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Nahost

655.000 Iraker laut Studie seit Kriegsbeginn getötet

Bisher gab es nur einen groben Überblick über die Zahl der Opfer im Irak-Krieg. Zumeist kamen die Schätzungen von US-Behörden, also von einer der Kriegsparteien. Nun gibt es eine erste unabhängige Studie.

2 irakische Polizisten begutachten Autowrack

Gewalt wie hier in Bagdad fordert tagtäglich Opfer

Im Irak sind einer Studie amerikanischer und irakischer Ärzte zufolge seit der US-Invasion im März 2003 fast 655.000 Menschen getötet worden. Das sind mehr als zehn Mal so viele wie bislang geschätzt. Die Forscher veröffentlichten ihre Studie am Mittwoch (11.10.) in der britischen Medizin-Fachzeitschrift "The Lancet".

Hochgerechnet kommen die Ärzte auf 392.979 bis 942.636 zusätzliche Todesfälle im Irak durch Kriegsfolgen. Der Mittelwert liege bei 654.965 Toten - das sind rund 2,5 Prozent der Bevölkerung. Die Zahlen beruhen auf einer Befragung rund 13.000 zufällig ausgewählter Menschen im Irak zwischen Mai und Juni.

Dementis aus Washington und Bagdad

US-Präsident George W. Bush bestritt die Zahlen. Er halte die Untersuchung für nicht glaubwürdig, sagte er auf einer Pressekonferenz im Weißen Haus. Bush hatte in der Vergangenheit wiederholt von etwa 30.000 toten Zivilisten gesprochen. Auch das US-Verteidigungsministerium bestritt die Zahl. Es seien keinesfalls mehr als 50.000 Tote, sagte der Kommandeur der multinationalen Streitkräfte im Irak, General George Casey, in Washington.

Die irakische Regierung, die selbst keine Zahlen zu den Opfern nennt, teilte mit, in der Studie seien alle Regeln der Genauigkeit in der Forschung missachtet worden. Die Zahlen seien "völlig überzogen" und "weit von der Wahrheit entfernt".

Geachtetes Fachblatt

Die Fachzeitschrift betont die solide Methodik der Untersuchung. Alle vier Gutachter hätten die Veröffentlichung empfohlen, heißt es in einem redaktionellen Kommentar des ältesten Medizinjournals der Welt. Eine Gutachterin habe unterstrichen, dass diese Analyse "möglicherweise die einzige nicht regierungsfinanzierte wissenschaftliche Untersuchung sei, die eine Abschätzung der Zahl irakischer Todesfälle seit der US-Invasion liefere".

Für 92 Prozent der registrierten Todesfälle seien Sterbeurkunden ausgestellt worden, schreiben die Wissenschaftler in ihrer Studie. Demnach waren mit 55 Prozent die meisten zusätzlichen Todesfälle gewaltsam. 31 Prozent der registrierten Toten aus der Zeit nach der Invasion seien durch Schüsse ums Leben gekommen, jeweils 7 Prozent durch Luftangriffe und Autobomben und 8 Prozent durch andere Explosionen. Dabei unterscheidet die Studie nicht, ob es sich bei den Toten um Zivilisten oder Soldaten handelt. Die Autoren der Studie betonen die völkerrechtliche Bedeutung ihrer Ergebnisse.

Bush sorgt sich ums Öl

Der US-Präsident bezeichnete die Lage im Irak als schwierig, betonte aber zugleich, dass ein Truppenabzug katastrophale Folgen haben würde. Dann nämlich drohe im Herzen des Nahen Ostens die Entstehung eines "Terroristenstaates", der beliebig den Ölhahn zudrehen könne. "Das dürfen wir nicht zulassen", erklärte Bush. "Es ist in unserem Interesse, dass der Irak Erfolg hat", fügte er hinzu. Der Präsident verteidigte erneut seine Irak-Politik und erklärte, er habe die Taktik den veränderten Umständen vor Ort angepasst. Das US-Heer bereitet sich inzwischen darauf vor, die gegenwärtige Truppenstärke im Irak bis 2010 beizubehalten. Derzeit haben die USA dort rund 141.000 Soldaten stationiert.

Tägliche Angriffe

Aufständische schossen am Dienstagabend in Bagdad ein Munitionslager der US-Streitkräfte in Brand. Eine Serie von Explosionen erschütterte die Umgebung im Umkreis von mehreren Kilometern, die Druckwelle beschädigte mehrere Gebäude. Ein Sprecher des US-Stützpunkts Falcon erklärte am Mittwoch, von einem nahe gelegenen Wohngebiet aus seien Granaten abgefeuert worden. Im Internet bekannte sich die Gruppe Islamisches Heer im Irak zu dem Anschlag und erklärte, sie habe den Stützpunkt mit zwei Raketen und drei Granaten angegriffen.

Die Sicherheitslage im Irak wird nach den Worten Caseys auch in den kommenden Monaten schwierig bleiben. Der Konflikt habe sich von einem Aufstand gegen die US-Truppen in einen Kampf um politische und wirtschaftliche Macht unter den Irakern verwandelt. Die größte Gefahr seien derzeit schiitische Extremisten, Todesschwadrone und Milizen. (mas)

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