ist das keine EU-weit gültige Registrierung. Sie ist lückenhaft, die Angaben der Flüchtlinge werden nicht auf ihren Wahrheitsgehalt überprüft.

Flüchtlinge am Hafen von Lesbos

Letzte Ausfahrt Lesbos: Flüchtlinge warten am Hafen auf eine Fähre zur Weiterfahrt

Am Ende bekommt jeder hier ein Registrierungsformular, das zur Ausreise aus Lesbos berechtigt. Eigentlich dürfen die Flüchtlinge Griechenland nicht verlassen und eigentlich müssten auch viele gleich abgeschoben werden. Aber das können die Behörden auf Lesbos nicht leisten. Sie wollen es wohl auch nicht. Sie wollen ein bisschen Frieden und ein bisschen Ordnung aufrechterhalten. Und deswegen müssen so schnell wie möglich so viele Flüchtlinge wie möglich die Insel verlassen.

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