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Politik

30.000 Kurden demonstrieren in Frankfurt

Die Demonstranten nutzen das kurdische Neujahrsfest, um für Freiheit und gegen das türkische Verfassungsreferendum auf die Straße zu gehen. Manche zeigen aber auch verbotene Symbole. Von Sonja Jordans, Frankfurt a.M.

Es ist halb eins am Mittag, als der bunte Zug sich langsam vor der Bockenheimer Warte im Herzen Frankfurts in Bewegung setzt. Vorweg fährt ein kleiner Transporter, auf dessen Ladefläche ein Mann zwischen Lautsprecherboxen und Kabeln bemüht ist, nicht das Gleichgewicht zu verlieren. Ihm folgt eine fast unüberschaubare Menschenmenge. Männer, Frauen, Kinder in Kinderwagen, Junge und Alte, manche in farbenfrohe Tracht gekleidet, andere in Jeans und dicke Jacken gehüllt. Es ist kalt am Samstagmittag in Frankfurt am Main, erst kurz zuvor hat der Regen nachgelassen. Das trübe Wetter aber hat die Menschen nicht davon abgehalten, an diesem Tag in die hessische Großstadt zu kommen. Sie alle eint ihre Herkunft: Sie sind Kurden. Und sie alle wollen in der Stadt am Main feiern: Newroz, das kurdische Neujahrsfest. 

"Hier in Frankfurt ist das größte Treffen", sagt die 21-jährige Rojda, "deswegen sind wir aus Detmold hergekommen". Rojda hat ihre 19 Jahre alte Schwester dabei. Zusammen mit ein paar Freunden haben sich die beiden wie so viele andere per organisierter Busfahrt auf den Weg gemacht. Busse aus ganz Deutschland bringen Kurden an den Main, auch ein Bus mit niederländischem Kennzeichen sucht eine Haltemöglichkeit.

Nicht nur Neujahrsfest, sondern auch politische Demonstration

Dass das Treffen der Kurden in Frankfurt besonders in diesem Jahr jedoch nicht nur den Charakter eines Neujahrsfests hat, ist den jungen Frauen klar. "Auch deswegen sind wir hier", sagt Rojda. "Wir stehen zu unserer Herkunft, unserer Kultur und wollen das zeigen, besonders jetzt."

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Kurden protestieren gegen Erdogan

Besonders jetzt, das sind die Wochen vor der Abstimmung über ein Verfassungsreferendum in der Türkei. Dadurch soll der türkische Ministerpräsident Erdogan mehr Befugnisse erhalten. "Wir haben Angst, dass es den Kurden in der Türkei dann noch schlechter geht und wir noch mehr Probleme erdulden müssen", sagt ein Mann, der nicht mal seinen Vornamen nennen möchte. "Deswegen gehen wir hier heute auch auf die Straße, wir wollen für die Kurden demonstrieren und zeigen, was wir von dem Referendum halten."

Was die Menschen - die Veranstaltung ist laut Polizei als politische Demonstration angemeldet - von Erdogan halten, tun sie lautstark kund. "Wir sagen nein zu Diktaturen", schreit der Mann auf dem Transporter in sein Mikro. "Wir lassen uns von Erdogan nicht einschüchtern". Der Zug hinter ihm ist angeführt von einer Gruppe Frauen, die ein Plakat tragen. Darauf zu sehen sind Bundeskanzlerin Angela Merkel und der türkische Ministerpräsident beim Händeschütteln. "Deutsch-türkisches Verhältnis im Ausnahmezustand" ist über dem Bild zu lesen. Das kurdische Neujahrsfest sei generell politisch, erläutert eine Frau am Rand. Das zeigten auch die rhythmischen Lieder und Gesänge, zu denen die Teilnehmer tanzen. Sie besängen Kriege, Helden und Märtyrer der Kurden, erläutert die Frau, bevor sie in der Menge untertaucht.

