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Fußball

25 Jahre nach der Hillsborough-Katastrophe

Sheffield steht für das schlimmste Stadion-Unglück im europäischen Fußball. 96 Menschen starben, weil die Polizei die Fans in überfüllte Blöcke lotste und die Fluchtwege versperrte. Das Unglück wirkt bis heute nach.

Liverpool schwankt in diesen Tagen zwischen tiefer Trauer und grenzenloser Euphorie. Am Sonntag (13.04.2014) besiegte der FC Liverpool im Topspiel der englischen Premier League Manchester City mit 3:2 und hat als Tabellenführer nun beste Chancen, zum ersten Mal seit 1990 wieder englischer Meister zu werden. Außerdem jährt sich am 15. April die Katastrophe von Hillsborough zum 25. Mal, bei der 96 Anhänger der Reds ums Leben kamen. Alle Spiele auf der Insel begannen an diesem Wochenende mit sieben Minuten Verspätung, weil das Unglücksspiel im Hillsborough-Stadion von Sheffield vor 25 Jahren sechs Minuten nach dem Anpfiff abgebrochen worden war. Anhänger des FC Liverpool waren am unteren Rand eines überfüllten Blocks gegen den Zaun gedrückt worden - am Ende waren 96 Tote zu beklagen, darunter Jon-Paul Gilhooley, der zehn Jahre alte Cousin des heutigen Reds-Kapitäns Steven Gerrard, der nach dem Liverpooler Sieg gegen Manchester City von seinen Gefühlen überwältigt wurde und in den Armen seiner Mitspieler in Tränen ausbrach.

Tragische Fehlentscheidung

Zu präsent sind für Gerrard und die anderen Liverpooler die Erinnerungen an den 15. April 1989, der eigentlich ein schöner Fußballnachmittag werden sollte. Die Sonne schien auf das Hillsborough-Stadion in Sheffield. FC Liverpool gegen Nottingham Forest lautete die Begegnung im Halbfinale des FA-Cup. Das Spiel lief erst seit ein paar Minuten, als die größte Katastrophe im europäischen Fußball ihren Lauf nahm: Einige Stehplatz-Blöcke auf der Westtribüne im Hillsborough-Stadion waren bereits randvoll. Trotzdem drängten immer mehr Fans des FC Liverpool von hinten nach und drückten die Vorderen so gegen die Sicherheitszäune. Fans, die versuchten sich über den Zaun aufs Spielfeld zu retten, wurden von der Polizei daran gehindert.

Wie schon bei der Katastrophe im Brüsseler Heysel-Stadion vier Jahre zuvor, öffneten die Sicherheitskräfte die Fluchttore viel zu spät und ließen die panischen Fans auf den Rasen. Schnell wurde das Ausmaß der Katastrophe deutlich: 766 Menschen wurden verletzt, 96 starben - 89 Männer, sieben Frauen, viele von ihnen waren nicht älter als 20 Jahre. Erst vierzig Minuten nach Spielabbruch war der erste Krankenwagen im Stadion. Das Zufahrtstor war verschlossen, ein Schlüssel war nicht aufzutreiben. Die Fans beider Lager halfen sich gegenseitig: Auf abgerissenen Werbebanden brachten sie die Verletzten in Sicherheit.

Völliges Versagen der Polizei

Direkt nach dem Spiel stürzten sich die englischen Medien auf die Liverpool-Fans und gaben ihnen die Schuld. Schließlich waren im Heysel-Stadion auch Hooligans aus Liverpool verantwortlich gewesen. Doch eine Untersuchungskommission um den Richter Peter Murray Taylor kam zu einem anderen Ergebnis: Der sogenannte Taylor-Report zeigte ein völliges Versagen der Polizei auf.

Verletzter Fan und Polizisten auf dem Spielfeld (Foto: dpa)

Nur in höchster Not konnten sich die Fans von der überfüllten Tribüne aufs Spielfeld retten

Um zahlreiche noch vor dem Stadion befindliche Fans rechtzeitig zum Anpfiff auf die Tribünen zu bekommen, öffneten die Polizisten große Tore, verzichteten aber dann darauf, die strömende Massen in die noch freien Bereiche der Westtribüne zu leiten. So drängte alles in zwei eng umzäunte Blöcke, aus denen es, wegen der von der Polizei verschlossen gehaltenen Fluchttore, kein Entrinnen gab.

