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Kultur

1984 im Jahre 2003

Vor hundert Jahren, am 25. Juni 1903, wurde der Schriftsteller George Orwell geboren. In seinem Roman "1984" entwarf er die Vision der totalen staatlichen Kontrolle. Die Realität hat Orwells Idee inzwischen eingeholt.

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Das hätte sich George Orwell wohl nicht träumen lassen

Ende der 1940er Jahre quält George Orwell (1903 bis 1950) die Vision von der totalen Durchleuchtung des Menschen. In seinem Roman "1984" beschreibt der Autor, der vor hundert Jahren, am 25. Juni 2003, geboren wurde, den Superstaat Ozeanien. Geführt wird er vom Großen Bruder, und der sieht alles: "Big brother is watching you!" In jedem Raum sind Bildschirme angebracht, durch die die Behörden nach Belieben alles mit ansehen, jedes Wort mithören können. Der junge Beamte Winston Smith versucht jedoch dem zu entkommen.

Computer Überwachung

Computerüberwachung

Anfangs sucht er sich in seiner Wohnung einen Winkel, in dem er sich unbeobachtet fühlt. Durch eine Gehirnwäsche treibt der Staat ihm seine Freiheitsliebe schließlich aus, am Ende liebt er den Großen Bruder regelrecht. Dabei sind die Überwachungsmechanismen, mit denen die "Gedankenpolizei" im Roman arbeitet, Ende der 1940er Jahre noch Fiktion. Mikrophone und Videokameras gab es zwar, doch waren die noch viel zu groß, um sie unauffällig irgendwo zu verstecken. Inzwischen hat die Realität Orwell eingeholt.

Telefonüberwachung immer beliebter

Seit ein paar Jahren darf die Polizei in Deutschland sogar ganz offiziell Verdächtige in der Wohnung abhören, erklärt der Dresdner Staatsanwalt Lorenz Haase: "Es wird in Deutschland praktiziert, allerdings ausgesprochen selten, weil doch die Umsetzung einer solchen Maßnahme mit erheblichen Problemen behaftet ist. Man darf sich das nicht so vorstellen wie bei James Bond, dass man mal so eben mit einer Scheckkarte eine Tür aufbricht, kurz eine Wanze unter die Lampe steckt und wochenlang übertragen kann."

Viel beliebter als das Belauschen von Wohnungen ist deshalb die Telefonüberwachung. Dank moderner Technik müssen die Polizeibeamten dafür nicht einmal mehr das Büro verlassen. Per Standleitung werden die angezapften Telefonanschlüsse einfach ins Polizeipräsidium umgeleitet. Doch anders als bei Orwell darf in Deutschland nicht einfach jedes Gespräch mitgehört werden: In jedem Einzelfall ist ein richterlicher Beschluss nötig. Trotzdem wird in Deutschland zu viel mitgehört.

Personenprofil und Gedankenpolizei

Seit Mitte der 1990er Jahre habe sich die Zahl der mitgehörten Gespräche fast verfünffacht. Das ist unverhältnismäßig, meint der sächsische Datenschutzbeauftragte Thomas Giesen: "Es werden Anschlüsse abgehört mit Tausenden Gesprächen, obwohl man nach der Nadel im Heuhaufen sucht."

Dabei bietet die moderne Technik inzwischen Möglichkeiten, die sich selbst Orwell nicht erträumt hat. Denn per Computer erstellen Behörden seit den Terroranschlägen vom 11. September 2001 Personenprofile, um mögliche Terroristen zu finden, bevor die überhaupt etwas getan haben. In Amerika müssen mittlerweile selbst Büchereien Ausleihdaten an die Ermittler weiterleiten. Die Gedankenpolizei wie in Orwells Roman sei da nicht mehr weit, warnen amerikanische Bürgerrechtsgruppen.

"Der Kampf rechtfertigt alle Mittel"

Im Roman schluckt das Volk die Überwachung vor allem aus Angst. Zu diesem Zweck erklärt der Propagandaapparat bei Orwell den Anführer einer Untergrundgruppe, Emmanuel Goldstein, zum Feind des Volkes. Jeden Tag hämmert die Propaganda den Menschen ein, wie gefährlich der Feind ist. Der Kampf gegen ihn rechtfertigt so alle Mittel, erinnert Literaturwissenschaftler Schenkel - und das sei auch heute noch der Fall:

"Uns wird Angst gemacht durch Berichte, durch Medien, durch Terrorismus. Die Angst ist teilweise begründet. Teilweise wird sie ausgenutzt für andere Zwecke, das da ein Selbstläufer entsteht, eine Autonomie eines überwachten Systems. Solange die Regierung zurechnungsfähig ist, mag das in Ordnung sein. Aber mit einer anderen Regierung kann sich das dann als böse erweisen", sagt Schenkel.

Von Orwells Überwachungsstaat sei Deutschland zwar noch weit entfernt, meint der Literaturwissenschaftler. Trotzdem müsse man wachsam bleiben, damit die Realität Orwell nicht bald einholt. Selbst wenn man gegen Terroristen kämpft.

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