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Deutschlehrer-Info

300 Worte Deutsch – eine Integrationskomödie

Der Kinofilm "300 Worte Deutsch" ist ein politisch unkorrekter Spaß, der tief in die Vorurteilskiste zwischen Deutschen und Türken greift. Genau richtig, um der Gesellschaft den Spiegel vorzuhalten, finden die Macher.

"Wir müssen den Kanaken endlich mal 'nen Riegel vorschieben", lautet das Credo des Kölner Ausländerbeauftragten Ludwig Sarheimer, dessen Nachname laut Drehbuch nicht nur zufällig an Thilo Sarrazin erinnern soll – jenen Politiker und Autor also, der in seinem Sachbuch "Deutschland schafft sich ab" seine Heimat schon 2010 von Türken bedroht sah.

Als der Moscheevorsteher Cengiz Demirkan mal wieder mehrere junge Frauen aus der Türkei nach Deutschland holt, um sie zu verheiraten, wittert Sarheimer Betrug. "Die Türkenbräute haben alle eine Eins? Ist das die Grammatikbrigade von Ankara?", wettert er; die "Importfrauen", da ist er sich hundertprozentig sicher, können doch garantiert nicht die 300 Wörter Deutsch sprechen, die für Ehepartner aus dem Ausland vorgeschrieben sind. "Unser Krieg ist erst vorbei, wenn ihre Kopftuch-Ayşes mein Land verlassen haben", droht der Ausländerbeauftragte also dem Moscheevorsteher, da helfen auch keine Bestechungsversuche.

Deutschunterricht mit Tücken

So ganz Unrecht hat Sarheimer mit seinem Verdacht nicht: Demirkan hat beim Goethe-Institut in Ankara einen Cousin, der die Ergebnisse gefälscht hat. Die frisch eingereisten Damen beherrschen kein einziges Wort der fremden Sprache, doch zwecks Aufenthaltserlaubnis hat Sarheimer einen Test anberaumt.

Mehrere Männer mit Blumen und ein paar alte Frauen stehen Spalier © DCM

Warten auf die "Importbräute": Hoş geldiniz! - Willkommen in Deutschland

Also muss Demirkans Tochter Lale den jungen Frauen möglichst schnell Deutsch beibringen. Diese lebt selbst zwischen zwei Welten: Zuhause mimt die Studentin die brave Muslimin, aber sobald sie das Haus verlässt, legt sie Kopftuch und Traditionsbewusstsein ab, rast mit dem Motorrad durch die Gegend und treibt unliebsame Heiratskandidaten mit Martial Art-Kampftechniken in die Flucht. Was sie den türkischen Bräuten beibringt, ist nicht unbedingt im Sinne der frischgebackenen Ehemänner: "Lass mich in Ruhe" etwa oder: "Männer sind Schweine."

Sarheimers Neffe und Mitarbeiter Marc, der – anders als sein Onkel – ein Befürworter der Integration ist, wird bei der Mission Deutschunterricht Lales Verbündeter. Und wen wundert's: Bald schlagen hier ein türkisches und ein deutsches Herz heftig füreinander.

Auf die Spitze getrieben

Das Chaos ist also vorprogrammiert. Ressentiments und Vorurteile werden humorvoll auf die Spitze getrieben. Der Film strapaziert die Lachmuskeln und regt dazu an, eigene Denkmuster zu hinterfragen. "Im Endeffekt zeigt er, dass Deutsche und Türken sehr viele Werte teilen und sich vielleicht ähnlicher sind als sie denken", sagt der in Deutschland aufgewachsene Regisseur Züli Aladağ. Bis dato hat er sich dem Thema eher auf ernsthafte Weise genähert, zum Beispiel mit dem mehrfach preisgekrönten Drama "Wut". Diesmal hat er sich für einen komödiantischen Ansatz entschieden: "Ein sehr schönes Format, Konflikte oder schwierige Themen auch einem breiten Publikum zugänglich zu machen", findet er.

