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Deutschlandtour

“49 Grad. Mindestens!“

Was tun die Hamburger, wenn die Hitze sie überrumpelt? DW-Reporter Christoph Gunkel erkundete das Treiben an der Elbe. Vom feinen Sandstrand im Nobelviertel Blankenese bis zum Kunstpalmen-Idyll in St. Pauli.

Elbstrand in Hamburg (Foto: DW/ Anne Termèche)

Sommer in Hamburg

Ein Sonntag im Hochsommer am Elbstrand: Es ist 13 Uhr 30 und im Minutentakt spielen sich kleine, absurde Dramen ab. Muskulöse, tätowierte Männer legen plötzlich unfreiwillige Balletteinlagen hin, tänzeln vorsichtig auf Zehenspitzen durch den brüllend heißen Sand. So eine Hitze ist man hier nicht gewohnt. “Es sind 49 Grad“, raunt ein schwitzender Mittfünfziger seiner Frau zu. “Du spinnst doch!“, erwidert sie, aber ihr Mann beharrt auf der vermeintlichen Sensation: “Doch, in der Sonne mindestens 49 Grad!“ Die ganze Stadt redet - wieder einmal - über das Wetter.

Merve, helles Strandkleid, weißer Sonnenhut, ist barfuß durch den Sand gelaufen. “Ich wäre fast gestorben!“, ruft sie ihrer Freundin Michelle zu, die gelassen auf sie zuschlendert. Die beiden Studentinnen arbeiten sich mit einer gewieften Taktik durch den Sand vor: Sie teilen sich ihr einziges Paar Flip-Flops. Eine wartet im Schatten, die andere läuft ein paar Meter und wirft der Freundin dann die Badelatschen zu. “Geschafft!“ Merve lässt sich auf ihr Handtuch fallen und schwärmt: “Das wird ein toller Tag.“ Sonne tanken am Elbstrand in Övelgönne, ihrem Lieblingsort nicht einmal drei Kilometer vom zentralen Fischmarkt entfernt.

Elbstrand in Hamburg mit Strandbar (Foto: DW/ Anne Termèche)

Strandvergnügen gegenüber den Hafenkränen an der Elbe

Pötte zählen vor Industrie-Romantik-Kulissen

Vielleicht ist es die Angst vor einem plötzlichen Ende dieses Sommermärchens, der die Hamburger in Scharen an die teilweise heillos überfüllten Elbstrände pilgern lässt. Die Elbe ist an manchen Stellen so breit wie ein See, der Sand zwar aschblond statt karibisch weiß, aber weicher als mancher Adria-Kieselstrand. Sogar etwas Brandung gibt es, sobald einer der großen Frachter vorbeizieht. Dann kommt auch regelmäßig Bewegung in die sonst träge Menschenmasse: Smartphones werden gezückt und Schnappschüsse von den dicken Pötten gemacht. Schiffen hinterherzusehen, das hat für viele hier fast etwas Meditatives.

Die Hektik der nahen Stadt scheint am Strand in Övelgönne eine halbe Weltreise entfernt. In Restaurants rund um den Hafen plätschert leise Reggae-Musik durch die Lautsprecher, beliebte Strandbars wie die “Strandperle“ oder das “Dock 13“ locken mit Sonnenliegen. “Eiscreme: 20 Meter“, hat ein Café-Betreiber auf ein babyblau gestrichenes Schild geschrieben, direkt daneben steht selbstironisch auf einem gelben Schild: “Tor zur Welt: 0 Kilometer“.

Zwei Männer in Badehosen beobachten ein Containerschiff auf der Elbe (Foto: DW/ Anne Termèche)

Große Schiffe, in Hamburg "Pötte" genannt, kann man am Strand von Blankenese vorbeiziehen sehen

Es ist die Mischung aus Industrie-Romantik und Urlaubs-Atmosphäre, die ganz unterschiedliche Menschen anzieht: Die einen erholen sich im Schatten vom Party-Kater des Vorabends, andere planschen mit ihren Kindern in der Elbe. Trotz der Warnungen der Behörden vor lebensgefährlichen Strömungen und dem starken Sog der Schiffe. Zudem ist die Elbe durch das vergangene Hochwasser nicht gerade sauberer geworden. Doch daran stört sich dieser Tage niemand.

