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Welt

500 Jahre Widerstand der Nasa-Indianer

"Un poquito para siempre!" - "Ein wenig, aber für immer!". Der gewaltfreie Widerstand der Nasa-Indianer gegen bewaffnete Gruppen und wirtschaftliche Großprojekte ist Vorbild für die kolumbianische Friedensbewegung.

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Worte statt Waffen - friedlicher Protest der Nasa-Indianer

"Muchachos, wie ihr wisst, ist heute ein besonderer Tag in unserem Kalender!" Neis steht umringt von 40 Kindern vor der Schule in Delicias. Ein achteckiger Bambus-Pavillon ohne Mauern, mit freier Sicht auf die majestätisch grünen Gipfel und Täler der Westkordilleren. "Der 4. März ist der Tag, an dem unser Gouverneur Samuel Fernandez ermordet wurde, dem wir in unserer Gemeinde sehr viel zu verdanken haben, zum Beispiel unsere Schule!" Dann ruft der kleine, etwas runde Nasa drei Mal "Samuel Fernandez" in die Runde. Ein hellstimmiger Chor antwortet: "Presente, presente, presente. Viva Samuel Fernandez!" Neis ist Lehrer im Nasa-Reservat Delicias, einer von 19 Gemeinden, die im Norden des Cauca in Kolumbien existieren. Eine Welt, die mit dem Rest des Landes wenig zu tun hat: die Gemeinderäte sind anerkannt als eigenständige Regierungen, natürlich im Rahmen der kolumbianischen Verfassung.

Doch was ihre Kinder in der Schule lernen, was auf ihren Feldern angebaut wird, wie sie ihre Krankheiten heilen, wie sie sich gegen Angriffe von außen verteidigen - darüber entscheiden die Nasa zum Großteil selbst in ihren Versammlungen. Und in den kommunalen Medien - Radio, Internet, Zeitung und Videoportal - werden die Entscheidungen und Positionen nach außen vertreten. "Radio Pa' Yumat" heißt der Sender: "Darf ich eintreten?" heißt das in "Nasa yuwe", der Sprache der Nasa. "Wenn du so willst, ist das gelebte Basisdemokratie", erklärt der Gemeindevertreter Ezequiel und fügt lachend hinzu: "Der Prozess dauert oft viel Zeit, aber Gott sei dank sind wir nicht wie die Funktionäre aus Bogotá. Wir haben noch Zeit zu denken!" Der Norden des Cauca ist Zentrum der wichtigsten indigenen Bewegung Kolumbiens - und das seit 500 Jahren.

Eine Geschichte des Widerstandes

Von der Natur und dem Leben lernen - der Dozent Neis

"Von der Natur und dem Leben lernen" - der Dozent Neis

"Unser Widerstand beginnt im Grunde 1492", beginnt Neis den Geschichtsunterricht, als die Paéz, wie die Nasa sich früher nannten, den Kampf aufnahmen gegen die Spanier, "die uns unser Territorium weggenommen hatten". In Verhandlungen rangen die Indígenas der spanischen Krone die ersten kollektiven Besitztitel - "Reservate" - ab. Doch nach den Unabhängigkeitskriegen, in denen Tausende Indígenas ihr Leben gelassen hatten, verschlechterte sich die Situation zusehends: "Die Kreolen hielten uns wie Sklaven, wie Leibeigene". Pachtzahlungen wurden eingeführt, die Rechte der Indios und ihre Kultur mit Füßen getreten. Erst mit der Verfassung von 1991 erreichten die Indígenas, als eigenständige Kultur mit eigenen Rechten anerkannt zu werden. "Und deshalb", schließt Neis, "ist das Bicentenario für uns kein Tag des Festes. Im Gegenteil, wir erleben die Unterdrückung heute mehr als zuvor, nur hat sie andere Formen angenommen"

Das Territorium der Nasa ist reich an Bodenschätzen - Wasser, Gold, Mineralien - und, zwischen Andenkordilleren und Pazifik gelegen, von geostrategischem Interesse für Drogenhandel und Guerilla. Seit Jahren Epizentrum eines "Krieges, mit dem wir nichts zu tun haben", so die Position der Nasa. 1971 wurde der Regionale Indio-Rat im Cauca gegründet, der bislang schon einiges erreicht hat: Rückeroberung der besetzen Territorien, Alphabetisierungskampagnen, Gemeinschaftsläden und Rückbesinnung auf die lange Zeit "geächtete indianische Kultur".

Die gescheiterte Politik des Staates

Kolumbien Präsident Alvaro Uribe

Uribes "Politik der demokratischen Sicherheit" sorgt für Licht und Schatten

Doch mit der "Politik der demokratischen Sicherheit" der Regierung Uribes habe sich die Situation für die Nasa enorm verschärft, erklärt der Menschenrechtler Silvio Martínez, "um so mehr, seit sie gescheitert ist. Denn genauso wie die Paramilitärs hat sich die Guerilla neu strukturiert, ist stärker und brutaler geworden". Allein in den letzten zwei Jahren sind 245 Nasa Opfer dieses Konfliktes geworden - ermordet oder verschwunden durch Guerilla, Paramilitärs, Polizei, Armee oder private Verteidigungstruppen von Wirtschaftsunternehmen.

"Genauso bedrohlich sind für uns aber die Attacken der multinationalen Unternehmen, die immer neue Taktiken erfinden, um an unser Territorium zu kommen", erklärt Neis. Laut Verfassung von 1991 muss jedes Projekt, welches das Territorium der Indígenas betrifft, vorher mit ihnen beratschlagt werden. "Doch die Unternehmen versuchen dies zu umgehen, in dem sie nur mit Einzelpersonen statt mit den Gemeinderäten verhandeln, Bestechungsgelder zahlen oder Fristen verstreichen lassen. Und die Regierung unterstützt dies mit entsprechenden Gesetzesreformen" sagt Neis, der in den letzten Jahren unfreiwillig zum Rechtsexperten geworden ist. "2005 wurden Dutzende Gesetze 'reformiert', wie sie sagen. Alles, was einen Meter unter oder über der Erde liegt, gilt nicht mehr als unser Territorium, so wollen sie uns die Wälder, das Wasser, das Gold, ja sogar die Luft rauben."

Neuer Anfang nach 500 Jahren

Worte statt Waffen - eine NASA verteidigt ihr Territorium

Gewaltfrei für einen Neubeginn: Demonstration der Nasa-Indianer

Neis Handy klingelt: "Alles okay", sagt er. Kontrollanruf der Gemeinde, zur Sicherheit, seit einiger Zeit erhält er anonyme Drohungen. Natürlich mache er sich Sorgen, aber einschüchtern lassen will er sich nicht mehr: "Wir vertrauen auch auf unsere Geister, solange wir in Harmonie mit ihnen, der Natur, der Gemeinschaft leben, gehen wir den richtigen Weg". Und Ezequiel fügt hinzu: "Es ist seltsam. Nachdem wir in 500 Jahren fast alles verloren haben, fangen wir jetzt wieder ganz vorne an. Und trotzdem ist unser Leben reicher, als wären wir weiter dem gefolgt, was sie uns als Fortschritt verkaufen. Trotz der vielen Toten kreisen unsere Gedanken um das Leben."

Autorin: Anne Herrberg

Redaktion: Oliver Pieper