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Europa

270.000 Jahre Haft in Madrid gefordert

Knapp drei Jahre nach den verheerenden Bombenanschlägen in Spanien beginnt der Prozess gegen 29 Angeklagte. 191 Menschen starben im März 2004 infolge der Bluttat, mehr als 1800 wurden verletzt.

Spanien trauert: Kerzen am Anschlagsort, an einem Gleis im Madrider Bahnhof Atocha

Spanien trauert: Kerzen am Anschlagsort, an einem Gleis im Madrider Bahnhof Atocha

Der "Jahrhundertprozess" um die verheerendsten Terrorakte in der spanischen Geschichte hat am Donnerstag Morgen (15.2.07) begonnen. Er findet unter schärfsten Sicherheitsvorkehrungen in einem streng abgeschirmten Gerichtsgebäude am Stadtrand von Madrid statt. Die Beweisaufnahme soll mehr als fünf Monate dauern, mit den Urteilen wird Ende Oktober gerechnet. Es sollen rund 600 Zeugen und 100 Experten gehört werden.

Ermittlungsrichter Juan del Olmo erhebt Anklage gegen 28 Männer und eine Frau: 15 Marokkaner, neun Spanier, zwei Syrer und je ein Verdächtiger aus Ägypten, Algerien und Libanon. Die Anklageschrift hat eine Umfang von mehr als 100.000 Seiten. Allein für die sieben Hauptverdächtigen sind mehr als 270.000 Jahre Haft gefordert. Von den zwölf mutmaßlichen Drahtziehern der Bluttat müssen sich nur drei vor Gericht verantworten. Die anderen sind entweder tot oder auf der Flucht. Sieben vermutliche Mitglieder der Terrorzelle hatten sich drei Wochen nach dem Attentat selbst in die Luft gesprengt, als die Polizei ihre Wohnung stürmen wollte.

Der Prozess begann mit der Vernehmung des Ägypter Rabei Osman el Sayed, einem der sieben Hauptangeklagten. Der 35-Jährige verweigerte jedoch seine Aussage. "Ich erkenne keinen der Anklagepunkte an", sagte der Angeklagte, der in Spanien auch unter dem Namen "Mohammed, der Ägypter" bekannt ist. "Ich werde
daher keine Fragen beantworten, auch nicht die meines eigenen
Anwalts." Der Mann gilt laut Anklageschrift als einer der Chefideologen der islamistischen Attentäter.

Vorwurf: Mord und Mitgliedschaft in Terrorzelle

Allen Angeklagten wird die Mitgliedschaft in oder die Zusammenarbeit mit der terroristischen Vereinigung vorgeworfen, die am 11. März 2004 - auf den Tag genau zweieinhalb Jahre nach den Anschlägen in den USA - in vier Nahverkehrszügen Bomben plazierte. Mehreren von ihnen wird Mord und versuchter Mord vorgeworfen, manchen Beihilfe dazu.

Die Polizei hat ihre Ermittlungen zu den Anschlägen noch immer nicht beendet und nahm erst vor kurzem weitere sechs Männer wegen des Verdachts einer Unterstützung der Gruppe fest.

Inspiration durch El Kaida

Am 11. Marz 2004 gegen 7.40 Uhr früh waren zehn in Rucksäcken versteckte Bomben in vier Pendelzügen nach Madrid explodiert. Die Sprengsätze wurden mit Mobiltelefonen gezündet. In einer Videobotschaft verkündeten die mutmaßlichen Täter, die Anschläge seien die Rache dafür, dass Spanien Truppen nach Irak und Afghanistan gesendet habe. Der untersuchende Richter sagte, dass die Anschläge durch El Kaida inspiriert, aber nicht in deren Auftrag ausgeführt worden seien.

Erdrutschverlust für die Konservativen

Die regierende konservative Partei hatte zunächst die ETA beschuldigt. Eine Verbindung zur baskischen Untergrundorganisation bestätigte sich jedoch nicht. Bei den kurz darauf folgenden Wahlen wurden die Konservativen unter Regierungschef Jose Maria Aznar abgestraft. Er hatte die USA im Irakkrieg unterstützt. Aznar wurde vom sozialistischen Ministerpräsidenten Jose Luis Rodriguez Zapatero abgelöst, der kurz darauf Spaniens Truppen aus dem Irak zurückzog. (al)

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