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Amerika

200 Jahre Unabhängigkeit - Grund zum Feiern?

Am 25. Mai erinnert Argentinien an den Beginn der Revolution 1810, die schließlich am 9. Juli 1816 zur Unabhängigkeit führte. Aus diesem Anlass hat die argentinische Regierung jezt ein "Bicentenario-Haus" eingerichtet.

Avenida 9 de Julio in Buenos Aires, Foto: ap

Avenida 9 de Julio in Buenos Aires - der Unabhängigkeitstag

Zweihundert Jahre argentinischer Geschichte – dazu gehören auch die Reden Evitas, der berühmten Gattin von Präsident Juan Domingo Perón und Beschützerin der Armen. Zu hören ist ihre Stimme vom Band in der neuen "Casa del Bicentenario" in der Riobamba-Strasse im Zentrum von Buenos Aires. Das Kulturzentrum wurde jetzt von der argentinischen Regierung im Rahmen der Feierlichkeiten zur zweihundertjährigen Unabhängigkeit, dem "Bicentenario", eröffnet und hat seine Aktivitäten mit einer Ausstellung über die Geschichte der Frauen in den letzten zweihundert Jahren begonnen. "Traditionell wird die Geschichte von Männern erzählt, und in den Geschichtsbüchern sind fast alle Akteure Männer, sagt Liliana Piñeiro, Direktorin des Hauses: "Wir wollten in dieser Ausstellung deutlich machen, welche große Rolle die Frauen in unserer Historie gespielt haben."

Die 'Casa Bicentenario' in Buenos Aires, Quelle: Eglau

Die 'Casa Bicentenario' in Buenos Aires

Auf drei Stockwerken in der Casa del Bicentenario ist eine interessante und technisch anspruchsvolle Ausstellung zu sehen. Das Kulturzentrum wurde mit 300.000 Euro von der spanischen Regierung unterstützt und ist – so Direktorin Liliana Piñeiro – ein Ort für wechselnde Ausstellungen, die sich mit verschiedenen Aspekten der Geschichte Argentiniens befassen werden. Ergänzend dazu sollen Vorträge, Filmzyklen und andere Kulturveranstaltungen stattfinden. Liliana Piñeiro: "In diesem Haus wollen wir über unsere Geschichte und unsere Identität nachdenken – darüber, wer wir sind, und woher wir kommen. Dabei wollen wir die Gegenwart nicht ausklammern – im Gegenteil. Wir schauen in die Vergangenheit, aber sagen: es geht auch um heute, und um die Zukunft." Oft werde die Geschichte aus einer Zuschauer-Perspektive betrachtet, meint die Direktorin der Casa del Bicentenario. "Wir wollen erreichen, dass der Besucher dieses Hauses sich als Teil der Geschichte fühlt. Dass er merkt, dass er nicht Zuschauer ist, sondern Protagonist."


Der ewige Blick nach Europa?



Der argentinische Volksheld José de San Martín, Foto: ap

Was ist das Vermächtnis der 'Libertadores'?

Bereits in den ersten drei Tagen nach Eröffnung der Casa del Bicentenario riefen hundert Schulen an, um sich für Führungen durch die Ausstellung anzumelden. Liliana Piñeiro freut sich darüber. Die 200-Jahrs-Feiern sollen – meint sie – für alle Schulen, Universitäten und auch für diejenigen, die dem Datum bisher eher gleichgültig gegenüberstanden, ein Moment der Beschäftigung mit der eigenen Geschichte sein. "Ich glaube, dass wir das Unserige manchmal nicht würdigen, dass wir weiterhin – wie schon so lange – den Blick nach Europa richten." Sie glaube allerdings, sagt Piñeiro, dass in Lateinamerika langsam eine stärkere Besinnung auf sich selbst und den eigenen Kontinent stattfinde.

Es gibt auch kritische Stimmen zum Bicentenario. Die renommierte argentinische Historikerin Hilda Sábato von der Universität Buenos Aires ist enttäuscht davon, wie das Jubiläum in ihrem Land begangen wird. Sábato vermisst bisher eine ernsthafte, von der Regierung angestossene Debatte über die Mai-Revolution, ihre Bedeutung und ihre Folgen: "Es gibt viel Tamtam, aber wenig Substanz. Der Name "Bicentenario" muss für alles Mögliche herhalten: für den Fonds, mit dem die Regierung Schulden bezahlen wollte, für einen Schönheitswettbewerb, ein Fußballspiel oder ein Kulturzentrum." Weder die Nationalregierung noch die Regierung von Buenos Aires hätten eine Bicentenario-Agenda aufgestellt, kritisiert Hilda Sábato. Es fehle nicht nur eine Auseinandersetzung mit den letzten zweihundert Jahren, sondern die Politiker hätten es auch versäumt, anlässlich Jubiläums Vorschläge und Entwürfe für die Zukunft zu präsentieren.


Führung durch die 'Casa Bicentenario' in Buenos Aires, Foto: Eglau

Darf nicht fehlen: das Bild von 'Evita' Perón: Derzeit läuft in der 'Casa Bicentenario' eine Ausstellung über die wichtigsten Frauen in Argentiniens Geschichte.



Viel Lärm um nichts?

Die meisten Argentinier, stellt die Historikerin fest, stünden dem Jubiläum ziemlich gleichgültig gegenüber – kein Vergleich zur Euphorie beim "Centenario", der Hundertjahrfeier 1910. Damals war Argentinien ein aufstrebendes, wirtschaftlich florierendes Land. "Zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts blickten die Regierungen sehr optimistisch in die Zukunft. Sie glaubten, Argentinien würde in der ersten Liga der Welt spielen können. Daher herrschte eine gewisse Euphorie auch in der Bevölkerung – was nicht bedeutet, dass es keine Kritik gab." Heute gebe es in Argentinien wenig Euphorie, weil das Land schwere Krisen durchgemacht und viele Probleme habe. Hilda Sábato: "Schwerer noch als die materiellen Schwierigkeiten aber wiegt, dass klare Zukunftsprojekte fehlen!

Liliana Piñeiro, Direktorin der Casa Bicentenario

'Wir selbst machen Geschichte' - Direktorin Liliana Piñeiro

Was ist das wichtigste Vermächtnis der Revolutionäre von 1810, die den Weg zur Unabhängigkeit ebneten? Für die Historikerin Sábato ist die Antwort klar: die Republik. "Wir dürfen nicht vergessen, dass Amerika sich sehr früh für die Republik als Staatsform entschied. Als in ganz Europa noch Monarchien herrschten, wählte man hier republikanische Regierungsformen. Die Idee der Republik, und somit die Idee der Volkssouveränität, und der Gleichheit und Freiheit aller Bürger, kam praktisch mit der Revolution – und ist bis heute gültig.

Autorin: Victoria Eglau

Redaktion: Ina Rottscheidt

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