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Deutschland

70 Jahre Rosa von Praunheim

Der Filmemacher Rosa von Praunheim hat sein Leben dem Kampf für die Rechte von Schwulen gewidmet. Dass Homosexuelle heute Ideale wie Ehe und Vereine anstreben, behagt ihm aber nicht unbedingt.

Persönlich konnte er es ihnen einfach nicht sagen. Und so erfuhren Holger Mischwitzkys Eltern aus seinem ersten Film, dass ihr Sohn Männer liebt. "Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt" - mit diesem Titel schrie sein Film eine für damalige Verhältnisse unerhörte Botschaft in die Bundesrepublik des Jahres 1971 hinaus. Homosexualität unter erwachsenen Männern war gerade erst vom Bann der gesetzlichen Strafbarkeit befreit worden; das Wort "schwul" galt in der Gesellschaft als Schimpfwort.

In dieser Atmosphäre sah Holger Mischwitzky seinen Film nicht nur als persönlichen Befreiungsschlag - sondern als Weckruf für alle homosexuellen Männer. "Ich war wütend auf die Schwulen, dass sie sich nicht für ihre eigenen Interessen eingesetzt, sondern sich versteckt haben - dass sie sich lieber in Partys geflüchtet haben oder in Illustriertenträume", sagt der 70-Jährige, der unter dem Künstlernamen Rosa von Praunheim zu einer Schlüsselfigur der deutschen Schwulenbewegung wurde.

Fußballvereine und Schuhplattlergruppen für Schwule

Händepaar mit Ehering (Foto: APN Photo/Benjamin Sklar)

Die Homo-Ehe: Anpassung an die bürgerliche Welt der Heteros?

Längst können homosexuelle Männer in Deutschland Partnerschaften offen leben. Ihre heutige Lebenswirklichkeit entspricht dennoch nicht unbedingt den Vorstellungen, für die sich Rosa von Praunheim als junger Mann zur Zeit der globalen 68er-Bewegung einsetzte. Er habe immer befürchtet, "dass sich die Schwulen integrieren anstatt sich zu emanzipieren - dass sie sich eher anpassen an die Welt der Heterosexuellen, anstatt ihre eigene Welt stärker mit einzubringen." Damit spricht er Veränderungen an, die bei heutigen Schwulenorganisationen, etwa dem Lesben- und Schwulenverband Deutschlands (LSVD), als Erfolge gelten: Auch wenn sie der Ehe zwischen Mann und Frau gesetzlich noch nicht vollständig gleichgestellt ist, so können schwule und lesbische Paare seit 2001 offiziell eine Lebenspartnerschaft eingehen. Inzwischen haben Schwule eigene Fußball- oder Gesangsvereine gegründet und sogar eine Gruppe fürs Schuhplatteln, den traditionellen Volkstanz aus der konservativ geprägten bayerischen Provinz.

Manfred Bruns, Mitglied im Bundesvorstand des Lesben- und Schwulenverbands Deutschland (Foto: privat/Manfred Bruns)

Manfred Bruns vom Lesben- und Schwulenverband Deutschland

"Die heutigen Schwulenorganisationen haben nicht mehr die Absicht, die Gesellschaft umzustürzen", sagt Manfred Bruns. Er ist Mitglied im Bundesvorstand des LSVD und beobachtet unter den jungen Schwulen einen Trend, der auch der heterosexuellen Jugendgeneration immer wieder nachgesagt wird: ein schwindendes Interesse, sich für die eigenen Ziele politisch zu engagieren. Entsprechend sei auch Rosa von Praunheim für die junge Schwulen-Generation keine Identifikationsfigur mehr - im Gegenteil: Vielen Schwulen sei dessen Vorgehen zu radikal. Bruns bezieht sich dabei vor allem auf einen Auftritt in einer Fernsehshow in den 1990er Jahren, bei dem Rosa von Praunheim zwei bekannte deutsche Moderatoren als homosexuell outete.

Signalwirkung von prominenten Schwulen

Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit Foto: Jörg Carstensen (dpa)

Klaus Wowereit: "Ich bin schwul - und das ist auch gut so"

Zur Zeit des umstrittenen Fernseh-Auftritts habe die Schwulenszene in der Krise um AIDS gesteckt; viele seiner Freunde seien damals gestorben, verteidigt sich Rosa von Praunheim. "Da wollte ich ein Zeichen setzen und sagen: Wir brauchen die Solidarität von Schwulen, die prominent sind, die Macht und Einfluss haben." Seit einigen Jahren stehen auch hochrangige deutsche Politiker, vom Berliner Bürgermeister bis zum Außenminister, öffentlich zu ihren schwulen Partnern. Das hat die gesellschaftliche Akzeptanz der Schwulen verbessert, glaubt Rosa von Praunheim. "Doch immer noch gibt es sehr viele Mitbürger aus anderen Kulturkreisen, die Schwule nicht sehr lieben", formuliert er vorsichtig. Davon abgesehen bleibe es die Aufgabe für die deutsche Gesellschaft, "jede neue Generation mit Selbstbewusstsein zu stärken."