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Deutschland

70 Jahre deutsche Weihnachtsgeschichte

Ein Weihnachtsfest ohne geschmückten Tannenbaum ist für die meisten Deutschen undenkbar - seit über 100 Jahren. Doch im Laufe der Jahrzehnte hat sich einiges geändert: Heute gibt es mehr Konsum als Besinnung.

Nur wenige Tage vor Weihnachten brachte der Terroranschlag auf den Berliner Weihnachtsmarkt an der Gedächtniskirche Trauer über Deutschland. Doch vielerorts wollen sich die Menschen nicht entmutigen lassen und möchten das christliche Weihnachtsfest dennoch friedlich und besinnlich begehen. Die Festkultur, die sich im Laufe der Jahrhunderte entwickelte, brachte ein Symbol hervor, ohne das das Fest inzwischen nicht mehr denkbar ist: den festlich geschmückten Weihnachtsbaum. "Um den Weihnachtsbaum als zentrales gestalterisches Element kommen wir, solange es die Menschheit gibt, nicht herum", vermutet der Historiker und Archäologe Peter Knierriem. Mehr noch - er prognostiziert, dass sich die Baumkultur auch in Regionen etablieren wird, die mit Weihnachten traditionell nichts zu tun haben.

Peter Knierriem, Historiker im Museum Schloss Rochlitz - Foto: Wolfgang Löhnig

Baum-Kenner Peter Knierriem

Knierriem arbeitet hauptberuflich als Leiter des Museuma Schloss Rochlitz in Sachsen und beschäftigt sich seit mehr als 20 Jahren ausführlich mit der weihnachtlichen Festkultur. Fundstücke seiner umfangreichen Sammlung präsentierte er im Osterzgebirgsmuseum Schloss Lauenstein, rund 40 Kilometer südlich von Dresden. Die Sonderausstellung "Von wegen stille Nacht. Weihnachten - Ein Streifzug durch zwei Jahrtausende Festkultur" lief bis zum 7. Februar 2016.

Junge Tradition

Es sei eine junge Tradition, wie die Deutschen heute Weihnachten feiern, sagt der Historiker im Gespräch mit der DW. Der geschmückte Weihnachtsbaum, heute aus keinem deutschen Wohnzimmer mehr wegzudenken, tauche erst im frühen 15. Jahrhundert auf. Damals seien es die Handwerkszünfte gewesen, die einen Baum mit essbaren Dingen behangen hätten. "Bei Umzügen wurden diese Bäume mit viel Lärm und Getöse durch die Straßen getragen."

Vor 200 Jahren dann, während der Biedermeierzeit, wurde es üblich, ein Holzgestell, dass einem Baum nachempfunden war, mit Buchsbaumzweigen zu schmücken. "Hinter all diesen Bräuchen steht der Wunsch, mit immer grünen Zweigen, der kalten, lebensfeindlichen Jahreszeit zu trotzen und der Hoffnung auf neues Leben Ausdruck zu verleihen", so Knierriem.

Das Weihnachtsfest im königlichen Hauptquartier zu Versailles - Illustration, Januar 1871 - Bild: Fritz Schulz

"Weihnachten in Versailles" - Illustration, Januar 1871

In die Weihnachtsstuben kommt der beleuchtete Baum erst im 19. Jahrhundert. Sein Siegeszug begann 1870 mit dem Deutsch-Französischen Krieg, weiß der Historiker. "Damals feierte König Wilhelm, der spätere Kaiser, in Versailles unter dem Weihnachtsbaum den Sieg über Frankreich. Wenn der König das macht, muss es was Gutes sein, sagte sich das Volk und eiferte ihm nach."

Krieg im Baum

Danach wurde der Weihnachtsbaum immer mehr zum Mittelpunkt der familiären Weihnachtsfeier. Nach den Wohnzimmern des Bürgertums eroberte er auch die Stuben einfacher Schichten.

