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Kultur

200 Jahre Naturkundemuseum in Berlin

30 Millionen Sammlungsobjekte und 6600 qm Ausstellungsfläche - das Berliner Museum für Naturkunde wartet mit Superlativen auf. Die Forscher und Besucher kommen aus aller Welt, denn hier gibt's einiges zu entdecken...

Fisch Scopelus Naturkundemuseum Berlin (Foto: Naturkundemuseum Berlin)

Der mächtige Glaskubus reicht bis unter die hohe Decke. 276.000 fest verschlossene Gläser unterschiedlichster Größe stehen auf seinen Regalböden - angefüllt mit Spinnen, Würmern, Krebsen, Schnecken, Fischen, Echsen und Fröschen, die zwischen 1770 und heute gesammelt wurden und in vergälltem, 70-prozentigem Alkohol konserviert werden.

Sammeln um zu forschen

Denn in Alkohol, erläutert Reinhold Leinfelder, der Generaldirektor des Museums, erhalten sich die Gewebe, erhält sich die DNA. Das sei besonders wichtig für die Forschung. Die komplette Alkoholsammlung, die eigentlich Nass-Sammlung heisst, kann man nun im neuen, wieder errichteten Ostflügel des Museums bestaunen. Erstmals wird sie den Besuchern zugänglich gemacht. "Wir wollen damit zeigen", sagt Reinhold Leinfelder, "dass diese Sammlungen für die Forschungen ganz wichtig sind."

Ein Besucher vor der sechs Meter hohen Vitrine der Nass-Sammlung (Foto: Robert Schlesinger dpa)

Ein Besucher vor der sechs Meter hohen Vitrine der Nass-Sammlung

Wichtig für die Forschung sind all diese Objekte, ganz unabhängig von ihrem Alter. Schließlich gibt es immer wieder neue Fragen. Niemand, der vor 200 Jahren Fische in Alkohol eingelegt hat, konnte beispielsweise ahnen, dass man mit ihnen einmal DNA-Untersuchungen machen würde.

Tradition und Moderne

Das Berliner Museum für Naturkunde ist seit einem guten Jahr Mitglied der Leibniz Gemeinschaft, regelmäßig arbeiten hier an die 100 Wissenschaftler aus aller Welt. Sie erforschen die Entwicklung der Erde und des Lebens, die Klimaveränderungen, die Zusammensetzung unseres Planeten und auch, wie dieses Wissen in die Gesellschaft getragen wird. Damit stehen sie in bester Tradition der gelehrten Brüder Wilhelm und Alexander von Humboldt, denen die Gründung des Naturkundemuseums vor 200 Jahren zu verdanken ist.

Objekte der Nass-Sammlung im Glas (Foto: Naturkundemuseum Berlin)

Natur im Glas - mit solchen Objekte arbeiten die Forscher

"Insbesondere Wilhelm von Humboldt", erinnert Reinhold Leinfelder, "hatte ja ein ganz modernes Konzept. Der war quasi der Gründer der Berliner Universität und sagte: Wir können Bildung nur über Forschung vermitteln! Und zur Forschung im Bereich der Naturwissenschaften benötigte er Sammlungen." Deshalb überzeugte er den preußischen König, dass der seine eigenen Sammlungen, eine Art Raritätenkabinett, abgab. Im Verbund mit Spezial- und Privatsammlungen bildeten sie den Grundstock des Museums.

Abenteurer und Pioniere

Davon, und wie es weiter ging, erzählt nun eine Ausstellung im Erdgeschoss des imposanten Gebäudeensembles in der Berliner Invalidenstraße. Dort ist das Naturkundemuseum seit 1889 untergebracht. Unerschrockene Forscher lernt man hier kennen, die zu fernen Erdteilen aufgebrochen sind und mitgebracht haben, was sich irgendwie konservieren ließ, alte Skizzenbücher von Präparatoren liegen aus, Erdproben, Käfer, Fische, Vögel, Panzerstücke gar von einem fossilen Gürteltier. Ein raumhohes Gestell ist dekoriert mit Antilopengehörnen und -fellen, den Trophäen von schießwütigen Großwildjägern aus den deutschen Kolonien in Afrika.

Der Sauriersaal mit dem Originalskelett des Brachiosaurus brancai (Foto: Naturkundemuseum Berlin)

Der Sauriersaal mit dem weltberühmten Originalskelett des Brachiosaurus brancai. Mit 23 Metern Länge und 12 Metern Höhe ist es das größte aufgestellte Skelett überhaupt.

Natürlich ist die Geschichte der Sammlungen verquickt mit den wechselnden politischen Verhältnissen, sagt Ferdinand Damaschun, der die Ausstellung verantwortet. In der Zeit der DDR beispielsweise waren auch die Reisemöglichkeiten der Wissenschaftler beschränkt. Sie konnten in die Mongolei, gelegentlich auch nach Kuba, aber das war es dann schon. "Das heißt, in dieser Zeit hat man sich eher darauf konzentriert, mit dem schon Vorhandenen etwas zu machen."

Aus aller Welt nach Berlin

Material für die Wissenschaftler gab es mehr als genug. Denn das Naturkundemuseum war infolge von Expeditionen, Schenkungen und Ankäufen längst zu einem überquellend reichen Archiv der Erd- und Lebensgeschichte geworden. Allein von der weltberühmten Tendaguru-Expedition ins heutige Tansania hatten Forscher zu Beginn des 20. Jahrhunderts 250 Tonnen versteinerte Saurierknochen mit nach Berlin gebracht. Die meisten dieser Schätze hatten den Zweiten Weltkrieg unbeschadet überstanden, nur der Ostflügel des Hauses mit den Sälen für Insekten und Säugetiere war 1945 von einer Bombe zerstört worden. Die verbliebenen Räume des Hauses hat man bis in die 1980er Jahre hinein renoviert und für die Öffentlichkeit neu gestaltet. Der Ostflügel aber wurde erst jetzt, 20 Jahre nach der Wende, rekonstruiert.

Der renovierte Ostflügel des Naturkundemuseums (Foto: Robert Schlesinger dpa)

Der renovierte Ostflügel des Naturkundemuseums

Man habe hier so ergänzt, sagt Museumsdirektor Leinfelder, "dass es auf den ersten Blick ein harmonisches Ganzes gibt, aber schon auf den zweiten Blick ganz klar ist, dass hier das, was kaputt war, nur eine Anmutung sein kann. Quasi ein Modell des vorhanden Gewesenen." Insofern seien die Architekten so vorgegangen wie die Paläontologen im Haus etwa bei der Rekonstruktion von Sauriern. Denn auch sie machen die Unterschiede zwischen Original und Nachbildung kenntlich. Mit dem Ostflügel und seinem spektakulär ausgestellten Inhalt, der Nass-Sammlung, ist das Naturkundemuseum nun sichtbar in jener Moderne angekommen, die hinter den Kulissen die Arbeit der im Hause tätigen und weltweit vernetzten Wissenschaftler längst prägt.

Autorin: Silke Bartlick
Redaktion: Petra Lambeck