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Aktuell Asien

49 Afghanen wegen Lynchmords angeklagt

Es gilt als Test für Afghanistans Justizsystem: In Kabul stehen die mutmaßlichen Mörder einer jungen Frau vor Gericht. Die Bluttat hatte die Zivilgesellschaft mobilisiert und tausende Menschen auf die Straße gebracht.

Vor einer Moschee soll das spätere Opfer eine Ausgabe des Korans verbrannt haben - so sagen die mutmaßlichen Täter. Die Familie der 27-jährigen Farkhunda widerspricht dieser Darstellung. Ihre Tochter, eine Absolventin der Islamwissenschaften, sei psychisch krank gewesen. Mit Mullahs habe sie vor dem Gebäude über den Verkauf von Glücksamuletten gestritten. Freunde und Nachbarn stellten freilich eine geistige Erkrankung des Opfers in Abrede.

Fakt ist: Ein wütender Mob erschlug die junge Frau, steckte die Leiche in Brand und warf sie in einen Fluss. Das alles geschah mitten in der Hauptstadt Kabul - und vor den Augen der Polizei. Offiziell hieß es, die Sicherheitskräfte hätten vergeblich versucht, die Menge auseinanderzutreiben.

19 Polizisten beschuldigt

Über den Tathergang kursieren

unterschiedlichste Darstellungen

. Ob die Polizisten das Opfer tatsächlich nicht retten konnten oder ob sie sogar an dem Verbrechen mitwirkten, müssen nun die Richter klären. Gut sechs Wochen nach dem Lynchmord hat - ebenfalls in der afghanischen Hauptstadt - der Prozess gegen 49 Verdächtige begonnen (Artikelbild). Unter den Beschuldigten sind auch 19 Polizisten. Den Angeklagten wird Körperverletzung, Mord, Anstiftung zur Gewalt und unterlassene Hilfeleistung vorgeworfen.

Demonstranten in der Hauptstadt Kabul (Foto: DW/H. Sirat)

"Wir sind alle Farkhunda": Demonstranten in der Hauptstadt Kabul im März

Nach der Bluttat hatten

tausende Menschen in Kabul protestiert

. Sie riefen: "Wir sind alle Farkhunda. Wir wollen Gerechtigkeit." Einige Demonstranten hatten ihr Gesicht rot maskiert, um an das blutige Gesicht der zu Tode geprügelten Frau zu erinnern, das auf mehreren Videos von der Tat zu sehen war.

"Akt extremer Gewalt"

Der Prozess gilt als Test für das afghanische Justizsystem und

dessen Umgang mit Frauen

. Der afghanische Präsident Aschraf Ghani hatte bald nach Bekanntwerden des Verbrechens von einem "Akt extremer Gewalt" gesprochen und sich gegen Selbstjustiz gewandt. Er setzte eine Untersuchungskommission ein und gab zu, dass die Polizei im Umgang mit solchen Vorkommnissen schlecht geschult sei.

Dass bei den Sicherheitskräften offensichtlich ein Problem mit dem Rollenverständnis besteht, zeigte auch ein Statement, das der Pressesprecher der Kabuler Polizei auf seiner privaten Facebook-Seite veröffentlichte. Darin bezeichnete er die getötete Farkhunda als Ungläubige. Menschen wie sie versuchten mit ihrer offenen Darstellung von Blasphemie, die US-amerikanische oder eine europäische Staatsbürgerschaft zu erschleichen. Er wurde daraufhin - wie bereits mehrere Polizisten zuvor - vom Dienst suspendiert.

jj/stu (dpa, afp, rtr)

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