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Musik

1live Krone für Pussy Riot

Mit der Verleihung des renommiertesten deutschen Radiopreises an die russischen Protestaktivistinnen würdigt der Sender vor allem deren Mut. Zwei Mitglieder des Kollektivs werden zur Preisübergabe erwartet.

Um es gleich vorab festzuhalten: Die Mädels von Pussy Riot sind keine Musikerinnen, auch wenn sie sich im öffentlichen Bewusstsein als Punk-Rockerinnen verankert haben. Pussy Riot ist eins von vielen Projekten der Künstler-Aktionsgruppe "Woina", die zahlreiche, auch männliche Mitglieder zählt und schon seit Jahren einen verzweifelten Guerilla-Kampf gegen das Putin-Regime führt. Anfang 2012 hatte Pussy Riot nach eigener Schätzung dreizehn feste Mitglieder und Dutzende von Helfern. Die Auftritte der Gruppe Ende 2011/ Anfang 2012 stießen auf große gesellschaftliche Resonanz. Die musikalische Qualität der Songs spielte dabei keine große Rolle.

Ein Musikpreis für Bürgermut

Mit dem Sonderpreis zeichnet der WDR-Jugendsender 1LIVE auch nicht die wenigen Songs aus, die von der Gruppe in ihrer kurzen Geschichte geschrieben wurden. "Wir haben die 1LIVE Krone auch in der Vergangenheit schon an Künstler vergeben, die keine Musiker waren", betonte 1live-Programmchef Jochen Rausch im DW-Interview. "Die russische Band hat mit ihrer Aktion weltweit Aufsehen erregt. Uns erschien es eine Auszeichnung wert, weil Pop auch die Funktion hat, eine große Öffentlichkeit herzustellen."

Teilnehmer der Demonstration in St.-Petersburg fordern die Freilassung der Frauen aus der Pop-Gruppe Pussy Riot Foto: DW/Vladidmir Izotov

In St. Petersburg fordern Demonstranten die Freilassung von Pussy Riot

Die Auszeichnung ist eine Geste der Solidarität mit den inhaftierten Künstlerinnen. "Das Urteil gegen Pussy Riot ist unverhältnismäßig hart und steht, wie auch unsere Bundeskanzlerin meinte, nicht im Einklang mit den europäischen Vorstellungen von Rechtstaatlichkeit und Demokratie", unterstrich Jochen Rausch. "Das Gespräch darüber kann man aber nur am Laufen halten, indem man auch eine Öffentlichkeit schafft."

Bei der Verleihung der 1LIVE Krone, die am Abend des 6. Dezember in Bochum stattfindet, werden zwei Frauen von Pussy Riot erwartet, deren Namen aus Sicherheitsgründen nicht genannt werden können.

Russische Protestbewegung

Das Künstler-Kollektiv Pussy Riot - was auf Deutsch so viel wie "Muschi-Krawall" bedeutet - bildete sich im Herbst 2011, als Vladimir Putin sich bereit erklärte, nach einer Pause als Ministerpräsident wieder für das Präsidentenamt zu kandidieren. Alle Band-Mitglieder waren schon früher in der Protestbewegung und in der Kunstszene in der Umgebung der Gruppe Woina (Der Krieg) aktiv gewesen. Auf Woinas Konto sind zahlreiche provokante Aktionen zu verbuchen. Etwa ein 17 Meter hoher erigierter Phallus, der im Eiltempo auf die Petersburger Schloss-Ziehbrücke gemalt wurde, als diese gerade aufging. Das überdimensionale Organ erhob sich genau vor dem Gebäude des russischen Geheimdienstes.

In leichten Sommerkleidern und bunten Strümpfen betanzten die maskierten Frauen von Pussy Riot öffentliche Plätze in Moskau wie etwa die historische Hinrichtungsstätte auf dem Roten Platz und forderten in Songs wie "Befreit das Kopfsteinpflaster" oder "Nieder mit dem Knast, Freiheit dem Protest" einen "Tahrir-Platz" in Moskau, freie Wahlen und vor allem den Rücktritt des Präsidenten Putin. Letzterer gilt für die feministischen Punk-Rockerinnen als Symbol des russischen Machismo.

"Gottesmutter, erlöse uns von Putin!"

Am 21. Februar 2012 versuchten die Frauen, Bildmaterial für ihr neues Video in der Erlöser- Kathedrale in Moskau zu drehen. Dafür sprangen mehrere Teilnehmerinnen der Gruppe auf die Stufen des Altars, während andere sie dabei filmten. Insgesamt dauerte die Aktion 41 Sekunden.

Die Protestaktion in der Moskauer Erlöserkathedrale. (Photo ITAR-TASS/ Mitya Aleshkovsky)

Die Protestaktion in der Moskauer Erlöserkathedrale brachte Pussy Riot hinter Gitter

Das gedrehte Material wurde später für das auf YouTube veröffentlichte Video "Gottesmutter, erlöse uns von Putin!" verwendet. In dem dazugehörigen Song, der später im Studio aufgenommen wurde, thematisieren die Künstlerinnen den engen Schulterschluss zwischen dem Kreml und der russischen orthodoxen Kirche: "Der Patriarch glaubt an Putin. Er hätte lieber an den Gott glauben müssen, der Schweinehund", heißt es da. Im Refrain, mit typischen Punk-Rock-Akkorden unterlegt, skandieren die Sängerinnen das Wort "Gottesdreck".

Eine harte Strafe und ein Preisregen

Anfang März 2012 wurden drei der Pussy-Riot-Frauen festgenommen und im Rahmen einer Gerichtsverhandlung, bei der Amnesty International und andere Beobachter charakteristische Züge eines Schauprozesses feststellten, zu je zwei Jahren Strafkolonie verurteilt. Die Anklage lautete: "Rowdytum aus religiösem Hass". Bei einer der Frauen, Jekaterina Samuzewitsch, wurde die Strafe zur Bewährung ausgesetzt. Nadeschda Tolokonnikowa und Marija Aljochina, die Studentinnen der Moskauer Universität und Mütter kleiner Kinder sind, sitzen ihre Strafen in Arbeitslagern ab. Es gibt Informationen, dass die jungen Frauen dort Schikanen der Mitinhaftierten ausgesetzt sind.

Madonna auf der Bühne (Photo by Jeff Fusco/Getty Images)

Madonna erklärt sich solidarisch mit Pussy Riot

In einer solchen Situation sind Solidaritätsbekundungen aus dem Ausland nicht zu unterschätzen, auch wenn sie nicht unmittelbar etwas bewirken können. Neben der 1LIVE-Krone sind Pussy Riot auch für weitere Preise im Gespräch: etwa den Luther-Preis der Stadt Wittenberg oder den Sacharow-Preis für Menschenrechte des Europaparlaments. Auch für den Kandinsky-Preis, den renommiertesten der russischen Kunstpreise, war die Gruppe nominiert.

Popstar Madonna hat bei ihrem Auftritt in Moskau ihre Solidarität mit der Gruppe von der Bühne aus bekundet; und auch Max Herre, Peter Gabriel und zahlreiche weitere Künstler protestierten gegen die harte Strafe.