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Deutschland

70 Jahre CDU

Am Anfang galten sie als Herz-Jesu-Marxisten. Das Kapital bändigen, Arbeiter fördern, so das frühe Credo. Das ist 70 Jahre her. Heute gilt die CDU als konservative Partei in Deutschland. Versuch einer Profilbeschreibung.

Was hat man der Partei nicht alles nachgerufen. Zu wenig diskussionsfreudig sei sie, zu katholisch. Ein Altherrenverein, einfach spießig. Richtig ist: Meinungsbildung wird bei den Christdemokraten auch heute noch nicht auf dem offenen Markt ausgetragen, so wie bei den Sozialdemokraten. Aber sonst ist vieles anders geworden, vor allem seit dem Mauerfall. Dass sie nun protestantischer ist, verdankt sie den Ostdeutschen, dass sie auch weiblicher daher kommt, ist nicht nur Angela Merkel geschuldet, es ist auch ein Merkmal der Zeit. Die CDU hat sich immer schon als modern gesehen. Der Mittelstand favorisiert sie, Arbeiter aber auch. Was also ist die CDU in ihrem innersten Wesen? Auf jeden Fall ist sie frei von Ideologie. Sie ist kein Revolutionsverein. Sie will bewahren, nicht verändern, sagt der Politologe

Jürgen W. Falter

im DW-Interview. Dabei standen die Anfänge noch ganz im Zeichen radikaler Töne.

Die Motivation der ersten Stunde

"Wir vertreten einen christlichen Sozialismus, der nichts gemein hat mit falschen kollektivistischen Zielsetzungen." Ein Satz, über den man heute stolpert, stammt er doch aus dem Jahr 1945. Einer aus den "Kölner Leitsätzen", sozusagen das erste Parteiprogramm der CDU. Noch 1947 ist von der "Vergesellschaftung der Bergwerke die Rede". Jugendsünden, könnte man heute sagen.

CDU-Wahlplakat 1949 - Foto: KAS

Damals noch Sammlungsbewegung: CDU-Wahlplakat 1949

Das mit dem Sozialismus war dann weniger als eine Episode. "Mit dem Wort Sozialismus gewinnen wir fünf Menschen", rechnete Konrad Adenauer vor, schon früh die Leitfigur der Partei "und 20 laufen weg". Spätestens seit 1949 war die sozialistische Periode Geschichte. Die kapitalistische Wirtschaftsordnung mit einem starken sozialen Korrektiv war fortan Grundlage des CDU-Gesellschaftsideals, die soziale Marktwirtschaft war geboren: Das Erfolgsmodell der alten Bundesrepublik. Die Väter hießen Konrad Adenauer, der erste Bundeskanzler und sein Wirtschaftsminister Ludwig Erhardt.

Ziemlich rasch vollzog sich auch der Wechsel in der konfessionellen Ausrichtung. War die frühe CDU noch deutlich katholisch und west-, bzw. süddeutsch geprägt, öffnete sich die neue Partei schon bald konfessionsübergreifend. Christlich wollte sie sein, nicht mehr nur katholisch.

Im Ergebnis steuerte die CDU schon 1947 in Richtung bürgerliche Sammlungspartei. Dennoch blieb der Wesenskern der Partei ein rheinisch-katholischer. Sein Prototyp: Konrad Adenauer, ehemaliger Oberbürgermeister Kölns und Bundeskanzler der Bundesrepublik von 1949 bis 1963. Ein Machtmensch mit politischem Instinkt und klaren Vorstellungen über die Ziele der jungen Republik.

Helmut Kohl vor einem Foto von Konrad Adenauer - Foto: Hulton Archive

"Der Alte" Konrad Adenauer und sein politischer Enkel Helmut Kohl (1975)

Adenauer und der Blick nach Westen

"Der Alte" wie er unisono genannt wurde, hatte seinen politischen Blick streng nach Westen gerichtet. Schulterschluss mit den USA, der Beitritt zur Nato (1955), kurz: die Westbindung war sein Ziel. Seine größte außenpolitische Leistung im Osten war die Heimholung Tausender deutscher Kriegsgefangener aus der Sowjetunion, was ihm emotional viel Dankbarkeit einbrachte. Die Politik der Westorientierung leitete er von seiner Theorie der Sogwirkung ab. Moskaus Angebot eines neutralen Gesamtdeutschlands hielt er für eine Tarnung. Früher oder später wäre Deutschland in den Fängen des Kommunismus. Damit besiegelte er die Teilung Deutschlands auf Jahrzehnte.

