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Wirtschaft

60 Jahre Volksrepublik China

Mit einer gigantischen Militär- und Zivilparade hat China seinen 60. Geburtstag gefeiert. Doris Fischer macht sich in ihrer Kolumne Gedanken über den Ertrag einer solchen Machtdemonstration.

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Was macht der "normale" Deutsche am Nationalfeiertag? Er genießt den freien Tag, trifft sich mit der Familie bzw. Freunden und macht bei gutem Wetter vielleicht einen Spaziergang oder eine Fahrradtour. Wahrscheinlich isst er gut, entweder zu Hause oder in einem Restaurant. Der Nationalfeiertag als solcher interessiert ihn ziemlich wenig. Was macht die "normale" Chinesin am Nationalfeiertag? Entweder sie arbeitet, da viele Geschäfte und natürlich die unzähligen Restaurants geöffnet sind, oder sie genießt den freien Tag, trifft sich mit der Familie bzw. Freunden und macht bei gutem Wetter vielleicht einen Spaziergang. Und ganz sicher isst sie gut! Der Nationalfeiertag als solcher interessiert sie ziemlich wenig.

Befremdender Patriotismus

Nun wurde dieses Jahr der 60. Geburtstag der Volksrepublik gefeiert, was nach chinesischer Tradition ein überaus wichtiger Geburtstag ist, wichtiger als der fünfzigste. Der Regierung war dies eine große Militär- und Zivilparade im Zentrum der Stadt und eine gigantische Aufführung am Abend auf dem Platz des Himmlischen Friedens wert. Die logistische Leistung, die hinter der Parade und der "Party" stand, ist bewundernswert.

Das patriotische Vokabular, das in den Reden, Liedern und der Propaganda verwendet wurde, ist befremdend. Die Demonstration von Macht, die sich in der Mobilisierung und Koordinierung tausender im Stechschritt schreitender oder in flächendeckenden Bildern tanzender Akteure niederschlug, erzeugt Gänsehaut. Dass China das "kann", wurde schon bei den Eröffnungsfeierlichkeiten der Olympiade im letzten Jahr deutlich. Warum China das alles braucht, ist schon schwieriger zu beantworten.

Regierung feiert ihre Erfolge selbstbewusst

Doris Fischer (Foto: Deutsches Institut für Entwicklungspolitik)

Dr. Doris Fischer

Ist dies lediglich ein starker selbstbewusster Staat, der sich selbst feiert? Ist dies eine aufstrebende Weltmacht, die meint, der Welt ihre militärische und logistische Stärke demonstrieren, vielleicht androhen zu müssen? Oder ist dies ein verunsichertes Regime, das über die Großfeierlichkeiten versucht, Probleme zu übertünchen?

Wohl ein bisschen von allem: Als Mao Zedong 1949 die Volksrepublik ausrief, war China ein sehr armes, von Kriegen und Bürgerkriegen gezeichnetes Land. Die ersten Erfolge des neuen Regimes wurden zerrüttet, als Mao Zedong versuchte, mit dem "Großen Sprung nach vorne" eine schnellere Entwicklung zu erzwingen. Dieses große Sozialexperiment scheiterte elendig, die Folge war eine Hungersnot, die sich bis heute in der Geburten- und Sterbestatistik eindrucksvoll erkennen lässt. Mao Zedongs Einfluss wurde daraufhin von seinen Gegenspielern zunächst eingedämmt, aber im Jahr 1966 initiierte er die Kulturrevolution, die das Land in einen bürgerkriegsähnlichen Zustand warf. Die Hoch-Zeit der Kulturrevolution endete schon 1969, doch es dauerte noch bis zum Jahr 1978, bis sich die Regierung unter Führung von Deng Xiaoping zur Einleitung weitreichender wirtschaftlicher Reformen durchringen konnte.

