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Kultur

1989: Der Mauerfall und die Medien

"Ein wunderschöner Wahnsinn" und "Endlich kann Tante Mia kommen" titelten die Zeitungen. Auch das Ausland gratuliert und ist überwältigt, zeigt aber auch Skepsis: Was wird aus Deutschland?

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9.November 1989: Deutschlands schönster Tag

Die Nacht des 9. November 1989 wird zu einem der schönsten Momente der deutschen Geschichte. Das Wochenende danach ist für Ost und West "das Wochenende des Wiedersehens". Nicht nur die Menschen, auch die deutschen Medien sind nach den Tagen des Mauerfalls im Freudentaumel - eine Schlagzeile jagt die andere. Ein Blick in die Zeitungen von damals zeigt noch einmal, was damals auf den Straßen der Republik los war: Ein Land, ein Volk in überschwänglicher Partylaune.

Deutschland Mauerfall Grenzöffnung Berlin Ostberliner in Westberlin

Auch die Zeitungen sind im Freudentaumel

Die deutsche Presse am Wochenende nach Mauerfall

+++ Seit dem frühen Morgen kamen über hunderttausend zu uns +++ Ladenschluss wird heute außer Kraft gesetzt +++ Menschenmenge reißt Mauer ein +++ Besucherandrang führt zu Verkehrsinfarkt (Tagesspiegel, 11. November 1989)

+++ In dieser Nacht war das deutsche Volk das glücklichste der Welt +++ Eine Flut befreiter Menschen +++ Brandt: Berlin wird leben, und die Mauer wird fallen (Süddeutsche Zeitung, 11. November 1989)

+++ Abschied von der Insel – Berlin sieht Land +++ Helmstedt: Ein Betriebsausflug nach drüben +++ Das Volksfest auf der Mauer (taz, 11. November 1989)

+++ Mauer und Stacheldraht trennen nicht mehr +++ Zehntausende strömen in den Westen +++ Auf den Straßen im Westen fahren die Trabis Parade +++ Einfach mal losgehen und gucken, wie der Ku'damm wirklich aussieht (FAZ, 11. November 1989)

Die internationale Presse am Wochenende nach Mauerfall

Die internationale Presse gratuliert, ist aber auch reflektiert und denkt schon einen Schritt weiter. Was passiert mit dem Land im Herzen Europas mit nun rund 80 Millionen Einwohnern? Welche Macht wird es in Zukunft haben? Wird Deutschland wieder zur Gefahr und wie reagiert überhaupt die Sowjetunion auf den Fall der Berliner Mauer?

+++ East German party offers free elections +++ Communism ends here +++ Enthusiasm in Washington, but concern as well +++ Redefining Europe +++ New turning point reached in Europe's history +++ The Kremlin reacts calmly, but says border must stay +++ Disgust with the West is reported, but Beijing ignores the Wall's End +++ Parts of the Wall are taken down, Soviets warn against reunification +++ West Europe hails opening but warns on rapid changes +++ Europe: Dramatic Events bring uncertainty for EC +++

Angst vor einem "Fourth Reich"

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"In dieser Nacht war das deutsche Volk das glücklichste der Welt"

Die Einigung Westeuropas müsse vorangetrieben werden, schreiben die internationalen Zeitungen. Die Priorität läge nun darin, eine wirklich demokratische Entwicklung in der DDR einzuleiten, erklärte auch die "Eiserne Lady" und damalige Premierministerin Großbritanniens, Margaret Thatcher. "Es gab die Angst, dass Deutschland sich vom Westen abwendet und mit der Sowjetunion einen Sonderweg einschlägt", erklärt Historiker Hans-Hermann Hertle vom Zentralinstitut für Zeithistorische Forschung in Potsdam. Plötzlich war das schreckliche Wort vom "Fourth Reich", dem "Vierten Reich" in der Welt. Ein Kolumnist der britischen Times hatte es als erster in die Diskussion geworfen. Thatcher ging die Wiedervereinigung damals zu schnell: "Man muss Schritt für Schritt vorgehen."

