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Europa

25 Jahre nach dem Blutsonntag in Vilnius

Am 13. Januar 1991 hatten Litauer das Fernsehzentrum in Vilnius umzingelt, um es gegen sowjetische Truppen zu verteidigen. In der Rückschau wird die Rolle Moskaus und seiner damaligen Führung unterschiedlich bewertet.

Gedenkstelle für die Opfer am Fernsehturm in Vilnius (Foto: DW)

Gedenkstelle für die Opfer am Fernsehturm in Vilnius

Den Litauern ist der 13. Januar 1991 als ein Tag in Erinnerung geblieben, an dem mehr als ein Dutzend Menschen für die staatliche Unabhängigkeit ihres Landes ihr Leben ließen. Nach litauischen Angaben wurden sie teilweise von sowjetischen Panzern überrollt, teilweise erschossen. An jenem Tag verabschiedete sich Litauen vom sowjetischen Erbe und begab sich auf einen Weg, der zu Demokratie und zur Mitgliedschaft in EU und NATO führte.

Im Zuge des Zerfalls der Sowjetunion hatte sich Litauen 1990 wieder zu einem selbständigen Staat erklärt. Im Jahr darauf forderte die Moskauer Führung Vilnius auf, die sowjetische Verfassung anzuerkennen und auf die Unabhängigkeit zu verzichten. Am 13. Januar 1991 versuchten Kreml-treue Kräfte mit Hilfe sowjetischer Militärs, die Macht in Litauen zu übernehmen, was aber misslang. Als Antwort auf die blutigen Ereignisse fand ein Referendum statt, bei dem die Bevölkerung die Loslösung von der Sowjetunion bestätigte. Moskau erklärte die Volksbefragung für ungültig. Als im August 1991 auch in Moskau ein Putschversuch kommunistischer Hardliner fehlgeschlagen war, wurde Litauens Unabhängigkeit weltweit anerkannt.

Menschen mit Flaggen der EU und Litauens begrüßen Litauens EU-Beitritt im Jahr 2004 (Foto: STR dpa)

Litauen wurde im Jahr 2004 Mitglied der Europäischen Union

Sieg der Freiheit

"Der 13. Januar 1991 ist auf jeden Fall ein Tag des Sieges für Litauen. Viel Glück brachte unserem Land die Zeit, die seit den Ereignissen vergangen ist. Die Republik Litauen wurde aufgebaut. Litauen wurde Teil des Westens, und das ist das Wichtigste", erklärt Rimvydas Valatka, Chefredakteur der litauischen Zeitschrift "Veidas".

Für Arvydas Anušauskas, Historiker und Mitglied des Ausschusses für nationale Sicherheit und Verteidigung im litauischen Parlament, ist der 13. Januar in erster Linie ein Symbol des Kampfes für die Unabhängigkeit: "Die jüngeren Generationen in Litauen verbinden diesen Tag mit Kampf und Heldentum."

Virginijus Savukynas, Direktor des Zentrums für gesellschaftspolitische Strategien, meint, der 13. Januar sei ein Tag der Freiheit, er solle aber zugleich auch daran erinnern, dass Freiheit erkämpft und geschützt werden müsse.

Gorbatschows Rolle umstritten

Arvydas Anušauskas ist überzeugt, dass Michail Gorbatschow als damaligen Präsidenten der Sowjetunion viel zu verdanken ist. Er habe das Blutvergießen gestoppt. "Ich glaube, wegen der internationalen Öffentlichkeit wagte Gorbatschow nicht, der sowjetischen Armee den Einsatz großer Kräfte zu befehlen und das litauische Parlament zu besetzen. Als er erfuhr, was tatsächlich in Vilnius geschah, setzte er dem ein Ende", so der litauische Parlamentsabgeordnete Anušauskas.

Mahnmal für die Opfer der Unabhängigkeit Litauens (Foto: Helmut Heuse, dpa)

Monument für die Opfer der Unabhängigkeit neben dem Parlament, errichtet aus Betonblöcken, die das Gebäude zum Schutz vor einem Angriff sowjetischer Truppen umgeben hatten

Im Gegensatz zu ihm sieht Virginijus Savukynas Gorbatschows Rolle kritischer: "Es ist schwer vorstellbar, dass Gorbatschow nichts über das wusste, was in Vilnius in der Nacht auf den 13. Januar geschah. Seine Rolle bei diesen Ereignissen ist widersprüchlich. Es gelang ihm nicht, eine saubere Weste zu behalten, nach dem, was passiert war", betont Savukynas.

Eine andere Sicht vertritt Česlovas Laurinavičius vom Institut für litauische Geschichte. Er meint, es gebe keine direkten Beweise dafür, dass Gorbatschow die Erstürmung des Fernsehzentrums befohlen habe. "Die Situation war damals schwierig und Gorbatschows Einfluss auf die Ereignisse wird stark übertrieben", so Laurinavičius.

Staatsanwaltschaft ermittelt

Der litauischen Generalstaatsanwaltschaft zufolge kamen bei den tragischen Ereignissen, als sowjetische Militärs versucht hatten, das Fernsehzentrum in der litauischen Hauptstadt zu besetzen, insgesamt 14 Menschen ums Leben. Rund 700 seien verletzt worden, 3000 zu Schaden gekommen. "Nach Ermittlungen lag Tatverdacht gegen 79 Personen vor. 66 Bürgern der Russischen Föderation, der Ukraine und Weißrusslands werden Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit vorgeworfen. Ihre Fälle wurden zusammen mit der Anklageschrift den Richtern übergeben. Gegen zehn Verdächtige laufen noch Ermittlungen. Drei Tatverdächtige sind inzwischen verstorben", so Elena Martinonene, Sprecherin der litauischen Generalstaatsanwaltschaft.

Die meisten Angeklagten würden sich außerhalb Litauens aufhalten. Daher werde nach ihnen international gefahndet. "Am bereitwilligsten kooperierte die Ukraine. Die Behörden in Russland und Weißrussland haben die meisten unserer Anfragen ignoriert", erklärt Martinonene. Ihr zufolge soll am 27. Januar die erste Gerichtsverhandlung wegen der Erstürmung des Fernsehzentrums in Vilnius vor 25 Jahren beginnen.

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