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Welt

20 Prozent mehr Asylanträge

2011 war ein dramatisches Jahr: Arabischer Frühling, Hungersnot in Afrika, Gewalt in zahlreichen Ländern. Viele Menschen mussten fliehen - die Zahl der Asylanträge in den Industrienationen ist gestiegen.

Es ist die Ruhe nach dem Sturm. Das Meer schwappt seelenruhig ans Ufer. Handwerker richten die Stadt für die kommende Urlaubssaison her. Fischer fahren zur See. Während des Winters verschwand Lampedusa fast vom Aufmerksamkeits-Radar. Die Insel - idyllisch gelegen zwischen Sizilien und Tunesien - konnte nach dem Aufruhr des vergangenen Sommers wieder kurz durchatmen: Monatelang wurde Lampedusa regelrecht überflutet von afrikanischen Flüchtlingen, von Menschen auf der Suche nach einem besseren Leben. Es kam zu Aufständen; im September brannte dann das Auffanglager nieder.

Der aktuellen Statistik des Flüchtlingshilfswerks der Vereinten Nationen (UNHCR) zufolge sahen sich Italien und Malta im vergangenen Jahr mit überdurchschnittlich mehr Asylbewerbern konfrontiert als 2010. Auch in der Türkei beantragten laut UNHCR erheblich mehr Menschen Asyl, vor allem Flüchtlinge aus dem Irak, aber auch aus Syrien.

Folgen eines dramatischen Jahres

Syrische Flüchtlinge laufen eine Sandstraße im Flüchtlingslager Reyhanli in der Türkei entlang (Foto: REUTERS/Jonathon Burch)

Viele Syrer haben in der Türkei Zuflucht gesucht

Die Statistik ist ein Spiegelbild der Krisen der Welt, vom Arabischen Frühling über den Bürgerkrieg in Syrien bis hin zu blutigen Machtkämpfen in Afrika: Im vergangenen Jahr haben insgesamt 441.300 Menschen Asyl in den Industrienationen beantragt - rund 20 Prozent mehr als im Vorjahr. So heißt es im aktuellen UNHCR-Bericht. Der erfasst die Asylbewerberzahlen in 44 Ländern in Europa, Nordamerika, Ozeanien und Nord-Ost-Asien.

"Die hohe Zahl der Asylanträge zeigt deutlich, dass 2011 ein Jahr großer Schwierigkeiten für sehr viele Menschen war", sagt der UN-Flüchtlingskommissar Antonio Guterres. Noch 2010 war die Asylbewerberzahl im Vergleich zu den Vorjahren weiter gefallen; lag auf dem viertniedrigsten Stand der vergangenen zehn Jahre. Jetzt also wieder ein Anstieg.

"Die Situation ist dramatisch, nicht die Zahl", sagt Karl Kopp, Europareferent von Pro Asyl, im Gespräch mit der DW. "2011 war das dramatischste Jahr der Geschichte der europäischen Flüchtlingspolitik, mit den meisten Toten - mehr als 2000 Menschen, die auf dem Weg von Libyen oder Tunesien nie lebend in Italien angekommen sind."

Flucht von Land zu Land

Besonders stark angestiegen ist die Zahl der Asylbewerber aus der Elfenbeinküste, Libyen und Syrien - alles Länder, die zu Schauplätzen blutiger Konflikte geworden sind. Doch auch die Lage in Afghanistan, China und dem Irak treibt weiterhin Menschen aus ihrer Heimat: Wie schon in den Jahren zuvor kamen die meisten Asylbewerber 2011 aus diesen Ländern.

Flüchtlinge stehen hinter dem Zaun eines Auffanglagers in Kyprinos, Griechenland (Foto: Nikos Arvanitidis / epa dpa)

Ende einer Odyssee? Flüchtlinge in einem griechischen Auffanglager

Oft ist es eine Odyssee: So flohen zahlreiche Iraker vor der Gewalt in ihrem Land nach Syrien, nur um vom Bürgerkrieg dort weiter in andere Länder getrieben zu werden. Ähnlich sieht es bei afghanischen Flüchtlingen aus, sagt Karl Kopp: "Von Seiten der Hauptaufnahmeländer - Iran und Pakistan - gibt es einen sehr starken Rückkehrdruck. Und der führt auch dazu, dass Menschen sukzessive versuchen, in anderen Ländern Asyl zu finden."

Die europäischen Staaten gehörten im vergangenen Jahr zu den Regionen, die mit insgesamt 327.200 Anträgen die meisten Asylbewerber verzeichnen - auch wenn die USA im Vergleich der Länder mit 99.400 Anträgen nach wie vor an der Spitze liegen. In Deutschland haben vergangenes Jahr 45.741 Menschen einen Erstantrag auf Asyl gestellt. Auch hier zeichnen die Herkunftsländer die internationalen Krisen nach: "Die größten Veränderungen mit Tendenz nach oben haben wir bei Afghanistan, Iran, Syrien und Pakistan", so Rochsana Soraya vom Bundesamt für Migration.

Flucht wird länger, teurer, gefährlicher

Überraschend sind die Statistiken aus Japan und Südkorea: 77 Prozent mehr Erstanträge wurden hier gestellt als noch 2010. Das klingt viel, auch wenn es de facto "nur" 2.900 Asylbewerber sind. Die Flüchtlinge suchten nach Alternativen, meint Asyl-Experte Kopp: "Auch in Südamerika gibt es mehr Asylgesuche. Vielleicht ist das eben auch ein Indikator dafür, dass die Wege immer länger, immer teurer und immer gefährlicher werden für Schutzsuchende." Abwehrmechanismen von Staaten wie Australien oder auch europäischen Ländern sowie eine hartherzige Politik würden die Menschen dazu treiben.

Auch in diesem Jahr werden Prognosen zufolge viele weitere Menschen eben diese gefährlichen Wege auf sich nehmen. Über Lampedusa braut sich jetzt schon der nächste Sturm zusammen: Inzwischen kommen wieder die ersten Flüchtlinge in ihren Booten dort an. In Nussschalen, oft geradeso seetauglich, sind sie über das Mittelmeer getrieben. Wer die Gefahren dieser Überfahrt auf sich nimmt, hat nur wenig zu verlieren. Im März erreichten bereits mehrere hundert Menschen Lampedusa. Mindestens fünf waren jedoch während der Überfahrt gestorben.

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