Die feiernden Menschen auf der Mauer haben die Welt bewegt

Briten, Franzosen und Amerikaner stellten sich Fragen nach der Zukunft und äußerten Bedenken, aber sie waren natürlich auch wie der Rest der Welt überwältigt: "Es ist ein historischer Tag, auf den die Berliner und die Deutschen seit 1961 gewartet haben", schreibt die Times. "Von jetzt an können sich die Deutschen frei von Ost nach West bewegen", titelte die französische Le Monde.

Auch den Bildern im Fernsehen konnte sich niemand entziehen, erklärt Hertle, der sich als Historiker mit dem Fall der Mauer als mediales Ereignis beschäftigt hat. "Die feiernden Menschen auf der Mauer und am Brandenburger Tor haben die Menschen bewegt und diese Bilder sind um die Welt gegangen."

Der Mauerfall - eine selbsterfüllende Prophezeihung der Medien

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Günter Schabowski bei der historischen Pressekonferenz in Ostberlin

In der historischen Nacht hatten die Zeitungen schon längst Redaktionsschluss. "Das Medium des Mauerfalls war eigentlich das Fernsehen", erklärt Hertle. "Eine von den Medien verbreitete Fiktion mobilisierte die Massen und wurde dadurch zur Realität." So führte die Berichterstattung im Fernsehen in der Nacht des 9. November also erst zum Fall der Mauer. Soziologen würden hier von selbst erfüllender Prophezeiung sprechen.

Die entscheidende Pressekonferenz von SED-Politbüromitglied Günter Schabowski in Ost-Berlin wurde im Radio und Fernsehen der DDR live übertragen. Um 18:53 stellte der italienische Journalist Riccardo Ehrman die entscheidende Frage nach dem neuen Reisegesetz für die Bürger der DDR. Günter Schabowski kramte daraufhin einen Zettel hervor, den ihm die Parteileitung der SED zuvor zugesteckt hatte. Danach sollte jeder Bürger der DDR ausreisen können. Auf die Frage, wann das in Kraft trete, kratzte sich Schabowski am Kopf und überflog das Papier: "Nach meiner Kenntnis ist das sofort, unverzüglich."

Erste Agenturmeldungen +++ DDR öffnet Grenze +++

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Trabi am Grenzübergang Bornholmer Straße in Berlin

Wenige Minuten später rollte die Lawine los: "Ausreise über alle DDR-Grenzübergänge ab sofort möglich", schrieb Reuters unmittelbar nach der Pressekonferenz. Die amerikanische Nachrichtenagentur Associated Press (AP) meldete bereits um 19.05 Uhr: "DDR öffnet Grenze". Die Deutsche Presseagentur (DPA) ging um 19.41 Uhr noch einen Schritt weiter: "Völlig überraschend machte SED-Politbüromitglied Schabowski die sensationelle Mitteilung: Die DDR-Grenze zur Bundesrepublik und nach West-Berlin ist offen."

Fernsehmoderator Hanns Joachim Friedrichs verlas um 22.42 Uhr in den ARD-Tagesthemen: "Die DDR hat mitgeteilt, dass ihre Grenzen ab sofort für jedermann geöffnet sind, die Tore in der Mauer stehen weit offen." Seine Aussage eilte damit den Ereignissen voraus, denn zu diesem Zeitpunkt herrschte an den Grenzübergängen noch absolute Ruhe. "West-Fernsehen konnten auch die DDR-Bürger empfangen und sehen, auch wenn es verboten war. Und dann entwickelte sich eine Eigendynamik, die dann zu dieser historischen Nacht führte", erklärt Hertle. Und dass bald etwas über sie herein rollen würde, hatten auch einige DDR-Grenzsoldaten im Gefühl: Sie öffneten die Tore und meldeten an die Zentrale: "Wir fluten jetzt."

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