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Filme

7 Fragen & 7 Antworten: Wie Spielfilme mit Geschichte umgehen

Das "Haus der Geschichte" zeigt in der Ausstellung "Inszeniert - Deutsche Geschichte im Spielfilm", wie das Kino sich nach dem Krieg mit historischen Stoffen beschäftigt hat. Ein Gespräch mit Kurator Christian Peters.

Meryl Streep in TV Serie Holocaust von 1978 (Foto: DPA)

Meryl Streep in der US-amerikanischen TV-Serie "Holocaust" von 1978

Deutsche Welle: In der Ausstellung zeigen sie in sieben Themenkomplexen, wie der Spielfilm nach dem Krieg mit deutscher Historie umgegangen ist. In jedem dieser Bereiche stellen Sie einen zentralen Film in den Mittelpunkt. Es geht los mit dem Thema Holocaust. Warum haben Sie die gleichnamige TV-Serie in den Mittelpunkt gestellt?

Christian Peters: Die amerikanische Fernsehserie "Holocaust" ist 1979 im deutschen Fernsehen ausgestrahlt worden und hatte eine ungeheure Wirkung. Die Art und Weise, wie das Thema am Beispiel einer Familie behandelt wurde, sehr emotional, personalisiert, dramatisch, hat die Menschen ergriffen. Es war für viele die erste Begegnung mit dem Thema Holocaust überhaupt und hat zu großen Reaktionen bei den Zuschauern geführt.

Es ging um die Frage, ob man ein Thema wie die Vernichtung der europäischen Juden in Form einer solchen Familiengeschichte behandeln darf. Es wurden auch Szenen aus dem Konzentrationslager und aus der Gaskammer gezeigt. Die Frage war also: Darf man das überhaupt? Das ist eine Diskussion, die ist damals geführt worden und die ist auch später geführt worden, zum Beispiel bei "Schindlers Liste". Steven Spielberg sah sich diesen Vorwürfen und dieser Kritik ausgesetzt.

Stephen Spielberg (Foto: AP Photo/Donna Carson)

Spielberg trat damals in vielen Diskussionsrunden auf

Der Erfolg hat den Filmemachern letztlich recht gegeben. Sie haben Millionen Menschen erreicht und sie haben auch Anstöße zum Nachdenken gegeben - bis hinein in die deutsche Politik: 1979 hat der Deutsche Bundestag über die Verjährung von Völkermord entschieden und für die Entscheidung der Bundestagsabgeordneten ist auch der Eindruck, den dieser Film hervorgerufen hat, durchaus wichtig gewesen.

Weiter geht es mit dem Thema Widerstand, hier gruppiert sich alles um den Auftritt von Tom Cruise im US-Film "Operation Walküre". Dabei haben zwei deutsche Filme das Stauffenberg-Attentat schon früher aufgegriffen. Warum hat es damals keine Aufregung gegeben?

Für uns war es wichtig, dass wir Filme in der Ausstellung haben, die gesellschaftliche, erinnerungspolitische Debatten ausgelöst haben. Mitte der 50er Jahre gab es zwei Filme, die das Thema 20. Juli 1944 behandelten. Hier war der gesellschaftliche Kontext so, dass eine Mehrheit der Deutschen dem Attentat noch sehr kritisch gegenüberstand. Das Bild des Verräters, des Eidbrechers, das die Nationalsozialisten gestreut haben, wirkte noch nach. Diese Filme hatten auch den Anspruch die Attentäter vom 20. Juli zu rehabilitieren. Dazu haben sie sicher auch einen Beitrag geleistet.

Kurator Christian Peters, Haus der Geschichte Bonn (Foto: Jochen Kürten)

Kurator Christian Peters (zweiter von l.) erklärt die Ausstellung

Der Zweite Weltkrieg - wie wurde der behandelt? Nicht mit allen Härten sicherlich. Und nicht direkt nach dem Krieg?

Wir hatten, vor allem in den 50er Jahren, eine Welle von Kriegsfilmen, zunächst US-amerikanische, aber in der zweiten Hälfte der 50er Jahre auch zunehmend deutsche ("08/15", "Hunde, wollt ihr ewig leben?" über den Untergang der 6. Armee in Stalingrad). Diese Filme zeichnete aus, dass sie ein Bild des deutschen Soldaten entwarfen, der in der Regel als missbrauchtes Opfer auftaucht: Er ist unpolitisch, er wird von der politisch-militärischen Führung missbraucht, er erfüllt treu seine Pflicht. Kriegsverbrechen sind in diesen Filmen kein Thema. Das kommt erst sehr, sehr viel später.

Der Themenbereich Wirtschaftswunder ist - was das Kino betrifft - möglicherweise weniger strittig gewesen?

Das trifft nicht ganz zu. Den Film, den wir ausgewählt haben als Hauptfilm, nämlich Reiner Werner Fassbinders "Die Ehe der Maria Braun" aus den 70er Jahren, ist ein Film, der ein besonders kritisches Bild über die 50er Jahre gezeichnet hat. Für Fassbinder ist die Zeit der 50er Jahre eine Zeit der verpassten Chancen, eine Zeit, in der der Nationalsozialismus nicht aufgearbeitet wurde. Und das hat er in eine Metapher gefasst: Die Karriere der Maria Braun, die im Laufe des Films zu einer sehr wohlhabenden Frau wird und Karriere macht, die aber gleichzeitig in ihren persönlichen Beziehungen scheitert, deren Beziehungen in die Brüche gehen. Insofern ist das Schicksal der Maria Braun auch ein Symbol für das Scheitern, eine Metapher für das Gesamtbild der 50er Jahre, wie es sich aus Fassbinders Sicht darstellte.

