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Politik & Gesellschaft

50 Jahre Anti-Baby-Pille in Deutschland

Die Anti-Baby-Pille gilt als Meilenstein der Frauen-Emanzipation. In Deutschland feiert die Pille am 1. Juni ihren 50. Geburtstag. Drei Frauen einer Familie blicken zurück.

Produktaufnahme (Archiv) der Verpackung der ersten Anti-Baby-Pille mit dem Namen Anovlar von Schering (Foto: AP)

Die erste deutsche Anti-Baby-Pille

Die vierfache Mutter Meike Pardey am Esstisch in ihrem Haus (Foto: DW/Daphne Grathwohl)

Ansprechpartnerin in allen Lebenslagen - die vierfache Mutter Meike Pardey

"Wenn es die Pille damals gegeben hätte, wäre ich wahrscheinlich nicht auf der Welt", sagt Meike Pardey, sitzt an ihrem großen, alten Holztisch und schüttelt sich trotz dieses Satzes vor Lachen. Man merkt ihr an, dass sie sich mit dem Thema beschäftigt hat. Meike Pardeys Mutter war 16 Jahre, als sie Meike auf die Welt brachte. Ein nicht geplantes Kind - drei Jahre vor Einführung der Anti-Baby-Pille.

Doch selbst wenn es damals - 1958 - die Anti-Baby-Pille gegeben hätte, ist fraglich, ob Meikes Mutter sie überhaupt bekommen hätte. Denn als die Pille auf den deutschen Markt kam, stand sie zunächst nur volljährigen - damals also 21-jährigen Frauen - zur Verfügung. Verheiratet mit bereits erfülltem Kinderwunsch musste man zudem noch sein. Erst später lockerten sich diese Voraussetzungen.

50 verschiedene Arten der Hormonpille

Auch wenn es mittlerweile bis zu 50 verschiedene Präparate gibt, die je nach Alter und gesundheitlichen Risikofaktoren der Frau verschrieben werden können, ist die grundsätzliche Wirkungsweise geblieben: Die Hormonpille unterdrückt den Eisprung und verhindert die Einnistung möglicher befruchteter Eizellen.

Meikes Mutter möchte ihren Namen nicht im Internet lesen. Für sie war die frühe Schwangerschaft einerseits etwas, mit dem man damals rechnen musste, wenn man mit einem Mann zusammen war. Andererseits war es ein großer Schock, den sie anfangs nicht fassen konnte, erinnert sich die heute 69-Jährige. Erst mithilfe von Freunden konnte sie die Nachricht ihrer Mutter mitteilen. Die war zunächst auch geschockt, berichtet Meikes Mutter. Doch nach dem ersten Schreck kümmerte sie sich um das Baby. Meikes Mutter ging wieder arbeiten und beendete ihre Ausbildung zur Sekretärin, bis das zweite Kind auf die Welt kam.

Wichtiger Schritt zur Emanzipation

Die Anti-Baby-Pille zeigte bereits in den 1960er Jahren erste Wirkungen in der deutschen Gesellschaft: Die Zahl der Abiturientinnen und der Akademikerinnen stieg, weil immer weniger Frauen ungewollt schwanger wurden und nicht mehr zwangsweise ausschieden. Die Geburtenzahlen gingen um knapp die Hälfte zurück - der so genannte Pillenknick. Zudem wurden immer mehr Frauen - nunmehr durch die Pille kontrolliert - erst später schwanger. Eine planbare Vereinbarkeit von Familie und Beruf wurde so leichter.

Die Erfahrungen der frühen Schwangerschaft prägten Meike und ihre Mutter: Wenn ihre Mutter gekonnt hätte, hätte sie ihr die Pille sogar vorbeugend geben wollen, erinnert sich Meike Pardey. Und als sie mit 16 Jahren in das fragliche Alter kam, habe sie sie auch bekommen.

