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Politik & Gesellschaft

50 Jahre Adveniat

Es sollte eine einmalige Spendenaktion sein. Daraus wurde eines der größten Hilfswerke der katholischen Kirche. Jetzt wird Adveniat 50. Und der Kampf gegen Armut und Unrecht in Lateinamerika geht weiter.

Mädchenheim für die Gewaltopfer von Monteria in Kolumbien (Fot: KNA) Foto: Adveniat

Weihnachten 1961. In allen katholischen Gottesdiensten in Deutschland wird gesammelt. Die Bischöfe haben zu Spenden aufgerufen für die Not leidenden Menschen in Lateinamerika. Nicht zuletzt als kleines Dankeschön. Denn in den Trümmerjahren nach dem Zweiten Weltkrieg hatte die Solidarität auch in der anderen Richtung funktioniert, wie der langjährige Essener Bischof Franz Hengsbach immer wieder erwähnte: "In Brasilien zeigte mir einmal eine Frau ihren Wohnzimmertisch und sagte: Hier haben wir damals Tausende Pakete für euch gepackt."

23 Millionen D-Mark, ungefähr 11,8 Millionen Euro wurden bei dieser ersten Sonderkollekte gesammelt. Und was zunächst als einmalige Aktion geplant war, wurde zur Geburtsstunde der "Bischöflichen Aktion Adveniat", wie das katholische Lateinamerika-Hilfswerk offiziell heißt. Seitdem kamen mehr als 2,3 Milliarden Euro zusammen, mit denen pro Jahr etwa 3.000 Hilfsprojekte in ganz Lateinamerika unterstützt werden.

Kampf gegen die Armut

Von Anfang an stand der Kampf gegen Armut und Unrecht im Zentrum der Arbeit von Adveniat. Passend zum Namen des Hilfswerks ("Dein Reich komme") aus dem Vaterunser, wie Geschäftsführer Bernd Klaschka betont: "In diesem Gebet bittet Jesus Gott darum, dass die Menschen das haben, was sie zum täglichen Leben brauchen. Und wir helfen dabei mit, wo es am nötigsten ist." Der Name verbreitete sich schnell – und ist heute selbst in den ärmlichsten Hütten von Guatemala oder Paraguay ein Begriff.

Geschäftsführer Prälat Bernd Klaschka (Foto: KNA)

Prälat Bernd Klaschka

Mit den Spenden hilft Adveniat zunächst der Kirche in Lateinamerika bei der Seelsorge: angefangen bei der Ausbildung von Priestern und Laien, über den Bau von Kirchen und Gemeindezentren bis hin zum Zuschuss für einen neuen Geländewagen, um auch die entlegensten Ecken der zum Teil riesigen Landgemeinden überhaupt erreichen zu können.

Hilfe zur Selbsthilfe

Bei der Förderung sind drei Prinzipien ganz wichtig: Der Anstoß für ein Projekt muss aus dem Land selbst kommen. Die Gemeinde vor Ort muss sich selbst daran beteiligen und zwar mit Geld und Arbeitskraft. Und, jedes Projekt muss in erster Linie den Armen zugute kommen. Kriterien, die auch der seit 2010 für Adveniat zuständige Bischof Franz-Josef Overbeck immer wieder bekräftigt. Denn auch wenn Brasilien und andere lateinamerikanische Staaten inzwischen zu den so genannten Schwellenländern gezählt werden, bleibt die Armut mit all ihren Folgen das zentrale Problem, "wahrscheinlich auch noch für die nächsten 50 Jahre", schätzt Overbeck.

