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Sport

30. März 1979: Joachim Deckarms Sportunfall

Vor 30 Jahren gewann der VfL Gummersbach den Europacup der Pokalsieger. Grund zur Freude gab es aber nicht. Im Halbfinale verletzte sich der Ausnahme-Handballer Joachim Deckarm lebensbedrohlich.

Ex-Handballnationalspieler Joachim Deckarm in Aktion (Foto: dpa)

Joachim Deckarm in Aktion

Im Halbfinal-Rückspiel bei Banyasz Tatabanya in Ungarn will Gummersbach den Finaleinzug perfekt machen. Von einer Sekunde auf die nächste interessiert sich aber niemand mehr für irgendeinen Pokal. Denn plötzlich steht ein Menschenleben auf dem Spiel. Der heutige Handball-Bundestrainer Heiner Brand war damals auch auf dem Spielfeld. "Wenn ich mich richtig erinnere, war ich sogar derjenige, der Jo den Pass zum Gegenstoß gegeben hat.“ Im Sprung will Joachim Deckarm den Ball annehmen. Sein Gegenspieler Lajos Panovics auch. Die Köpfe prallen zusammen. Joachim Deckarm verliert das Bewusstsein und schlägt mit voller Wucht auf den Betonboden auf.

Der Kampf ums Überleben

"Ich weiß noch," sagt Heiner Brand, "ich habe mit einem Mannschaftskameraden zusammen gestanden. Dann kam jemand zu uns und meinte, da sei etwas ganz schlimmes passiert, weil Veränderungen an Jo's Gesicht zu sehen waren.“ Joachim Deckarm wird zunächst ins Krankenhaus nach Tatabanya gebracht, dann in eine Spezialklinik in die 60 km entfernte ungarische Hauptstadt Budapest. Dort lautet die Diagnose: doppelter Schädelbasisbruch, Quetschungen des Haupthirns und ein Riss in der Hirnhaut. Während er operiert wird und mit dem Leben ringt, sitzen seine Mannschaftskameraden nach Spielende noch lange in der Kabine. Sie hätten sich nicht fortbewegen können, meint Heiner Brand. "Es war ganz schlimm. Wir haben geheult zwischendurch. Denn wir bekamen die Nachricht, dass es eng werden würde.“

Der beste Handballer der Welt

Auf dem Höhepunkt - Deckarm in der WM-Mannschaft von 1978 (Foto: picture-alliance)

Auf dem Höhepunkt - Deckarm in der WM-Mannschaft von 1978

Joachim Deckarm war einer der wichtigsten Spieler in den erfolgreichsten Zeiten des VfL Gummersbach. Aber auch in der Deutschen Nationalmannschaft. Gerade mal 24 Jahre jung war er, als er 1978 Weltmeister wurde. Joachim Deckarm hatte maßgeblichen Anteil am Erfolg.

Sein damaliger Bundestrainer Vlado Stenzel hielt ihn für den besten Handballer der Welt. In 104 Länderspielen erzielte Deckarm knapp 400 Tore. "Mit seinen 1,93 Meter hatte er unglaubliche Kräfte, weil er in der Jugend Zehnkämpfer war“, schwärmte Stenzel einmal. "Mit Jo brauchten wir keine große Taktik. Er allein hat gereicht.“ Wäre der Unfall nicht passiert, glaubt Heiner Brand, wäre Deckarm sogar noch besser geworden. "Er war noch nicht am Ende seiner Entwicklung.“

Weltmeister im Gesundwerden

131 Tage nach dem Unfall wachte Joachim Deckarm aus dem Koma auf. In der Uniklinik Homburg, nahe seiner Heimatstadt Saarbrücken, wo er auch heute noch lebt. "Ein hoffnungsloser Fall“ sollen die Ärzte damals gesagt haben. Joachim Deckarm hat das widerlegt. Mühsam kämpfte er sich ins Leben zurück. Fast alles musste er neu erlernen - wie ein kleines Kind. Das Laufen und Reden fällt ihm bis heute schwer. Aber sein Motto lautet: "Gib nie auf, zeig keinen Verdruss! Handle stets nach dem Grundsatz: Ich kann. Ich will. Ich muss!"

Die wichtigsten persönlichen Stützen auf dem harten Weg der bis heute andauernden Reha-Maßnahmen sind seine Familie, Betreuer und Freunde. Eine große Hilfe ist auch der Joachim-Deckarm-Fonds, der 1980 gegründet wurde. Es sei eine einmalige und bewundernswerte Aktion der großen Handballer-Familie, sagt Heiner Brand, die über viele Jahre hinweg immer wieder Benefiz-Aktionen gestartet hat, damit Geld in diesen Fonds fließen kann, um die Reha-Maßnahmen für Deckarm finanzieren zu können.

Das Schicksal annehmen

Joachim Deckarm (im Rollstuhl) 2008 im Kreis aktueller Nationalspieler (Foto: dpa)

Joachim Deckarm (im Rollstuhl) 2008 im Kreis aktueller Nationalspieler

Heute ist Joachim Deckarm 55 Jahre alt. Er weiß, dass er als populärer Sportler mehr Aufmerksamkeit und vielleicht auch mehr Hilfe erfahren hat als andere in seiner Situation. 30 Jahre nach dem schrecklichen Unfall will er deshalb auch weiterhin anderen Menschen in einer ähnlich schwierigen Situation Mut machen und ein Beispiel sein. Um das Schicksal ertragen zu können, so Deckarm, müsse man es annehmen - und nicht bekämpfen! Der 30. März sei für ihn deshalb auch nur ein ganz normaler Tag. "Da steh ich morgens auf - wie vorher auch - und geh abends ins Bett.“

Autorin: Mara Thellmann

Redaktion: Wolfgang van Kann

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