Wirtschaftlich erlebte die junge Bundesrepublik in den 50er Jahren eine Ära des Aufschwungs. Die soziale Marktwirtschaft verband ökonomischen Erfolg mit sozialem Frieden. Ein Markenzeichen und ein Erfolg der CDU - bis heute.

Kohls Einheits-Management

Noch mehr Ruhm erntet Jahrzehnte später ein anderer CDU-Politiker. Galt schon Adenauer als Macher, so gilt dies erst recht für Helmut Kohl, dessen Management der deutschen Einheit selbst beim politischen Gegner Anerkennung findet. Seine Autorität als Bundeskanzler und als CDU-Vorsitzender war 1989, nach sechs Jahren als Regierungschef leidlich angekratzt. Doch die unerwartete historische Gelegenheit, aus der Schwäche der DDR und ihrer Schutzmacht Sowjetunion, sowie der Macht der Straße deutschlandpolitisch Kapital zu schlagen, sicherte Kohl endgültig einen Sonderplatz in den Geschichtsbüchern. Mögen seine Kanzlervorgänger von der SPD, Willy Brandt mit seiner Ostpolitik und Helmut Schmidt als Krisenmanager in der RAF-Terrorzeit Großes geleistet haben. Doch die handwerkliche Umsetzung der deutschen Einheit ohne einen einzigen Schuss, in kurzer Zeit und im Schulterschluss mit den Siegermächten des Zweiten Weltkriegs, war das herausragende Ereignis in der politischen Geschichte Deutschlands nach 1945. Das Ganze orchestriert vor allem durch Helmut Kohl, der lange unterschätzt wurde.

Sein politischer Erfolg in seinen vier Legislaturperioden erklärt sich auch psychologisch. Man müsse immer bei den Menschen sein, hatte Kohl immer wieder seiner Partei gepredigt. Es war nicht zuletzt die Hinwendung zum Bauch der Gesellschaft, die die Akzeptanz der CDU und vor allem Kohls in den 80er und 90er Jahren erklärt. Das eher linke Spektrum der Wählerschaft mochte sich noch so lustig machen über die vermeintliche Provinzialität Helmut Kohls, letztlich konnte der gewiefte politische Fuchs im Gewande des braven Deutschen Mehrheiten hinter sich bringen.

Deutschland Angela Merkel isst Matjes bei Schiffstaufe (Foto: Jens Büttner/dpa)

Angela Merkel im Mai: Nicht volkstümlich, aber beliebt

Partei der Chefs, seit 70 Jahren

Was seit nunmehr zehn Jahren auch seiner Nachfolgerin im Bundeskanzleramt und als Parteichefin gelingt. Und das, obwohl Angela Merkel in vielerlei Hinsicht ein Gegenmodell zu Helmut Kohl ist. Aus gleichem Holz geschnitzt sind sie hingegen, wenn es um die Machtfähigkeiten geht. Merkel versteht es meisterhaft mit sparsamen Regieanweisungen Partei und Regierung ruhig zu halten. Alle natürlichen politischen Gegner hat sie in die Bedeutungslosigkeit verbannt. Sie führt strikt und unangefochten - wie Adenauer und Kohl auch. Es ist die Stärke der CDU, machtvoll zu regieren, sagen die einen. Andere bemängeln die nur schwach ausgeprägte Diskussionskultur und die autokratieartige Führungskultur in der Union.

Und auf der Habenseite? Im nächsten Jahr wird Angela Merkel Konrad Adenauer in seiner Amtszeit eingeholt haben. Und auch Kohl war schon ein Langzeitvorsitzender. Die CDU ist über Jahrzehnte mit wenigen Parteiführern ausgekommen, während sich im gleichen Zeitraum die SPD-Vorsitzenden fast die Klinke in die Hand gaben. Auf Kontinuität legt die CDU wert, sie will auch da eher bewahren, als verändern.

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