Sexuelle Befreiung - gesundheitliche Risiken

Damals, ab Mitte der 1970er Jahre, ist es unter Frauenärzten üblich, auch Teenagern die Pille zu verschreiben, allerdings nur mit Erlaubnis der Eltern. Doch die sexuelle Revolution in den 1960er Jahren und die im Zeichen der freien Liebe stehenden 70er Jahre fanden mit der Immunschwäche-Krankheit Aids in den 1980er Jahren schnell ein Ende. Das war für Meike Pardey aber schon nicht mehr wichtig. Sie hatte ihren heutigen Ehemann gefunden und wurde Anfang der 1980er Jahre mit 23 Jahren schwanger. Die Pille hat sie gar nicht lange genommen, weil sie sie nicht vertragen hat.

Streifen mit Anti-Baby-Pillen in Blisterverpackungen (Foto: dpa)

Empfängnisverhütung ist noch immer Frauensache

Tatsächlich hat das Medikament Nebenwirkungen wie ein erhöhtes Thrombose-Risiko, Blutungen, Hautveränderungen oder Gewichtszunahme. Je nach Studie wird ihr zugeschrieben, sie senke die Gefahr, an Eierstockkrebs zu erkranken, aber auch, das Brustkrebsrisiko zu erhöhen. Welche Auswirkungen die künstlich zugeführten Hormone haben, ist bislang nicht abschließend erforscht. Meike Pardey steht der Pille jedenfalls nicht unkritisch gegenüber: Sie empfindet den Eingriff in ihren Körper als zu groß.

Mittlerweile hat die heute 53-Jährige vier Kinder - zwei Jungen und zwei Mädchen. Mit allen hat sie offen über Verhütung und die Pille gesprochen, wenn sie mit dem Thema zu ihr kamen. Übrigens auch mit den Freundinnen ihrer beiden Jungs, lacht die aparte Frau. Und Kondome habe sie selbst eingekauft, damit die Kinder nicht daran sparen, wenn sie sie vom Taschengeld bezahlen müssen. Schließlich wurden ihre Kinder in den 1990ern flügge, Aids war allgegenwärtig.

Heute verhütet jede zweite Frau zwischen 18 und 49 Jahren in Deutschland mit der Anti-Baby-Pille, hat die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung herausgefunden. Weltweit nehmen derzeit etwa 100 Millionen Frauen die Pille. Damit ist sie das beliebteste Verhütungsmittel. Und mit einem Wert von unter 1 auf dem so genannten Pearl-Index, der die Sicherheit der Verhütungsmethode misst, ist sie eines der sichersten Verhütungsmittel.

Beliebtestes Verhütungsmittel

Auch Meikes jüngste Tochter Louisa-Marie kommt mit ihren 13 Jahren langsam in das Alter, in der man mit der Mutter über Verhütung spricht. Aber so ganz ist das noch nicht das Thema des Teenagers. Umso ausführlicher spricht sie über ihre Berufswünsche. Zahnmedizin wolle sie studieren, weil sie selbst üble Erfahrungen mit ihren Zähnen gemacht habe.

Die 13-jährige Louisa-Marie Pardey am Esstisch in ihrem Elternhaus (Foto: DW/Daphne Grathwohl)

Die Pille ist noch kein großes Thema für die 13-jährige Louisa-Marie

Dass sie mit 13 schon so bestimmt darüber sprechen kann, was sie mal werden will, liegt vielleicht auch an ihrer Mutter. Meike Pardey nämlich hat ihr BWL-Studium ganz kurz vor dem Abschluss abgebrochen: Die Geburt des ersten Sohnes stand bevor. Das zweite Kind und erschwerende familiäre Umstände hinderten sie dann daran, die Ausbildung wieder aufzunehmen. Das bereue sie, sagt die vierfache Mutter. Und daher gebe sie ihren Kindern auf den Weg, auf jeden Fall eine Ausbildung abzuschließen.

Denn trotz Pille haben sich manche Sachen nicht geändert: Für die Verhütung muss - auch in einer festen Beziehung - meist noch immer die Frau sorgen. Und wenn ein Kind unterwegs ist, ob gewollt oder nicht gewollt, ist auch nach wie vor die Frau die unmittelbar davon Betroffene. Sie muss nämlich im Extremfall die Last auch allein tragen können.

Autorin: Daphne Grathwohl
Redaktion: Klaudia Prevezanos