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Kultur

50 Jahre Sühnezeichen

Aktion Sühnezeichen feiert Jubiläum. Seit 50 Jahren bietet das christliche Hilfswerk Jugendlichen die Möglichkeit praktischer Erinnerungs- und Wiedergutmachungsarbeit mit Blick auf die NS-Vergangenheit Deutschlands.

Junger Mann sitzt neben Senior, der in einem Bett liegt (Quelle: Aktion Sühnezeichen Friedensdienste)

Sühnezeichen: Altenbetreuung in Israel durch deutsche Zivis

Hiltraud Schierenberg war 30 Jahre alt, als sie im Frühjahr 1963 als freiwillige Helferin für die Aktion Sühnezeichen auf die griechische Insel Kreta ging. Kurz zuvor hatte die Bibliothekarin das christlich inspirierte Hilfswerk in Berlin auf einer Veranstaltung kennen gelernt und war von der Idee der Versöhnungsarbeit vor Ort begeistert: "Ich hatte doch das Gefühl, wenn ich auch nicht zu der Generation der Schuldigen gehörte, so doch zu denen, die Verantwortung mit zu tragen haben für das, was passiert war."

Auf Kreta sollten in zwei Dörfern Wasserleitungen verlegt werden. Die deutsche Wehrmacht hatte dort im Krieg als Besatzer gewütet, und das wurde den freiwilligen Helfern in einem Vorbereitungsseminar auch sehr deutlich gemacht. "Wir gingen mit ziemlich bangem Gefühl dahin und erwarteten, dass die Leute uns sehr reserviert empfangen würden", sagt Schierenberg. "Aber die Menschen waren unheimlich herzlich."

Versuch der Wiedergutmachung

Mann in Anzug spricht von Dirigentenpult, im Hintergrund ein Orchester (Quelle: dpa)

Anfang April sprach Bundespräsident Horst Köhler auf einem Benefizkonzert zugunsten der Aktion Sühnezeichen

Seit 1958 gibt es das christliche Hilfswerk "Aktion Sühnezeichnen Friedensdienste." Es ist durch ein internationales Freiwilligenprogramm und die Organisation von Sommerlagern in West- und Osteuropa sowie in Israel und den USA bekannt. Freiwillige Helfer betreuen Holocaust-Überlebende und ehemalige Zwangsarbeiter, begleiten Schulklassen bei Gedenkstättenbesuchen, sorgen sich um den Erhalt von Gedenkstätten und jüdischen Friedhöfen. Zugleich unterstützen sie Flüchtlinge, psychisch Kranke und Menschen mit Behinderungen. In Berlin feiert die Aktion Sühnezeichen noch bis Samstag (3.5.2008) ihr 50-jähriges Bestehen.

Schwierige Begegnungen

Der herzliche Empfang, wie Hiltraud Schierenberg ihn in Kreta erfahren hatte, war in den sechziger Jahren die Ausnahme. Wer als Helfer nach Polen, nach Tschechien, in die Niederlande, nach England oder Israel ging, der wurde anders empfangen. So wie Gabi Weiß, die wie Schierenberg eine Helferin der ersten Generation ist. Sie machte unter anderem Erfahrungen im ehemaligen Konzentrationslager Auschwitz. "Ich habe dort sehr unterschiedliche Begegnungen mit Polen gehabt und mit ehemaligen Opfern, die diese Lager besucht haben", sagt sie. "Wir haben nette Geschenke bekommen, aber ich persönlich bin auch angespuckt worden."

Soldaten reißen Schlagbaum nieder (1.9.1939, deutsch-polnische Grenze)

Schwierige Aufgabe: Wo die Wehrmacht wütete, versuchen Jugendliche Wiedergutmachung zu leisten

Vergebung erbitten und Versöhnung praktizieren, dazu rief 1958 Präses Lothar Kreyssig die Deutschen auf der Synode der Evangelischen Kirche Deutschlands in Berlin-Spandau auf. Der Selbstrechtfertigung, der Bitterkeit und dem Hass müsse eine Kraft entgegengesetzt werden. Sätze, die auch heute noch aktuell sind, wie die Vorsitzende der Aktion Sühnezeichen Friedensdienste, Ruth Misselwitz, deutlich macht: Das gemeinsame Anliegen, das die Aktion bis heute getragen habe, sei das Eintreten für eine offene, tolerante Gesellschaft nicht nur in Deutschland, sagt sie. Eine Gesellschaft, "in der die Menschenwürde geachtet wird. In der es keinen Platz für Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit gibt. In der Schuld beim Namen genannt wird. Damit wir rechtzeitig erkennen, wo sich die Geschichte wiederholt".

Vom Sühnezeichen zum Karriere-Booster

15.000 zumeist junge Menschen haben sich bislang im Dienst der Versöhnungsarbeit engagiert und es kommen immer wieder neue hinzu, die für ein Jahr freiwillig aktiv werden wollen. Andrea Koch, die stellvertretende Geschäftsführerin der Aktion Sühnezeichen, stellt allerdings fest, dass sich die Motivation der Helfer im Verlauf der Jahrzehnte geändert hat: Aktion Sühnezeichen habe mehr Bewerber als früher, die ein großes Interesse daran hätten, im Bildungsbereich zu arbeiten, in Holocaust-Gedenkstätten, oder Antirassismus-Arbeit machen wollten. "Beim letzten Durchlesen (der Bewerbungen) hat mich etwas traurig gemacht, dass das Vertiefen der Fremdsprache immer wichtiger wird", sagt Koch.

Ein Jahr als freiwilliger Helfer muss heute auch in die Karriereplanung passen und sie ergänzen. Und auch die Grundidee des Sühnens ist heute nicht mehr jedermanns Sache. "Dieses Demütige ist für manche vielleicht schon ein bisschen antiquiert", sagt Hiltraud Schierenberg, "aber für mich ist doch das Sühnezeichen das Wichtigste."

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