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Kultur

5500 Gedichte im weltweiten Web

Eine außergewöhnliche Website feiert Jubiläum: www.lyrikline.org - ein Projekt, das Poesie weltweit zugänglich macht. 5500 Gedichte können nachgelesen und in der jeweiligen Originalsprache auch angehört werden.

Ein Bücherturm (Foto: AP)

Die Gedichtbände zur Seite stellen - Es gibt ja Lyrikline

Poesie ist auch Klang, davon ist Christiane Lange von der Berliner Literaturwerkstatt überzeugt: "Es reicht also nicht, ein Gedicht zu lesen - ein Gedicht hat einen Rhythmus, einen Atem. Wenn man es hört - vor allem vom Dichter gelesen - dann gewinnt es eine geradezu eine physische Präsenz." Und deshalb kann man auf www.lyrikline.org nicht nur Texte lesen, sondern auch Audiodateien anhören. In den zehn Jahren ihres Bestehens wurden auf der Website mehr als 5500 Gedichte veröffentlicht.

Logo von Lyrikline (Screenshot)

Gegründet 1999 im so genannten Web 1.0


"Angefangen haben wir mit 16 deutschen Dichtern", sagt Christiane Lange: "dann ist das Projekt immer mehr gewachsen. Inzwischen haben wir Partner in 41 Ländern."

Welche Texte veröffentlicht werden, entscheidet die Literaturwerkstatt gemeinsam mit ihren internationalen Partnerinstitutionen. Klasse geht dabei vor Masse. Eine Überschwemmung der Website mit minderwertigen Texten soll auf jeden Fall vermieden werden.

Nach der Lesung ins Tonstudio

Für Autoren ist es eine Auszeichnung, Texte auf Lyrikline veröffentlichen zu dürfen. Der Berliner Nico Bleutge ist seit sechs Jahren dabei. "Ich wurde angesprochen, nachdem ich am Leonce-und-Lena-Wettbewerb teilgenommen hatte, einem der wichtigsten Lyrikwettbewerbe für junge Autoren im deutschsprachigen Raum. Die Literaturwerkstatt lud mich ein, nach einer Lesung in ein Tonstudio zu kommen und meine Texte einzusprechen."

Lyrikline (Screenshot)

Zehn Gedichte von Nico Bleutge sind auf Lyrikline verfügbar und alle sind auch übersetzt worden - ins Englische, Spanische, Russische - aber auch in weniger verbreitete Sprachen, wie Dänisch oder Farsi. "Es gibt verschiedene Wege, wie die Übersetzungen zu uns kommen", erklärt Christiane Lange: "Zum einen sind die Autoren selber interessiert und schicken sie uns einfach zu. Zum zweiten geben wir sie in Auftrag. Das Partnerschaftsnetzwerk ist auch ein Übersetzungsnetzwerk - d.h. jeder verpflichtet sich, Texte anderer Dichter in die eigene Sprache zu bringen oder andersherum. Und ein dritter Weg ist, dass wir Übersetzungswerkstätten machen, wo die Autoren paarweise miteinander arbeiten und ihre Gedichte auf der Grundlage einer Interlinearübersetzung in die jeweils andere Sprache übertragen."

Übersetzte Wortmusik

Nico Bleutge hat schon zweimal an solchen Übersetzungswerkstätten teilgenommen und dabei Texte des Spaniers Vicente Luis Mora ins Deutsche übertragen. Mora übersetzte Bleutges Gedichte ins Spanische. "Man hat im direkten Austausch die Möglichkeit zu kleinsten inhaltlichen oder rhythmischen Details Fragen zu stellen", sagt Bleutge, "und man lernt auch sehr viel über die eigenen Texte. Natürlich kommen Rückfragen von den anderen Dichtern, die einen zwingen, noch mal sehr genau auf das zu blicken, was man geschrieben hat." Entsprechend hoch ist die Qualität der Übersetzungen. Bei Lyrikline erscheinen Urtext und Übersetzung in separaten Fenstern nebeneinander - dadurch ist es leicht möglich, die Texte zu vergleichen. Eine Suchefunktion und biografische Informationen zu den Autoren bietet die Website natürlich auch. Sie sorgt dafür, dass Texte, die normalerweise nur von wenigen gelesen werden, weltweit Aufmerksamkeit finden. "Das ist ein sehr schönes Gefühl", findet Bleutge. "Man bekommt Rückmeldungen - manchmal im Gespräch, manchmal per E-Mail. Und die meisten Leute lesen nicht nur die Gedichte, sondern hören sich auch die Tonaufnahmen an. So entsteht eine große Nähe zwischen uns Autoren und den Lesern."

Auf Lyrikline kann man gezielt recherchieren oder sich einfach nur treiben lassen. Christiane Lange hört oft auch Gedichte in Sprachen, die sich gar nicht versteht.

"Es ist wunderbar - wie ein Konzert. Ich kann das nur jedem empfehlen, den Alltag zu durchbrechen und diese Art von Wortmusik einfach mal auf sich wirken zu lassen."

Autor: Oliver Kranz
Redaktion: Marcus Bösch

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