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Asien

35 Jahre nach der Kulturrevolution

Mit den sogenannten Rotgardisten folgte die größte politische Massenbewegung der Volksrepublik China. Auch 35 Jahre nach Maos Tod sind die lang anhaltenden Folgen der Kulturrevolution in China nicht zu übersehen.

Die Fassade eines historischen Palast-Tores in Peking ist mit Propaganda-Sprüchen bedeckt. (Foto: dpa)

Die Kulturrevolution: schwarzes Kapitel in der Geschichte Chinas

Zehn Jahre lang wüteten die Roten Garden zwischen 1966 und 1976 während der Kulturrevolution in China. Ihr Ziel war es, traditionell konfuzianisches Gedankengut auszulöschen und die Ideologie Maos zu verbreiten. Am Ende dieser Epoche standen drei Zahlen: 100 Millionen Chinesen waren bei der Massenbewegung Schikanen ausgesetzt, 20 Millionen Menschen sind ums Leben gekommen, und Kulturgüter und literarische Werke im Wert von 800 Milliarden Yuan – etwa 87 Milliarden Euro - wurden zerstört.


Für Song Yongyi, Professor an der California State University und Mitwirkender des Historical Dictionary of the Cultural Revolution, ist der größte Schaden, den die Kulturrevolution angerichtet hat, die Zerstörung der moralischen Werte: "Chinesen legen großen Wert auf Familientraditionen. Während der Kulturrevolution war es hingegen Gang und Gäbe, dass Väter von ihren eigenen Söhnen denunziert wurden und Ehepaare sich gegenseitig verrieten. Die grundlegendsten traditionellen Werte sind verloren gegangen".

Negatives Beispiel mit positiver Wirkung

Mao Zedong zu Beginn der Kulturrevolution 1966 (Foto AP)

Mao Zedong: Mitbegründer der Kommunistischen Partei Chinas

Trotz der zahlreichen negativen Auswirkungen, die die Kulturrevolution mit sich gebracht hatte, sieht Xu Youyu auch positive Aspekte der kommunistischen Kampagne. Schließlich habe die Kulturrevolution alle Mängel des damaligen politischen Systems und Fehler der politischen Führung offenbart, meint der Pekinger Geschichtsforscher im Gespräch mit DW-WORLD.DE. "Ohne den Beinahe-Zusammenbruch der Wirtschaft und Justiz hätte die Volksrepublik möglicherweise den Weg der Reform- und Öffnungspolitik nicht eingeschlagen", so Xu.


Maos Tod im Jahr 1976 markierte das Ende der Kulturrevolution und den Beginn einer neuen Ära. Tausende Mao-Kritiker, einst als Konterrevolutionäre abgestempelte Bürger, wurden nach und nach rehabilitiert. Diejenigen, die all die Zeit unter der grausamen politischen Bewegung gelitten hatten, trauten sich nun, ihrem Ärger Luft zu machen und versuchten ihre Mao-Abzeichen und alles andere, was sie an die Kulturrevolution erinnerte, auf vielfältige Weise los zu werden. Während der Kulturrevolution hätte dies zweifelsfrei zur Todesstrafe geführt.

Maos Einfluss noch allgegenwärtig

Doch Mao ist nie wirklich verschwunden – weder von der politischen Bühne noch aus der Gesellschaft Chinas. Sein überdimensionales Porträt hängt noch über dem Tor am Platz des Himmlischen Friedens. Auch auf der Vorderseite des 100-Yuan-Geldscheins ist Maos Konterfei abgebildet.


"Nach 1978 gab es durchaus Überlegungen, ob man das Mao-Porträt abhängen soll", erklärt der Freiburger Sinologieprofessor Daniel Leese, "Deng Xiaoping hat damals sehr zutreffend ausgedrückt, es führe zu mehr Problemen, wenn man das Porträt entfernen würde als wenn man es beibehalten würde". In der Sowjetunion hatte man Stalin verdammen können, weil es noch Lenin gab. Aber Mao war in China nicht ersetzbar, erklärt der Autor des Buchs "Mao Kult". Er war schlichtweg das Symbol für die Partei und die kommunistische Herrschaft. Noch immer legitimiert sich die Kommunistische Partei Chinas durch Mao.

Kulturrevolution nach wie vor ein Tabuthema

Kinder halten die sogenannte Mao-Bibel in der Hand (Foto: AP)

Die Mao-Bibel: Ideen und Ideologie des großen Führers

Nicht nur die Partei instrumentalisiert Mao – und das sehr kalkuliert. Auch in der Bevölkerung ist eine Wiederbelebung der Mao-Kultur wahrzunehmen. In den vergangenen Jahren singen vermehrt Amateur-Chöre täglich die sogenannten roten Lieder in den großen Parks in Peking, alte sozialistische Lieder aus der Mao-Ära. Die Menschen sehnten sich nach alten Zeiten, so die Erklärung Leese's für diesen Ausdruck von Nostalgie.

Die krasse Kluft von heute zwischen Reich und Arm lässt besonders die älteren Bürger an die alten Zeiten denken, in denen alle gleich arm waren. Für Xu ist dies ebenfalls ein Ausdruck der Unzufriedenheit der Bevölkerung und Kritik an der jetzigen Regierung. Zwar sänge die Bevölkerung gerne diese Lieder, sie stimme der Ideologie, die diese Lieder anpreisen, aber längst nicht mehr zu.

Die kommunistische Ideologie öffentlich zu kritisieren oder die Mao-Ära kritisch aufzuarbeiten, ist in China immer noch unmöglich. Auch die Geschichtsforschung über die Jahre der Kulturrevolution wird gezielt verhindert. Wegen seiner Forschungsarbeiten wurde Xu Youyu mehrmals zur Polizei zitiert. Auch Song Yongyi, einst selbst Rotgardist, wurde während einer Recherchereise 1999 in China festgenommen. Song arbeitet derzeit mit mehreren Datenbanken über die wichtigsten Phasen der Kulturrevolution. Er betonte im Gespräch mit DW-WORLD.DE, dass er und andere Historiker lediglich ein wahrheitsgetreues Bild der Geschichte darstellen möchten. Dies seien sie den Opfern der Kulturrevolution und den jüngeren Generationen schuldig.

Autorin: Xiegong Fischer
Redaktion: Chi Viet Giang/Sabine Faber