Keine sicheren Spiele

Elfenbeinküste Verletzter in Stadion (Foto:dpa)

Massenpanik in Abidjan (2009)

Der Taylor-Report hatte große Auswirkungen auf den englischen und den gesamten europäischen Fußball. Insgesamt 76 Empfehlungen standen im abschließenden Papier von 1990. Sie befassten sich unter anderem mit dem Ausschank alkoholischer Getränke in den Stadien, mit der Anordnung der Absperrungen und Zäune im, sowie der Drehkreuze vor dem Stadion. Englands Fußballstadien wurden in der Folge in reine Sitzplatzarenen umgewandelt, außerdem verschwanden die Eisengitter zwischen Tribüne und Spielfeld. Kurz darauf übernahmen der Weltverband FIFA und der europäische Verband UEFA diese Regelungen. Bei internationalen Spielen werden daher auch in deutschen Stadien nur noch Sitzplätze angeboten. In der Bundesliga gibt es nach wie vor Stehblöcke.

Zwar hat der internationale Fußball aus der Hillsborough-Katastrophe gelernt, allerdings sind weitere Unglücke dieser Art auch heute nicht ausgeschlossen. Gerade in alten Stadien oder in Arenen, in denen es keine geregelte Einlasskontrolle gibt, könnte es immer noch zu Massenpaniken mit vielen Opfern kommen. Ein trauriges Beispiel ist das WM-Qualifikationsspiel zwischen der Elfenbeinküste und Malawi, bei dem sich im März 2009 statt der zugelassenen 35.000 sogar 50.000 Zuschauer im Stadion befunden haben sollen. Eine Mauer stürzte unter dem Druck der sich drängenden Fans ein. 22 Menschen starben, 130 wurden verletzt. In Ghana (Februar 2009), der Demokratischen Republik Kongo (September 2008) und Liberia (Juni 2008) gab es ähnliche Fälle mit vielen Toten und Verletzten.

Erneute Untersuchung - kein Unfalltod

Liverpooler Fans klettern in den Oberrang des Hillsborough-Stadions um nicht erdrückt zu werden (Foto: David Giles/PA)

In ihrer Panik kletterten einige Fans in den Oberrang des Stadions, um sich zu retten

Eine unabhängige Untersuchung im vergangenen Herbst kam zu dem Schluss, dass in Sheffield 41 Menschenleben hätten gerettet werden können, wenn schneller Hilfe gekommen wäre. Daraufhin kassierte der Londoner High Court alle bisherigen Urteilssprüche zur Hillsborough-Katastrophe. Ein später Erfolg für die "Hillsborough Familiy Support Group" (HFSG), die 74 betroffene Familien repräsentiert. Jahrelang hatte die Gruppe gegen das Ergebnis einer ersten Untersuchung von 1991 angekämpft. Damals war auf Unfalltod entschieden worden. Der Vorsitzende Richter stellte nun gleich zum Prozessauftakt klar, dass die Opfer keine Schuld treffe.

"Das ist absolut großartig. Wir wussten es seit 25 Jahren", sagte HFSG-Vorsitzende Margaret Aspinall. Mindestens neun Monate soll die erneute Untersuchung dauern. In den ersten Tagen erzählten Angehörige der Opfer aus deren Leben. So die Schwester von Kevin Traynor, der 1989 erst 16 Jahre alt war. "Oh nein, nicht wieder dieses Stadion", habe er vor dem Spiel noch gesagt. "Keine Angst, ich bin ja bei dir", habe sein 26 Jahre alter Bruder Christopher geantwortet. Beide überlebten die Massenpanik nicht.

Sieg im Wiederholungsspiel

Drei Wochen nach der Katastrophe von Hillsborough spielten Liverpool und Nottingham erneut gegeneinander. Liverpool gewann das Spiel und zog ins Finale ein. Im Mai 1989 besiegten sie im Londoner Wembley-Stadion den FC Everton und wurden englischer Pokalsieger. Nach dem Spiel feierten sie so, als seien die Opfer von Hillsborough noch immer unter ihnen.

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