Ausstellungsraum in der Ausstellung 'Inszeniert - Deutsche Geschichte im Spielfilm' (Foto: Jochen Kürten)

Maria Furtwängler gab dem Thema "Flucht & Vertreibung" ein populäres Gesicht

Beim Thema Flucht und Vertreibung ist der zentrale Film das Epos "Die Flucht" ein TV- Film. Das ist ja ein Thema, von dem man hätte vermuten können, dass sich die Deutschen damit doch hätten viel früher beschäftigen können?

Das Thema ist tatsächlich in den 50er und 60er Jahren praktisch in den Spielfilmen nicht präsent gewesen, wenn, dann nur sehr unterschwellig. Zum Beispiel in den Heimatfilmen in den 50er Jahren. Da kommen natürlich auch hin und wieder Flüchtlinge und Vertriebene vor. Aber wenn, dann nur am Rande als Menschen, die schon integriert sind oder sich auf dem Weg der Integration befinden. Die ganzen Probleme der Integration, die ganzen gesellschaftlichen Konflikte der Integration, die es damals gab, die sind kein Thema. Das ist ausgeblendet worden. Das war für ein Genre wie dem Spielfilm, der als Unterhaltungsfilm funktionieren sollte, offensichtlich nicht geeignet. Das hat keinen Zuspruch gefunden.

Im Grunde ist das Thema Flucht erst nach der Deutschen Einheit, nach dem Ende des Kalten Krieges behandelt worden. Man kann sagen, dass sich Deutschland nun nachgewiesenerweise ausführlich mit dem Holocaust und der eigen Schuld auseinandergesetzt hat, erst dadurch ist es offensichtlich möglich geworden, dieses Thema auch in einem populären Spielfilm wie dem mit Maria Furtwängler zu behandeln.

Ausstellungsraum in der Ausstellung 'Inszeniert - Deutsche Geschichte im Spielfilm' (Foto: Jochen Kürten)

Crossemdiale Ausstellung: Fotos und Filme, Texte und Dokumente aller Art sind in Bonn zusehen, hier der Bereich RAF.

Das Thema Linksterror/RAF hat auch mehrere Phasen des deutschen Kinos durchlaufen, welche waren das?

Hier gibt es eine Art Perspektivwechsel. Wir haben die ersten Autorenfilme der 70er und 80er Jahre wie "Deutschland im Herbst", "Die bleierne Zeit" und "Stammheim", wo es sehr stark darum geht, die Terroristen mit ihren Motiven zu verstehen. Ihre Taten wurden aber weitgehend ausgeblendet. Es geht um die Frage: Wie sind sie dazu geworden? Es wird nicht darauf abgehoben, was sie denn nun tatsächlich an Gewalt ausgeübt haben. Das hat damit zu tun, dass die Filmemacher in den 70er und 80er Jahren eine Art Gegenöffentlichkeit schaffen wollten - gegen die große Hysterie und die Aufregung um Einschränkung von Verteidiger-Rechten (bei der Justiz).

Dies ist dann mit Filmen von Heinrich Breloer ("Das Todesspiel") und dann später Bernd Eichinger/Uli Edel ("Der Baader Meinhof Komplex") anders geworden. Bei Breloer ist die Perspektive stärker auf die staatliche Seite gerichtet, auch die Opfer kommen zu Wort. Eichinger hatte dezidiert den Anspruch, den Gewaltkult der RAF zu entlarven, zu zeigen, dass hinter der ideologischen Begründung fürchterliche terroristische Taten begangen wurden.

Good Bye Lenin! - Plakat (Foto: Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland/ Axel Thünker)

Erfolgreichster Nachwende-Film über die DDR: Good Bye Lenin!

Beim Thema DDR und Stasi haben Sie einen berühmten, relativ neuen Film in den Mittepunkt gestellt, der auch - durch einen Oscar - in den USA für Furore gesorgt hat.

Wir haben uns für "Das Leben der Anderen" von Florian Henckel von Donnersmarck entschieden. Zum einen, weil es ein Film ist, der das Thema Staatssicherheit zum ersten Mal im Spielfilm thematisiert, und der dadurch auch ein großes Publikum findet. Zum anderen, weil es uns darum geht, Filme zu nehmen, um die es erinnerungspolitische Diskussionen gegeben hat. Das ist gerade auch bei diesem Film der Fall, der gelobt wurde für seine eindrückliche Darstellung dieses Überwachungsstaates. Der sich aber auch heftiger Kritik ausgesetzt sah, weil viele gesagt haben: Der Wandel dieses Stasi-Offiziers von einem regimetreuen Stasi-Hauptmann zu jemandem, der seinen Opfern hilft, das hat es in der Realität nicht gegeben. Das war eher ein Märchen.

Das Interview führte Jochen Kürten

Kurator Christian Peters ist einer der Mitautoren des Ausstellungskatalogs, erschienen im Kerber-Verlag in Kooperation mit "Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland", ISBN 978-3-73560273-2.

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