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Politik

9/11 der Universitäten

Für US-Studenten ist das Massaker auf der Virginia Tech so etwas wie ein 9/11 der Universitäten. Sie trauern mit Gebeten, Gedenkschleifen, Blutspendenaufrufen - und im Internet.

Halbmast in Virginia. Quelle: AP

Halbmast in Virginia

Es war um 9.26 Uhr am Morgen, als die meisten Studenten der Virginia Polytechnic Institute and State University oder kurz Virginia Tech zum ersten Mal hörten, dass irgendetwas nicht stimmt auf ihrem Campus. Sie erhielten eine E-Mail mit der Aufforderung, nach einem "Schusswaffen-Zwischenfall" vorsichtig zu sein. Da waren schon zwei Studenten tot. Vielleicht haben einige der später Erschossenen diese E-Mail noch gelesen, bevor sie sich doch auf den Weg zu den Vorlesungen und Seminaren machten. Niemand konnte ahnen, dass der Tag nach der E-Mail den blutigsten Amoklauf in der Geschichte der USA sehen würde. Ein Tag, der auf collegemedia.com schon "4/16" genannt wird.

Der Amokläufer von Blacksburg, Cho Seung Hui

Der Amokläufer von Blacksburg, Cho Seung Hui


Noch bevor der Täter sich selbst erschoss, gab es erste Bilder aus der Virginia Tech bei Myspace.com - und auch die Bewältigung erfolgt zum großen Teil online. In Blogs, auf Myspace - und vor allem auf Facebook.com. Der Name leitet sich von den gleichnamigen "facebooks" ab, die an US-Schulen an Neulinge verteilt werden. Facebook.com ist als studentische Plattform mindestens ebenso wichtig - sie gehört mit über 20 Millionen Mitgliedern zu den zehn meistbesuchten Websites der USA. Wer Student ist und nicht bei Facebook, den gibt es überhaupt nicht.

Ansturm der Trauernden

Facebook erlebt nach dem Massaker in Blackburg einen gigantischen Ansturm. Die Generation Internet trauert auch im Internet. Über 500 Newsgroups entstanden auf Facebook innerhalb eines Tages. Sie heißen "Always remember Virginia Tech", "God Bless Virginia Tech!" oder "Pray for VT". Die Größte, "A tribute to those who passed at the Virginia Tech Shooting", schaffte es in weniger als 24 Stunden auf 100.000 Mitglieder, was einen Rekord in der Geschichte des Internets bedeuten dürfte. Sie beten, beschwören Solidarität und Einigkeit, sind fassungslos. Es gibt Dutzende Gedenkschleifen mit dem VT-Logo zur Auswahl. "Ich kann es einfach nicht glauben, dass so etwas passiert", schreibt User Whipkey. "Ich habe keine Worte, ich kann nur beten." So oder ähnlich lauten unzählige Einträge.

Facebook.com ist aber nicht nur Kondolenzbuch. Hier werden auch Nachrichten, Gerüchte und Theorien verbreitet, Vermisste gesucht. Die "College Democrats" rufen zu Blutspenden auf. Noch eint die meisten der Schock, noch weiß man zu wenig über die Hintergründe, doch schon zeigen sich Grundzüge der Diskussion, die bis in den Wahlkampf hinein Spuren in der amerikanischen Politik hinterlassen dürfte. "Jetzt ist Zeit für Einigkeit, jetzt müssen Konservative und Liberale zusammenstehen", schreiben die College Democrats. "Wenn die Zeit reif ist, werden wir aber eine Diskussion starten über Waffengesetze und Campus-Sicherheit."

Solidaritätsschleife für Virginia

Solidaritätsschleife für Virginia

Waffenkontrolle ist ein Thema, dass die tiefe Spaltung der amerikanischen Gesellschaft aufzeigt wie kaum ein anderes. US-Präsident George W. Bush verteidigte schon in seiner ersten Reaktion die lockeren Waffengesetze. "Der Präsident ist der Ansicht, dass Menschen ein Recht haben, Waffen zu tragen, aber dass alle Gesetze befolgt werden müssen", sagte seine Sprecherin Dana Perino. "Ich kann nicht glauben, dass Bush so etwas sagt in der traurigsten Zeit direkt nach dem so etwas passiert", schreibt Carlisa dazu auf Facebook. "Es ist so leicht für einen Durchgeknallten, in Virginia Tech oder Columbine (Schulmassaker mit 15 Toten, die Red.) Waffen zu bekommen - viel leichter als einen verdammten Führerschein. Es ist höchste Zeit für Waffenkontrollgesetze."

"Waffen schützen"

Befürworter und Gegner von Waffen liegen bei den Studenten im Internet zahlenmäßig in etwa gleich auf. Zwischentöne sind selten. "Die Regierung sollte Bürgern mit Waffenlizenz erlauben, diese überall mithin zu nehmen", schreibt User Matthew Crawford. "Diese Schießerei hätte von einem gesetzestreuen Bewaffneten sehr schnell beendet sein können." "Schusswaffen schützen Menschen", schreibt ein Charlie Judge. "Wenn einer der Studenten eine Knarre gehabt hätte, wären weniger Menschen gestorben. Durch Waffenkontrolle werden mehr Menschen getötet, als bei diesem Massaker." Andere Studenten reagieren auf solche Äußerungen ebenso entsetzt wie die meisten Europäer.

"Wir müssen die Ursachen des Problems finden, nicht an den Symptomen herumdoktern", sagt User TK Yu. So sieht dies auch die offizielle Zeitung der Virginia Tech, "Collegiate Times", die eine Reflexion über die amerikanische "Kultur der Gewalt" veröffentlichte.

In Virginia hat man mit Waffen und Gewalt Erfahrung. In den USA gibt es mehr als 200 Millionen Pistolen und Gewehre in Privatbesitz; in Virginia ist es besonders leicht, an Waffen zu kommen. Wie in einigen anderen Staaten dürfen die Bürger ihre Waffen offen tragen. 2006 beschäftigte sich Virginia Tech mit einem Antrag, der es Studenten und Angestellten erlauben wollte, Schusswaffen auch auf dem Campus zu tragen. Er wurde abgelehnt.

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