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Nahost

48 Stunden bei den kurdischen Peschmerga

Peschmerga bedeutet übersetzt "die dem Tod ins Auge sehen". Das tun die Soldaten der kurdischen 9. Brigade jeden Tag. Sie kämpfen an vorderster Front gegen die Terrormiliz IS. Alexandra von Nahmen hat sie begleitet.

Vorbei an einer dicken Betonwand und Stacheldraht. Im Schritttempo nähert sich unser Wagen einem Peschmerga-Stützpunkt in Daquq, eine halbe Autostunde südlich von Kirkuk. Es ist der Sitz der 9. Brigade, die an vorderster Front gegen die IS-Terrormiliz kämpft. Die Front ist nur wenige Kilometer vom Stützpunkt entfernt.

Drinnen gibt es erst einmal Tee. Mit ganz viel Zucker. Leutnant Ahmad Taha empfängt uns in der Offiziersstube. Auf knapp 20 Quadratmetern stehen drei Feldbetten, ein Fernseher und eine Klimaanlage. Die Schuhe werden im Flur ausgezogen. Eigentlich waren wir mit dem Kommandanten, General Araz Abdulqadir, verabredet. Er lässt sich aber am Telefon entschuldigen. Er komme ganz gewiss. Nur wann? Das ist noch nicht klar.

Peschmerga-Leutnant Taha (2.v.r.) mit dem DW-Team (Foto: DW/ W. Dardiry)

Peschmerga-Leutnant Taha (2.v.r.) mit dem DW-Team

Keine Munition für deutsche Waffen

Solange will sich Leutnant Taha um uns kümmern. Er wurde von der Bundeswehr in Hammelburg im Umgang mit deutschen Waffen trainiert. "G36-Sturmgewehre, und erst die Milan-Panzerabwehr-Raketen! Das sind gute Waffen, die wir hier brauchen", sagt Leutnant Taha. Die Peschmerga seien dankbar dafür. Nur den Munitionsnachschub hätten die Deutschen vergessen; da sei die Versorgung schlecht.

Draußen im Hof hat sich vor der Küche eine kleine Schlange gebildet. Es gibt Reis und Bohnen zum Abendessen. Wie fast jeden Tag, erzählt man mir. Gleich neben der Küche befindet sich eine Backstube, wo nachts frisches Fladenbrot für die Truppe gebacken wird. Kaum habe ich die ersten Bilder gedreht, greifen ein paar Soldaten zum Handy. Fotos mit Journalisten scheinen ein Hobby der Peschmerga zu sein.

Blick in die eigene Bäckerei des Peschmerga-Stützpunkt (Foto: DW/ W. Dardiry)

Die eigene Bäckerei im Stützpunkt

Erfolge gegen die Terrormiliz IS

Leutnant Taha zeigt mir ein Foto, auf dem er seine Tochter umarmt. Sie lernt gerade gehen. Der Sohn ist drei. "Natürlich vermisse ich meine Familie", sagt er. "Und sie macht sich um mich Sorgen. Wenn bekannt wird, dass wir in Kämpfe verwickelt wurden, klingelt das Handy unterbrochen."

Erst vor wenigen Tagen war seine Brigade an einer Offensive zur Befreiung eines Dorfes namens Baschir beteiligt. Die Peschmerga mussten eingreifen, um schiitische Milizen zu unterstützen. Am Ende mit Erfolg. Der IS wurde von dort vertrieben. Viele andere Dörfer in der Region aber befinden sich immer noch in den Händen der Terrormiliz.

Wir bleiben über Nacht und dürfen im Erste-Hilfe-Raum Quartier beziehen. Es sei das sauberste Zimmer am Stützpunkt, sagt Leutnant Taha. Für die Toiletten und die Dusche gilt das eher nicht, stelle ich fest. Ich beschließe, in meiner Kleidung zu schlafen.

Peschmerga-General Araz Abdulqadir an der Front (Foto: DW/ W. Dardiry)

Peschmerga-General Araz Abdulqadir an der Front

IS-Kämpfer ergibt sich

Plötzlich herrscht große Aufregung. General Abdulqadir ist endlich da. Seine Ankunft hebt sofort die Stimmung. Er begrüßt uns und lässt - wie könnte es sein - Tee servieren. Das Gespräch wird aber schnell von einem Anruf von der Frontlinie unterbrochen. Ein IS-Kämpfer habe sich den Soldaten ergeben, heißt es. Er wird in den Stützpunkt gebracht. Filmen darf ich ihn nicht, aber ich darf dabei sein, als er dem General vorgeführt wird.

Er wirkt wie ein Teenager, ist ruhig, aber nicht unterwürfig, während er die Fragen des Generals beantwortet. Er stamme aus einem sunnitischen Dorf an der Frontlinie und sei erst seit elf Tagen beim IS, sagt der Mann. Er hätte dem kurdischen Geheimdienst Informationen zukommen lassen. Als dies aufzufliegen drohte, ergriff er die Flucht. Der Mann wird abgeführt. Seine Geschichte muss erst einmal überprüft werden.

Patrouillenfahrt zur Frontlinie

Die Nacht ist kurz. Gegen 6.30 Uhr stürmt ein Peschmerga-Offizier in unser Quartier. Wir dürfen mit auf eine Patrouillenfahrt zur Frontlinie. Im Morgengrauen wurden verdächtige Bewegungen der IS-Kämpfer beobachtet, erklärt er uns. Jetzt möchte sich General Araz Abdulqadir einen Überblick über die Lage verschaffen.

Auf zwei Pick-ups geht es in rund zehn Minuten zur Frontlinie. Unterwegs passieren wir mehrere Checkpoints und ein Minen-Räumungsteam. Dann taucht ein langer Schützengraben auf. Es ist heiß und stickig. Meine Sicherheitsweste drückt. Der Helm rutscht immer wieder herunter. "Dort, wo wir hinwollen, sitzt der IS. Willst Du immer noch mitkommen?" fragt mich General Abdulqadir und lacht. "Wenn ich schon mal da bin", lautet meine Antwort.

Blick auf die Frontlinie (Foto: DW/ W. Dardiry)

Am Horizont ist das vom IS besetzte Dorf zu erkennen

"Sei vorsichtig mit deiner Kamera"

An diesem Frontabschnitt wimmelt es von Soldaten. Drei Regimenter sind in dieser Region stationiert. Der General lässt sich über die aktuellsten Bewegungen der Terrormiliz informieren. Das nächste vom IS besetzte Dorf kann ich mit bloßem Auge sehen und filmen. "Sei vorsichtig mit deiner Kamera. Dort gibt es Scharfschützen", raunt mir ein Soldat zu. Ob das stimmt? Es bleibt ruhig.

Wir kehren zurück. Im Stützpunkt verabschieden wir uns von General Abdulqadir. Er will jetzt nach Hause. Seine Frau muss ins Krankenhaus: in zwei Tagen erwartet sie ihr zweites Kind.

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