Hodscha Demirkan würgt Ludwig Sarheimer © DCM

Seit 26 Jahren zerstritten: Moscheevorsteher Cengiz Demirkan und der Ausländerbeauftragte Ludwig Sarheimer

Dass es bei "300 Worte Deutsch" meist sehr plakativ und klischeehaft zugeht und Sarheimer mit rassistischen Stammtischparolen nur so um sich schmeißt, mag manchem aufstoßen. Ebenso wie das Bild des rückständigen Türken, der hier massenhaft Zwangsverheiratungen durchführt. Doch der schrille, überspitzte Ton ist gewollt. "Gerade bei so einer angeheizten Stimmung wie im Moment durch diese ganzen Pegida-Demonstrationen, diesen abstrakten Ängste vor dem Islam und vor den Muslimen, glaube ich, dass die Menschen über diese Verkrampftheit auch mal lachen wollen."

Absurde Ängste und ein Körnchen Wahrheit

Züli Aladağ hofft, dass auch einige bürgerliche Pegida-Anhänger den Weg ins Kino finden und über den Film lachen können. "Eine Komödie kann etwas Befreiendes haben, und hier und dann merkt der ein oder andere vielleicht, wie absurd seine eigenen Ängste sind."

Regisseur Züli Aladağ (Foto: Horst Krauth)

Regisseur Aladağ kennt sich mit Migrationsthemen aus

In diesem Film über den Zusammenprall der Kulturen steckt allerdings auch so manches Körnchen Wahrheit. Der Konflikt zum Beispiel, in dem Lale steckt, betrifft viele deutsch-türkische Mädchen: nämlich sich mit dem Thema Emanzipation und Selbstbestimmung stärker auseinandersetzen zu müssen als ihre deutschen Freundinnen. Oder die Tatsache, dass auch der konservative Ludwig Sarheimer wenig für Emanzipation übrig hat: "Frauen gehören hinter den Herd", verkündet er seinem Neffen – "aber ohne Kopftuch".

Dann gibt es die subtilen Momente, die zeigen, dass auch vermeintlich tolerante Menschen vor Vorurteilen nicht gefeit sind. Da streitet sich das junge Liebespaar, dessen Verbindung weder von Lales Vater noch von Marcs Onkel gutgeheißen wird, weil der Weg zum Glück durch kulturelle Unterschiede erschwert wird. "Du denkst typisch deutsch", wirft Lale Marc an den Kopf und der kontert: "Typisch! Immer wenn du nicht weiterweißt, zückst du die 'arme Ausländerkarte'."

Marc und Lale schauen sich verliebt an © DCM

Junges Glück: Lale und Marc treffen sich heimlich

Türkisch-deutsches Happyend

Doch was ist eigentlich typisch? Nicht nur bei dieser Regiearbeit plädiert Aladağ dafür, dass Einwanderer differenziert wahrgenommen werden: "Wir reden immer allzu pauschal über die Menschen, über die Religionen, über Ethnien", sagt er. "Das ist ein bisschen schade in Deutschland, aber gleichzeitig ist es auch eine veraltete Diskussion. Ich denke, dass unsere Kinder immer weniger darüber reden werden."

Letztendlich haben die Drehbuchautoren und der Regisseur Charaktere kreiert, für die man trotz aller Schwächen Sympathien empfinden kann. So sagt Lale zu Marc über ihren Vater: "Er ist der liebste und warmherzigste Mensch der Welt, aber wenn du mir zu nahe kommst, bringt er dich um." Selbst Sarheimer entpuppt sich als einsame Seele, die Anschluss sucht – und Trost bei der Prostituierten Daisy alias Ayse findet. Am Ende gibt es dann ein Happy End mit einem deutsch-türkischen Baby: Mesut-Anton oder Anton-Mesut – je nach Sichtweise.

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