Als 1914 der Erste Weltkrieg ausbrach, machte er auch vor den Christbäumen nicht halt: Sie wurden patriotisch geschmückt, so Peter Knierriem: "Da ist das gesamte Waffenarsenal des Ersten Weltkriegs als Baumschmuck in Form von Glasanhängern zu finden, Flugzeuge, Granaten, Seeminen oder Schlachtschiffe."

Tradition des Schenkens

Die Tradition des Schenkens allerdings kam eher später. Sie habe zunächst sehr bescheiden begonnen, erzählt Tanja Roos, promovierte Historikerin für Wirtschafts- und Sozialgeschichte: "Zwischen 1900 und dem Zweiten Weltkrieg (1939) waren die Geschenke für Kinder eher klein: selbstgestrickte Puppen und einfache Kartenspiele, Bälle, Bücher, Holzspielzeug. Angestoßen durch die Militarisierung gab es rund um den Ersten Weltkrieg bereits Kriegsspielzeug für Kinder wie Zinnsoldaten oder Speizeuggewehre."

Tanja Roos - Foto: Balsereit

Historikerin Tanja Roos

Für ihr Buch "Alle Jahre wieder? Weihnachtliche Konsumstrukturen im Wandel" (Tectum Verlag) hat Tanja Roos die akribisch geführten Haushaltsbücher einer Kölner Familie analysiert, die einen Zeitraum von 60 Jahren umfassen. "Von den Beträgen her hielt sich der Wert der Geschenke sehr in Grenzen", erzählt sie im DW-Interview. "Die großen Posten waren notwendige Artikel wie Kleidung oder auch Ausgefallenes wie die noch seltenen Südfrüchte."

Glitzernder Baum in brauner Zeit

Mit dem Machtantritt der Nationalsozialismus schlich sich die Politik dann auch in die traditionelle Weihnachtskultur ein. Das Fest wurde für ideologische Zwecke missbraucht. "Es ging den Machthabern darum, den christlichen Gedanken aus der Festkultur herauszulösen, denn deren Ideologie ließ sich nicht mit dem Christentum in Einklang bringen", so Historiker Peter Knierriem.

So versuchten die Nationalsozialisten etwa, germanische Bräuche wiederzubeleben. Aus dem Christfest sollte das "Julfest" werden, dass in Nordeuropa zur Wintersonnenwende gefeiert wurde. Den Christbaum nannten sie dementsprechend "Jultanne". Die christlichen Symbole Kreuz und Weihnachtsstern wurden durch das Hakenkreuz und das germanische Sonnenrad ersetzt.

Weihnachten im Krieg

"Die ersten Kriegsweihnachten waren ein Element, mit dem die Propaganda gut umgehen konnte", erläutert der Historiker aus Sachsen. "Sie appellierte an das Zusammengehörigkeitsgefühl im Volk." 1943 sei die Produktion von Christbaumschmuck allerdings eingestellt worden, fährt er fort. "Kriegsweihnacht ist immer noch ein propagandistisches Element, aber der normale Bürger hat längst seine eigene Meinung, wenn er zum Fest mit einem einzelnen Tannenzweig im Bombenkeller sitzt."

Kriegsweihnachten im Luftschutzkeller - Bild: Willibald Krain

"Kriegsweihnachten im Luftschutzkeller" von Willibald Krain

"Tristesse habe in den letzen Kriegsweihnachten auch unter dem Baum geherrscht, sagt Historikerin Tanja Roos. Die meisten Dinge des täglichen Gebrauchs seien gar nicht oder nur schwer zu organisieren gewesen. "Ersatzlebensmittel" wie Malzkaffee und Kunsthonig hätten zum Überleben beigetragen. In dieser Zeit des Verzichts und des Überlebenskampfes seien Geschenke Nebensache gewesen.

70 Jahre nach Kriegsende können sich die meisten Deutschen eine Zeit des Mangels gar nicht mehr vorstellen. Im 21. Jahrhundert ist Weihnachten vor allem ein Konsumfest geworden. Doch es gibt sie noch, die besinnlichen Momente: vor allem dann, wenn sich die Familie vorm geschmückten Tannenbaum versammelt und Weihnachtslieder singt.

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