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Musik

300. Geburtstag des Opernreformers Christoph Willibald Gluck

In Mailand, Wien und Paris war Christoph Willibald Gluck ein gefeierter Star. Mit dem "Orfeo" läutete er 1762 eine Opernreform ein: Seine Werke sollten "Herzen bewegen".

Hätte es im 18. Jahrhundert Hitlisten der beliebtesten Opern in Europa gegeben, die Werke Christoph Willibald Glucks wären ganz oben zu finden gewesen. Seine Opern waren vor allem in Wien und Paris, in Mailand und London Tagesgespräch. Und heute kaum mehr vorstellbar: Sie lösten in Paris einen regelrechten Opernstreit aus. Verehrer der Reformoper von Christoph Willibald Gluck und Anhänger der alten italienischen Opern sollen sich sogar geprügelt haben.

Tatsächlich hat Gluck das Musiktheater verändert, hat die italienische Barockoper von verkrusteten Konventionen befreit: Statt vordergründigen Bravourarien und hohlem Pathos brachte er glaubwürdige Charaktere mit Gefühlen auf die Bühne, statt der langweiligen Folge von Rezitativ und Arie eine dramatische Einheit von Komposition, Wort und Bewegung. "Es gibt keine Regel, die ich nicht zugunsten dieser Wirkung opfern würde", sagte er einmal provozierend. "Ich betrachte die Musik nicht nur als eine Kunst, das Ohr zu ergötzen, sondern als eins der größten Mittel, das Herz zu bewegen und Empfindungen zu erregen."

Aus der Oberpfalz in die Welt

Christoph Willibald Gluck wurde am 2. Juli 1714 in Erasbach nahe Nürnberg geboren. Sein Wunsch Musiker zu werden stieß bei den Eltern auf Ablehnung: Der Junge sollte die Familientradition fortsetzen und Förster werden. Mit 14 Jahren lief Gluck von Zuhause weg, um seinen eigenen Weg zu gehen. Er verdiente sich zunächst seinen Lebensunterhalt als Tanzgeiger in Prag, fand dann Anstellungen als Kapellmusiker in Wien und Mailand. Ob er dort Schüler von Giovanni Battista Sammartini wurde, wie immer wieder geschrieben, ist nicht nachweisbar.

Das Bild ein Porträtgemälde des Komponisten Georg Friedrich Händel von von Thomas Hudson von 1749 (Foto: ullstein bild - AKG)

Großes Vorbild: Georg Friedrich Händel um 1749

Belegbar aber ist die Uraufführung seiner ersten Oper "Artaserse" 1741 in Mailand. Die Premiere muss ein Riesenerfolg gewesen sein, denn bis 1745 erhielt der junge Gluck Aufträge für sieben weitere Opern. Der sensationelle Erfolg des Opernneulings sprach sich bis nach London herum, wo Gluck 1745 vom Londoner Kings Theatre engagiert wurde. Hier lernte Gluck Georg Friedrich Händel und dessen Oratorien kennen, war von der großartigen Menschendarstellung Händels und den Möglichkeiten des Chorgesangs begeistert. Nach Wanderjahren durch Europa gab er 1748 sein Debüt in Wien.

Weg von sinnleerer Kehlkopfakrobatik

Gluck war ein leidenschaftlicher Theatermensch, der seine Opern selbst inszenierte. Das formale Einerlei der italienischen Opera Seria, vor allem aber die Starsänger und die von ihnen geforderten virtuosen Bravourarien waren Gluck zunehmend ein Dorn im Auge: Für ihn war das sinnleere Kehlkopfakrobatik zu Lasten einer überzeugenden Dramaturgie.

Das Bild zeigt Christoph Willibald Glucks handschriftliche Partitur von Misero e che farò aus seiner Oper Alceste (Foto: Public Domain)

Glucks Originalschrift: Misero e che farò aus Alceste

Er nahm sich vor, seine künftigen Opern "gänzlich rein zu halten von all den Missbräuchen, die - eingeführt durch die Eitelkeit der Sänger - die italienische Oper seit so langer Zeit entstellen", beschrieb er seine Ziele später im Vorwort zu "Alceste". "Mein Sinn war darauf gerichtet, die Musik wieder auf ihr wahres Amt zurückzuführen: Dem Drama in seinem Ausdruck zu dienen, ohne die Handlung zu unterbrechen oder sie durch unnützen und überflüssigen Schmuck zu erkälten."