Diese Reformen bildeten das Fundament für die rasante wirtschaftliche Entwicklung Chinas, auf das mit einem Bekenntnis zur sozialistischen Marktwirtschaft im Jahr 1992 und dem Beitritt zur Welthandelsorganisation im Jahr 2001 aufgebaut wurde. China ist heute noch immer ein Entwicklungs-, aber kein durchweg armes Land mehr. Beijing, Shanghai und weitere Städte und Regionen sind zu florierenden Wirtschaftszentren geworden, die Handel, Investitionen und zunehmend auch Arbeitskräfte aus aller Welt anziehen. Das sind Erfolge, die sich aus Sicht der Regierung feiern lassen und die gefeiert werden sollten. Ja, wir können wohl sagen, die man feiern darf.

Demonstration von Stärke nach innen und außen

Der wirtschaftliche Aufstieg hat China mächtiger gemacht, es ist Mitglied der Welthandelsorganisation, ständiges Mitglied im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen und einer der Partner im neuen Club der G20. Wichtige globale Herausforderungen können ohne Chinas Mitarbeit kaum mehr erfolgreich bewältigt werden. Aber das Land hat - wegen seines politischen Systems und wegen seiner neuen wirtschaftlichen Macht - nicht überall Freunde. Aus Sicht der chinesischen Regierung kann es da nicht schaden, das eigene Waffenarsenal auszustellen und die nationalen Fähigkeiten zur Entwicklung von Waffensystemen und Kampfflugzeugen zu unterstreichen, allen Beteuerungen zum Trotz, dass man zu allen Ländern freundschaftliche Beziehungen haben möchte.

Die Demonstration von Stärke war sicher auch nach innen gerichtet. Die Spannungen im Land sind in den letzten Jahren eher größer als kleiner geworden. Große Unterschiede in den Einkommen, verbreitete Korruption, die Unterdrückung der Pressefreiheit, Unmut über Enteignungen, Umweltskandale und nicht zuletzt die gewalttätigen Ausbrüche des Unmutes der indigenen Bevölkerungen in Tibet und Xinjiang, alles dies führt der Regierung immer wieder vor Augen, dass der soziale Friede in China erheblich gefährdet ist. Die Ereignisse von 1989 sind nicht vergessen. Auch deshalb war am Nationalfeiertag ebenso viel von Harmonie, Frieden und Stabilität die Rede wie vom Selbstbewusstsein und Stolz Chinas. Diese Elemente sollen der Kitt sein, der das Land auch in Zukunft zusammenhält. Ob die gebetsmühlenartige Wiederholung dieser Schlagwörter wirklich zu einer selbsterfüllenden Prophezeiung wird, sei dahingestellt.

Gewünschter Ertrag geringer als die Kosten

Beruhigender ist, dass die "normalen" Chinesen, also jene, die nicht zum Stechschritt oder zum Tanzen auf dem Platz verpflichtet waren oder zu den wenigen ausgewählten Zuschauern auf den Ehrentribünen gehörten, auch in diesem Jahr den freien Tag genutzt haben, um mit ihren Familien spazieren zu gehen und gut zu essen. Das gab dem Tag einen entspannten Charakter und stand in wunderbarem Gegensatz zu den imposanten Bildern aus dem Beijinger Zentrum. Es könnte sein, dass vor allem die Regierung die gigantischen Feierlichkeiten braucht, die Mehrheit der Bevölkerung sich aber gar nicht dafür interessiert. Vielleicht dämmert auch in China irgendwann die Erkenntnis, dass der gewünschte Ertrag solcher Machtdemonstration kleiner ist, als die ganz gewiss enormen Kosten.

Dr. Doris Fischer, wissenschaftliche Mitarbeiterin in Abteilung II "Wettbewerbsfähigkeit und soziale Entwicklung", Deutsches Institut für Entwicklungspolitik (DIE)

Das Deutsche Institut für Entwicklungspolitik (DIE) zählt weltweit zu den führenden Forschungsinstituten und Think Tanks zu Fragen globaler Entwicklung und internationaler Entwicklungspolitik. Das DIE berät auf der Grundlage unabhängiger Forschung öffentliche Institutionen in Deutschland und weltweit zu aktuellen Fragen der Zusammenarbeit zwischen Industrie- und Entwicklungsländern. Das einzigartige wissenschaftliche Profil des DIE ergibt sich aus dem Zusammenspiel von Forschung, Beratung und Ausbildung. Dadurch baut das DIE Brücken zwischen Theorie und Praxis der Entwicklungspolitik.

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