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Schauspieler im Gespräch

1974: Interview mit Helen Vita

"In französisch sind sie noch viel, viel schlimmer" - Helen Vita über ihre "Frechen Chansons"

Helen Vita am Berliner Theater (1972)

Helen Vita am "Berliner Theater" (1972)

Sie wirkte in weit über sieben Dutzend Filmen mit und übernahm zahlreiche Rollen an verschiedenen Theaterbühnen. Doch vor allem beim Kabarett und als Chansoninterpretin wirbelte sie das deutsche Publikum auf. Helen Vita konnte auf eine beachtliche Liste von Erfolgen zurück blicken, die sie noch kurz vor ihrem Tod fortsetzte.

Bertolt Brechts Rat

Das Licht der Welt erblickte Helen Vita am 7.8.1928 im bayerischen Hohenschwangau. Mit elf Jahren kam sie nach Genf, da ihre Familie aus Deutschland ausgewiesen wurde. Dort absolvierte sie auch 1945 das Conservatoire De Musique de Genéve. Und bereits ein Jahr danach startete sie eine Karriere, die sowohl reich an Film- wie auch Theaterrollen werden sollte. Denn 1946 erhielt sie ihr erstes Theaterengagement in Paris. Dort flatterte ihr bald ihre erste Filmrolle ins Haus: in dem französischen Drama "Torrents" von Serge de Poligny bekam sie eine der Hauptrollen: die der Lena. Ihr weiterer Weg führte sie zunächst auf die Theaterbühne in Zürich. Dort stand sie an der Seite von Hans Albers in dem Stück "Liliom" von Ferenc Molnár. Ebenfalls an dieser Bühne machte sie eine Bekanntschaft, die für ihre weitere Karriere von entscheidender Bedeutung sein sollte. Zu dieser Zeit wurde dort das Stück "Herr Puntila und sein Knecht Matti" von Bertolt Brecht inszeniert, und Helen Vita übernahm dort die Rolle der Eva, der Tochter des finnischen Grundbesitzers Puntila. Und es war eben Bertolt Brecht, der ihr komisches Talent erkannte und ihr den Rat gab, es auch beim Kabarett zu versuchen. Beim Züricher "Cabaret Fédéral" machte sie ihre ersten Schritte auf einer Kabarettbühne, und es sollte sich im Laufe der Jahre bestätigen, dass Brecht mit seiner Menschenkenntnis richtig lag.

Schlagerschnulzen, Komödien und Dramen

Inzwischen war Helen Vita auch beim Film angekommen und nun stand sie in den 50er-Jahren vor allem vor der Kamera. Bereits 1954 wirkte sie in einem Film mit, der sich als großer Publikumserfolg und Kassenschlager erwies: der Film "08/15", der auf dem gleichnamigen Bestseller von Hans Hellmut Kirst basierte. Unzählige weitere Filme folgten, wobei die Schauspielerin mehrere Streifen pro Jahr zu drehen vermochte. Es waren vorwiegend die Schlagerfilme und Komödien der 50er und 60er-Jahre, die ihre Popularität steigerten. An der Seite von Caterina Valente, Sonja Ziemann, Vico Torriani oder auch Willy Millowitsch prägte sie sich dem deutschen Publikum ins Gedächtnis. Doch sie stellte ihr schauspielerisches Können auch in einigen Dramen unter Beweis. So etwa in dem Schweizer Streifen "Bäckerei Zürrer" oder auch in dem Drama "Heimatlos" von Herbert Bruno Fredersdorf. Insgesamt wirkte sie in diesen Jahren in weit über drei Dutzend Filmen mit. Daneben spielte sie auch Theater. Und eben die 60er-Jahre, schon in Berlin, wurden für Helen Vita auch zu einer besonderen Phase in ihrer Karriere.

"Die Freche"

Helen Vita mit Karlheinz Boehm in dem Stück The Seven Descent of Myrtle (1971)

Helen Vita mit Karlheinz Böhm in dem Stück "The Seven Descents of Myrtle" (1971)

1963 erschien auf dem deutschen Markt eine Schallplatte, die für Aufsehen sorgte: "Freche Chansons aus dem alten Frankreich". Auf dieser Schalplatte sang Helen Vita Lieder mit alten französischen Texten, die ins Deutsche übersetzt wurden. Ihr erotischer Inhalt schreckte das prüde Deutschland der damaligen Zeit auf. Ein Jahr später brachte sie die nächste Schallplatte heraus: "Noch frecheren Chansons". "Der Spiegel" vom 13.1.65 berichtete in diesem Zusammenhang: "Die 'Frechen Chansons aus dem alten Frankreich' dürfen deutsche Schallplatten-Spieler hören, die 'Noch frecheren Chansons' hingegen verbot ihnen das Frankfurter Amtsgericht.“ Nach Überzeugung des Gerichts beinhaltete diese Platte "überwiegend unzüchtige Darstellungen", wie der gleiche "Spiegel" berichtete. Doch das Verbot kam etwas verspätet, denn knapp 30.000 Exemplare wanderten bereits über die Ladentheke. Jedoch Helen Vita gab nicht auf. Nach einem Jahr kam die dritte "Provokation": die nächste Platte trug den Titel "Die allerfrechsten Chansons aus dem alten Frankreich". Diesmal war es das nordrhein-westfälische Arbeits- und Sozialministerium, das die Platte auf den Index setzte. Mehrere Prozesse folgten, die sich jahrelang hinzogen. Noch in ihrer Ausgabe vom 18.10.72 bezeichnete die "Kölnische Rundschau" Helen Vita als "das schwarze Schaf unter den deutschsprachigen Chansonetten".

Gingen gemeinsam auf Tournee: Helen Vita und Evelyn Künneke (2000)

Gingen gemeinsam auf Tournee: Helen Vita (re.) und Evelyn Künneke (2000)

Singende Schauspielerin

Zugleich vernachlässigte Helen Vita ihre schauspielerische Karriere keineswegs. Es entstanden weitere zahlreiche Filme mit ihrer Beteiligung, wobei sie unter anderem mit Rainer Werner Fassbinder bei den Filmen "Lili Marleen", "Berlin Alexanderplatz" oder auch "Satansbraten" zusammenarbeitete. Im Laufe der Jahre kam sie auf eine Filmographie von weit über sieben Dutzend Streifen fürs Kino und Fernsehen. Einen großen Erfolg bei ihrem Publikum konnte Helen Vita mit ihren Soloabenden verbuchen, bei denen sie Texte und Lieder von Kurt Tucholsky, Erich Kästner, Bertolt Brecht, Kurt Weil und Friedrich Hollaender auf ihre eigene Weise interpretierte. Noch im Jahre 1998 stellte sie ihr Programm "Die Alte singt ja immer noch!" vor. Unvergessen bleiben dem deutschen Publikum ihre Tourneen mit Evelyn Künneke und Brigitte Mira, die unter dem Titel "Drei alte Schachteln in der Bar" große erfolge feierten. Ausgezeichnet mit dem Ehrenpreis des Deutschen Kleinkunstpreises und dem Preis der deutschen Schallplattenkritik starb Helen Vita am 16.2.01 in Berlin. Die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" schreib in ihrem Nachruf am 19.2.01 unter anderem: "Füllig geworden, das Gesicht eine stolz präsentierte Landschaft, besang sie Babel, Bibel, Bebel und – das eine."

Im Januar 1974 blickte DW-Mitarbeiterin Ellen Gödde gemeinsam mit Helen Vita auf ihre bisherige Karriere zurück.

Autor: Andreas Zemke

Redaktion: Diana Redlich

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