Polizei war "auf das Schlimmste vorbereitet"

Die Straßen, die der Zug unterdessen auf seinem Weg durch die Innenstadt bis zum Europaplatz nimmt, sind gesäumt von Polizeibussen und Beamten. Auch ein Wasserwerfer bezieht Position. Im "vierstelligen Bereich", so ein Polizeisprecher am Tag vor der Kundgebung, bewege sich die Zahl der Beamten, die aus ganz Deutschland zusammengezogen worden sind. Dennoch scheint es, als seien mehr Polizisten als Demonstranten unterwegs. Man sei "auf das Schlimmste vorbereitet", hatte der Sprecher vor der Demo halb scherzend, halb ernst gesagt. Angesichts der Einsatzkräfte mag man sich nicht vorstellen, was "das Schlimmste" denn sein könnte.

Deutschland Demonstrationen zum kurdischen Frühjahrsfest Newroz in Frankfurt (picture-alliance/dpa/B. Roessler)

"Nein zur Diktatur" - unter diesem Motto lief die Demo

"Bis jetzt ist alles ruhig geblieben", berichtet jedoch eine Polizeisprecherin am frühen Nachmittag. Zwar seien statt der erwarteten 20.000 nach Schätzungen der Polizei sogar mehr als 30.000 Menschen gekommen. "Ausschreitungen gab es aber bislang keine." Dafür werden zahlreiche Fahnen geschwenkt - nicht nur jene mit den kurdischen Farben gelb, rot und grün. Sondern auch solche, die laut Polizeivorgaben verboten sind: Fahnen mit den Bildnissen des inhaftierten PKK-Führers Abdullah Öcalan, Fahnen einer Kampftruppe, die gegen den sogenannten "Islamischen Staat" in Syrien kämpft. Dazwischen werden immer wieder Bildnisse des PKK-Führers hochgehalten. Ordner tragen das Antlitz des Mannes auf dem Rücken ihrer neongelben Warnwesten. "Hoch lebe Öcalan"- Rufe sind vereinzelt zu hören.

Verbotene Symbole und Fahnen

"Wir haben das beweissicher dokumentiert und werden das auch verfolgen", sagt dazu die Polizeisprecherin. "Das ist eine Straftat." Die PKK gilt in Deutschland als Terrororganisation und ist seit 1993 verboten. Beamte mit Videokameras stehen entlang der Strecke und filmen all jene, die sich nicht an die Vorgaben der Polizei halten. Wie die Polizei jedoch genau jene Personen aufgreifen möchte, will die Sprecherin "aus kriminaltaktischen Gründen" nicht erläutern.

Inzwischen ist der Zug der Demonstranten deutlich angewachsen. Außer der Gruppe, die sich an der Bockenheimer Warte auf den Weg gemacht hat, ist auch noch eine an der Alten Oper nahe der Fußgängerzone losgezogen. Und auch unterwegs stoßen weitere Menschen zu der Kundgebung. "Ich bin nur hier wegen des Neujahrsfests", betont Seref aus Limburg. Er sei Kurde und lebe seit 33 Jahren in Deutschland. "Immer korrekt", betont er und nestelt an seiner Tasche. "Nur deswegen habe ich schließlich den da bekommen", sagt er und zeigt mit stolzem Lächeln seinen deutschen Pass. Er wolle einfach singen, tanzen und das kurdische Neujahrsfest begehen. "Aber ein bisschen für Freiheit für die Kurden und alle anderen Menschen demonstriere ich natürlich auch."

Den Abschluss der Demonstration bildet eine Zusammenkunft im Europaviertel. Musik wird gespielt, Menschen tanzen und singen. Es wirkt beinahe wie ein buntes Volksfest, von denen es so viele in Frankfurt gibt. Nur die vielen Polizeiwagen und in langen Reihen aufgestellten Beamten erinnern an die Worte des Pressesprechers vom Vortag. "Das Schlimmste" ist jedoch nicht eingetreten. 

 

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