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Kultur

8000 helle Momente. Zum 25. Jahrestag des Mauerfalls

Vor 25 Jahren fiel in Berlin die Mauer. In den ersten Tagen erschien es wie ein Wunder. Wie war das damals in Berlin und was ist übrig vom Wunder, fragt sich Angelika Obert für die evangelische Kirche.

Installation Lichtgrenze in Berlin Jubiläum 25 Jahre Mauerfall

Installation "Lichtgrenze" in Berlin zum Jubiläum 25 Jahre Mauerfall

„Wenn der Herr die Gefangenen Zions erlösen wird, werden wir sein wie die Träumenden“, heißt es in einem der biblischen Psalmen. Ein poetischer Satz. Im Geiste sehe ich mich da mit vielen andern über den Wolken schweben, wo die Freiheit grenzenlos sein muss. Aber ganz so war es ja nicht, als das biblische Volk Israel endlich aus der babylonischen Gefangenschaft entlassen wurde.

Und ganz so war es auch vor 25 Jahren nicht, als in Berlin die Mauer fiel und ich selbst Teil hatte an einer großen, gemeinschaftlichen Befreiungserfahrung. Ja, wir waren in diesen Tagen „wie die Träumenden“, aber es war doch ein sehr irdischer Taumel bei diesigem Novemberwetter. Alle wimmelten durcheinander im ungeheuren Aufbruch, noch konnte keiner wissen, wohin. Wir wussten nur: Es hatte sich über Nacht ein neuer Lebensraum aufgetan, nicht nur für die Ostdeutschen. Auch für uns Leute in West-Berlin war es plötzlich weit geworden.

Allerdings - zunächst einmal wurde es eng auf den Straßen nahe der Bornholmer Brücke. Das Fahrrad musste ich zu Hause lassen. Und die vielen fliegenden Händler mit schäbiger Billigware am Straßenrand ärgerten mich. Ließen sie doch ahnen: Wo die einen noch im Freiheitsjubel taumelten, berechneten die andern schon das Geschäft.

Das schmerzliche Erwachen ließ ja auch nicht lange auf sich warten. Das Treiben der Treuhand, der Verlust zahlloser Arbeitsplätze, die bittere Phase der Auflösung, die vielen Ostdeutschen bevorstand – das waren dann die harten Tatsachen. Und dazu kam die menschliche Verstörung. Wir Deutsche in Ost und West mussten entdecken, dass wir uns gar nicht so gut verstanden, wie wir uns das vorgestellt hatten. „Solange ich hinter der Mauer saß, hätte ich recht energisch bestritten, dass die „Durchschnittsbürger“ in der DDR und in der Bundesrepublik ganz unterschiedliche Brillen auf der Nase tragen, dass es wesentliche, schwer überbrückbare Unterschiede zwischen ihnen gab. Nichts, außer der Mauer, schien zwischen uns zu stehen“ - so drückte es Regine Hildebrandt schließlich aus, schon sehr reflektiert im Jahr 1994. Anfangs aber regierten die Gefühle der Enttäuschung. Ich erinnere mich an hasserfüllte Schimpfworte über die Wessis, die aus ostdeutschen Kneipen an mein Ohr drangen. Ich erinnere mich an die erhebliche Reserve, mit der mir manche meiner ostdeutschen Mitchristen begegneten – und natürlich auch das Stöhnen und den Spott, mit dem wir Wessis unseren Irritationen Luft machten, wenn wir unter uns waren.

Aber überlegen fand ich mich damals wirklich nicht. Einmal war ich nach einer Besprechung in Cottbus so niedergeschlagen, dass ich auf dem Heimweg heulen musste. Ich fühlte mich den ganzen ost-westlichen Missverständnissen einfach nicht gewachsen. Heute frage ich mich, wie viele Tränen damals wohl von Ostdeutschen geweint worden sind.

Doch nun kommt das Schöne: All das liegt nun schon so lange zurück, dass wir heute im Gespräch darüber lachen können, wie sehr wir anfangs gefremdelt haben. Es ist nicht so geblieben. Am Ende meines Berufslebens weiß ich: Die vielen Begegnungen in den ostdeutschen Kirchengemeinden sind das Beste gewesen, was mir passiert ist. Schön sind die märkischen Landschaften, in denen wir West-Berliner uns inzwischen gut auskennen, aber das Wichtigste sind doch all die Menschen, die ich kennenlernen durfte, weil vor 25 Jahren die Mauer gefallen ist. Oft war ich dankbar und berührt von ihrer Integrität und Bescheidenheit, ihrem Humor und ihrer Herzlichkeit, oft ermutigt, mir davon eine Scheibe abzuschneiden. Unvorstellbar, was mir alles gefehlt hätte ohne diese Begegnungen.

Wenn heute in Berlin 7000 leuchtende Luftballons die ehemalige Grenze markieren, dann sehe ich in ihnen all die hellen Momente, die ich der Tatsache verdanke, dass vor 25 Jahren der Lebensraum plötzlich so unerwartet weit wurde.

Evangelische Pfarrerin Angelika Obert

Pfarrerin i. R. Angelika Obert, Berlin

Zur Autorin:

Angelika Obert (Jahrgang 1948) ist seit 1993 Rundfunk- und Filmbeauftragte der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz. Sie ist für die evangelischen Hörfunk- und Fernsehsendungen beim Rundfunk Berlin-Brandenburg (rbb) verantwortlich. Nach dem Studium der Evangelischen Theologie und der Germanistik besuchte sie eine Schauspielschule, bevor sie Pfarrerin wurde. Als Autorin gestaltet sie auch Sendungen für den Deutschlandfunk und Deutschlandradio Kultur.

Verantwortlicher Redakteur: Pfarrer Christian Engels

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