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Kultur

200 Jahre "Goethes Farbenlehre "

1810 wurde Goethes Farbenlehre veröffentlicht, in der er die Bestandteile von Farben und ihre Wirkung auf den Menschen untersucht. In der Optikstadt Wetzlar erinnert man mit einem theatralischen Stadtspaziergang daran.

Goethe, Farbenkreis zur Symbolisierung des menschlichen Geistes- und Seelenlebens, 1809, Original: Freies Deutsches Hochstift - Frankfurter Goethe-Museum

In Wetzlar an der Lahn sollte der junge Wolfgang von Goethe nach dem Willen seines Vaters ein juristisches Praktikum am Reichskammergericht ablegen. 1772 war das. Doch statt sich der trockenen Jurisprudenz zu widmen, verlor er sein Herz an die bereits vergebene Charlotte Buff. Leidvolle Erfahrung und Inspiration für die zwei Jahre später erschienen "Leiden des jungen Werther". Seitdem versteht sich Wetzlar neben Frankfurt und Weimar als dritte deutsche Goethestadt.

Goethe mit seinen Wetzlarer Farbenwesen (Foto: Stadt Wetzlar)

Goethes "Farbenwesen"

In der idyllischen Altstadt von Wetzlar erinnern an diesen Tagen Laienschauspieler im historischen Lottehof, wo Goethe einst Charlotte traf, an ein anderes Werk des Dichterfürsten, das ihm fast noch mehr am Herzen lag als sein gesamtes literarisches Werk. Goethe hatte während eines Aufenthalts in Rom seine Liebe zu den Farben entdeckt. Er lebte damals unter Malern und hatte diese gefragt, wie die farbigen Schatten in ihren Gemälden entstünden. Da sie ihm die Antwort schuldig blieben, stellte Goethe eigene Nachforschungen an.

Das Resultat war die 1810 erstmals veröffentlichte Farbenlehre Goethes. "Es ist das Buch an dem er –ähnlich wie beim 'Faust'- viele Jahrzehnte gearbeitet hat. Es ist sein umfassendstes Werk, zu dem er persönlich die größte Bindung hatte und es ist ein fast ein ungelesenes Buch", erläutert Oliver Meyer-Ellendt, der in der Optikstadt Wetzlar dem interessierten Besucher die Goethesche Farbenlehre mit dem eigens inszenierten Theater-Stück "Farbenwesen" auf unterhaltsame Weise nahezubringen versteht.

Goethe versus Newton

Die Farbwesen ehren Goethe im Wetzlarer Lottehof (Foto: Stadt Wetzlar)

Die Farbwesen ehren Goethe

"Wir folgen Goethe und Figuren aus der Goethe-Zeit durch die Wetzlarer Altstadt und durch die Jahre, in denen sich Goethe mit dem Thema Farben beschäftigt hat."

Goethe hatte am 17. Mai 1798 durch ein geliehenes Prisma auf eine frisch gefärbte weiße Wand geblickt und erwartet, die weiße Wand in alle Regenbogenfarben aufgesplittert zu sehen. Diese kühne Annahme hatte er aus der damals akzeptierten Lehre des englischen Forschers Isaac Newton abgeleitet, wonach das Sonnenlicht in verschiedene Farbbestandteile zerlegt werden kann.

Goethe wäre nicht Goethe, wenn er nicht aus seinem kleinen Experiment den Irrtum des großen Newton abgeleitet hätte. Und so ruft er in jeder Vorstellung selbstbewusst den Zuschauern zu: "Und wie der Kerl sich irrte: Das reine weiße Licht soll alle Farben in sich bergen? Absolut töricht! Wie soll das gehen, wo doch jede Farbe für sich allein schon dunkler ist als weißes Licht." Goethe kam zu einer ganz anderen Anschauung über das Wesen der Farben als Newton, der im Stück ebenfalls leibhaftig in Erscheinung tritt. Farben entstanden für Goethe aus dem Zusammenwirken von Licht und Finsternis. Das ist in seiner Farbenlehre ausführlich dargelegt.

Farben und die menschliche Wahrnehmung

Ein anderer Teil der Goetheschen Farbenlehre bestand aus zwanglosen Beobachtungen darüber, wie die verschiedenen Farben auf den Menschen wirken. Goethe fasste beides als "sinnlich-sittliche Wirkung der Farbe" zusammen. Auch darin liegt ein bedeutender Unterschied zu Newton, der die Auffassung vertrat und ihr zu allgemeiner Geltung verhalf, dass derartige Qualitäten nur subjektiven Charakter haben. Goethes stellen dagegen den Menschen ins Zentrum der Betrachtungen. Und analog zu seinem berühmten Farbenkreis deklamieren die Darstellerinnen der bunten Farbenwesen im Lottehof frei nach Goethe: "Schaust Du an grauen Wintertagen eine Landschaft durch ein gelbes Glas an, wird dein Auge erfreut , dein Gemüt erheitert- betrachtet man die Welt im grünen Lichte wird dem Auge behaglich und es kommt zur Ruhe."

Optikstadt Wetzlar plant Ausstellung

Alte Lahnbrücke mit Dom und Altstadt, Wetzlar (Foto: picture alliance/ Bildagentur Huber)

Alte Lahnbrücke

Streng genommen sind weder Goethes noch Newtons Vorstellungen heute noch haltbar. Nach den Erkenntnissen der Quantenphysik besteht das Licht nicht aus Teilchen, sondern es ist etwas Einheitliches, Ganzheitliches. Die Optikstadt Wetzlar, in der sich seitdem 19. Jahrhundert große deutsche Optik- Betriebe wie Leitz oder Hensoldt ansiedelten, will die historische Farbenlehre und ihre Kontroversen im Jubiläumsjahr 2010 dokumentieren und wird im November mit einer eigenen Ausstellung "Iris und die Erfindung der Farben" seltene Exponate zum Themenkomplex zusammenstellen. "Es werden viele historische Druckwerke und Bücher zu sehen sein. Sogenannte Färbebücher, in denen die chemischen, natürlichen Zusammensetzungen und Mischungsverhältnisse von Farben beschrieben werden oder Farbatlanten, bzw. Farbnomenklaturen, wo Farben aufgelistet sind.", erläutert Dr. Anja Eichler, Kuratorin der Ausstellung das Konzept.

Bis Ende August wird Goethes Farbenlehre in Wetzlar noch durch "Farbenwesen" sehr amüsant erlebbar gemacht. Geführte Stadtrundgänge müssen nicht langweilig sein. Die Goethestadt Wetzlar ist auf jeden Fall um eine weitere Attraktion reicher.

Autor: Daniel Scheschkewitz

Redaktion: Conny Paul

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