“Nennen Sie mir einen schöneren Ort!“

Wer von Övelgönne mit dem Rad weiter elbaufwärts fährt, findet kaum ein einsames Plätzchen, nicht einmal an Orten mit so unromantischen Namen wie Teufelsbrück. Dort gibt es eine Fähranlegestelle mit ein paar Quadratmetern Sand direkt unterhalb einer Brücke. Ein Pärchen steht eng umschlungen im Wasser und küsst sich so innig, als ob dies nicht Teufelsbrück wäre, sondern Tahiti.

Sie hätten vielleicht ein paar Kilometer weiter elbaufwärts Richtung Blankenese fahren sollen, denn je weiter man sich vom Zentrum Hamburgs entfernt, desto ruhiger werden die Strandabschnitte. Mitunter ist das aber auch eine Prinzipienfrage. Der feine Hamburger Stadtteil Blankenese mit seinen weißen Strandvillen zieht ein etwas anderes Klientel an als Övelgönne. Tätowierungen sieht man hier selten. Dafür fahren regelmäßig teure Sportwagen den engen Strandweg entlang und es gibt pädagogische Warnschilder wie dieses: “Vernünftige fahren hier nicht Rad. Anderen ist es verboten.“

“Nennen Sie mir einen schöneren Ort in Hamburg“, sagt Heinz Bielefeld, 57 Jahre, und blinzelt in die tief stehende Sonne. Wann immer er kann, kommt er hierher, er liebt die familiäre, unaufgeregte Atmosphäre in Blankenese - Övelgönne findet er viel zu laut und verdreckt.

Leute liegen am Strand, dahinter zieht der Luxusdampfer vorbei (Foto: DW/ Anne Termèche)

Luxusdampfer ahoi: die "Costa Pacifica" kurz vor Blankenese

Ein weißer Dampfer vor den weißen Villen Hamburgs

Mitunter kann aber auch Blankenese nicht verbergen, dass es zu einer Großstadt gehört. Da gibt es verrostete Wracks, die ein paar Zentimeter aus dem Wasser ragen und am Abend steigt plötzlich eine dicke Rauchwolke auf der anderen Elbseite auf: Irgendetwas muss in Finkenwerder brennen, auf dem Werksgelände des Flugzeugherstellers Airbus. Kurz danach ist Blankenese aber wieder ganz bei sich, als sich das weiße Kreuzfahrtschiff “Costa Pacifica“ langsam an den weißen Villen vorbeischiebt.

Nur elf Kilometer trennen Blankenese vom Herzen Hamburgs an den Landungsbrücken, doch mitunter scheinen es Welten zu sein. Im “Park Fiction“ etwa, benannt in Anspielung auf Tarantinos Kultfilm “Pulp Fiction“. Sand gibt es hier keinen, nicht einmal aufgeschütteten. Dafür aber eine bizarre, mit Rasen bepflanzte Betonfläche, die in Form von Meereswellen gestaltet worden ist. Dazu Graffiti an den Hauswänden und fünf Metallpalmen. Die sehen derart künstlich aus, dass viele sie schon wieder kultig finden - und der Park auch jetzt noch, um 21 Uhr, gut besucht ist.

Kunstpalme im Park Fiction (Foto: DW/ Anne Termèche)

Kunstpalmen-Oase im "Park Fiction" in St. Pauli

Natürlich ist der Blick von hier auf die großen Hafenkräne, die sanft im Abendlicht aufleuchten, beeindruckend. Aber es ist wohl eher das spezielle Lebensgefühl von St. Pauli, das die Leute hierher kommen lässt. An den Palmen hängen Solidaritätstransparente für den umkämpften Gezi-Park in Istanbul. Man diskutiert bei einem Astra-Bier über Politik oder trinkt für die nächste Party vor. In einer Hängematte zwischen zwei Palmen schläft ein Mann, im Arm sein halb geleertes Bier.

Auch an Silvester wurde hier gefeiert, eine Bambushecke stand plötzlich in Flammen, die Feuerwehr musste anrücken. Jetzt sammelt eine lokale Initiative Geld und Ideen, was man auf der abgebrannten Fläche anpflanzen könnte: Hanf steht da auf einer improvisierten Pinnwand, daneben Klatschmohn, Betelnuss- oder Essigbaum. Nur einer will offenbar etwas klassische Urlaubsidylle, selbst in St. Pauli. Sein Vorschlag: eine echte Palme.

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