Aufsehenerregendes "Gesamtkunstwerk"

Wort, Musik und Bewegung sollten künftig ganz in Diensten der dramatischen Handlung stehen. In Raniero di Calzabigi, einem Anhänger der Aufklärung, fand Gluck einen genialen Textdichter. Mit ihm konnte der Komponist seine bahnbrechenden Ideen verwirklichen. Am 5. Oktober 1762 feierte ihre erste gemeinsame Oper "Orfeo ed Euridice" in der Wiener Hofburg Premiere. Sie wies weit in die musikalische Zukunft.

Das Bild zeigt Gluck, gezeichnet und lithographiert von F. E. Feller nach einer Physionotrace von Edmé Quenedey, die wiederum posthum nach einer Büste aus dem Jahr 1776 des Bildhauers Jean-Antoine Houdon radiert wurde. (Foto: Public Domain)

Christoph Willibald Gluck, 1776

Die Handlung ist aufs Wesentliche reduziert, auf die Macht der Liebe und der Musik. Im Mittelpunkt steht das menschliche Drama. Chor und Ballett - in der Opera Seria kaum vorhanden - sind die neuen Handlungsträger. Gleich nach der Ouvertüre hört man den klagenden Chor (Ah, se intorno a quest'urna funesta) und die verzweifelten Rufe Orfeos nach Euridice, die in der Unterwelt verschwunden ist. Die alte Nummernoper ist passé. Ariose, liedhafte und rezitativische Teile greifen ineinander. Kein Wunder, dass Richard Wagner darin einen Ausgangspunkt für sein Ideal des "Gesamtkunstwerks" sah.

"Unendlicher Genuss"

Glucks Wiener Opernerfolge erregten Aufsehen in ganz Europa: Auch die französische Königin Marie Antoinette wünschte sich neue Impulse für ihr Musiktheater. 1773 reiste Gluck an die Seine und präsentierte im folgenden Jahr gleich zwei Opern: "Iphigenie in Aulis" und seinen "Orphée", eine französischsprachige Neufassung des "Orfeo". Weitere Werke sollten in den nächsten Jahren folgen.

Der französische Komponist Hector Berlioz in einer zeitgenössischen Darstellung. Er wurde am 11. Dezember 1803 in La Cote-Saint-Andre geboren und verstarb am 8. März 1869 in Paris (Foto: picture alliance/dpa)

Hector Berlioz: "Ich geriet in Verzückung"

Obwohl sich die Anhänger der alten Opera Seria handfeste Auseinandersetzungen mit den "Gluckisten" lieferten, traten auch die Pariser Opern einen Siegeszug an, der bis ins 19. Jahrhundert andauerte. Als Friedrich Schiller im Jahre 1800 eine deutsche Fassung von Glucks "Iphigenie in Aulis" inszenierte, war er überwältigt: "Noch nie hat eine Musik mich so rein und schön bewegt als diese, es ist eine Welt der Harmonie, die geradezu zur Seele dringt." Und noch 20 Jahre später schwärmte auch Komponist Hector Berlioz über Glucks Opern: "Ich schrieb sie ab, ich lernte sie auswendig; sie raubten mir den Schlaf, ließen mich Essen und Trinken vergessen: Ich geriet in Verzückung darüber."

Dass Glucks Opern im 20. Jahrhundert trotzdem fast vollständig von den Opernbühnen verschwanden, war auch der Musikgeschichtsschreibung geschuldet: Geboren in der sogenannten Vorklassik, der Zeit zwischen Bach und Beethoven, packten Wissenschaftler Gluck in die Schublade der "Kleinmeister". Die Opern seien "langweilig", die Opernreform ein folgenloses "Reförmchen", hieß es lapidar. Die historisch informierte Aufführungspraxis hat mit diesen Vorurteilen inzwischen gründlich aufgeräumt. Dennoch werden Glucks Opern im regulären Musiktheaterbetrieb nach wie vor nur selten gespielt. Zum 300. Geburtstag des Komponisten sollten auch die Opernhäuser in Deutschland und der Welt entdecken, dass Gluck mehr zu bieten hat, als nur die berühmte Arie des Orfeo "Che faro senza Euridice". Seine Werke bewegen auch moderne Herzen.

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