Adveniat-Geschäftsführer Prälat Bernd Klaschka (links ) und Adveniat-Bischof Franz-Josef Overbeck (Foto: KNA)

Adveniat-Bischof Franz-Josef Overbeck (links)

Aktuell sehen der Bischof und die anderen Verantwortlichen mehrere besondere Herausforderungen für die Arbeit des Hilfswerks: Dazu gehören etwa die Frage der Bildung als Schlüssel für soziale Entwicklung, aber auch die weit verbreitete Tendenz, Natur-, Klima- und Umweltschutz wirtschaftlichen Interessen unterzuordnen. Hinzu kommt die Herausforderung durch Sekten und durch die sogenannten Pfingstkirchen: fromme Gruppierungen, Gemeinden und Sekten, die plakativ ein besseres Leben versprechen und der katholischen Kirche auf dem "katholischsten Kontinent" zunehmend "Marktanteile" abringen.

Und noch ein Faktor macht die Arbeit von Adveniat nicht gerade leichter: Die mediale Inszenierung von Katastrophen, die von Erdbeben zu Überschwemmung und von Dürre zu Wirbelsturm weiterhastet, mobilisiert zwar viele Spenden für die Nothilfe - doch lässt sie unter dem Strich weniger Raum für den langfristigen Kampf gegen strukturelle Armut.

Option für die Armen

Diese vielbeschworene "Option für die Armen" zieht sich wie ein roter Faden durch die 50-jährige Geschichte des Hilfswerks. Auch durch ein ebenso zentrales wie heikles Kapitel: die umstrittene "Theologie der Befreiung". Unter diesem Stichwort hatten sich seit 1960er Jahren viele "Basisgemeinden" gebildet, die die Kirchenhierarchie in Frage und die Anliegen der Armen in den Mittelpunkt stellten.

Gerade im Vatikan war vielen die enge Verzahnung von Kirche und Politik ein Dorn im Auge. Auch der Einfluss marxistischer und sozialistischer Elemente führte zu heftigen Kontroversen. Die vorrangige "Option für die Armen" aber war und ist unstrittig und zwar bis hin zu den Bischöfen und zum Papst. Und auch der aus der Befreiungstheologie stammende Grundsatz "sehen – urteilen – handeln" prägt die Arbeit von Adveniat in Lateinamerika bis heute. Denn die kirchliche Lehre alleine ohne konkretes Handeln sei bloß "hohles Geschwätz", wie es Geschäftsführer Klaschka formuliert. "Und wir müssen immer weiter da stehen, wo Jesus selbst gestanden hat, nämlich auf der Seite der Armen."

Gerade in den Schwellenländern sieht Adveniat die große Gefahr, dass die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter auseinandergeht. Und dass neue Parallelgesellschaften entstehen, die Ungleichheit und Ungerechtigkeit noch weiter verschärfen. Viele Vertreter der Kirche vor Ort erkennen diese Probleme sehr genau und bekräftigen immer wieder, dass die Kirche dorthin gehen müsse, wo die Menschen nicht mehr zu ihr kommen – also dorthin, wo die Menschen so bitterarm und ohne Perspektive sind, dass sie sogar ihren Glauben verlieren.

Mit Hilfe von ADVENIAT wird ein Gemeindezentrum gebaut (Foto: KNA)

Mit Hilfe von Adveniat erbautes Gemeindezentrum in Bogota

Ein schwieriger Kampf, bei dem die lateinamerikanische Kirche froh ist, wenn sie ihn nicht alleine kämpfen muss. Adveniat sei hier ein ganz wichtiger und verlässlicher Partner, lobt etwa Kardinal Raymundo Damasceno Assis. Der Vorsitzende von Brasiliens Bischofskonferenz war bis vor kurzem Präsident von CELAM, dem Bischofsrat für ganz Lateinamerika. "Wir danken für 50 Jahre gegenseitige Begegnung und Bereicherung". Und Assis hofft auch, dass dieses "Zeugnis der Solidarität und der Partnerschaft" weiter gut funktioniert: "Denn die Kirchen hier wie dort brauchen sich gegenseitig und können gemeinsam viel bewirken."

Autor: Gottfried Bohl

Redaktion: Christina Beyert, Klaus Krämer